Straining: Zur Langeweile verdammt

Es gibt Chefs, die entbinden ihre Mitarbeiter von allen Aufgaben, isolieren sie regelrecht. Wer zur Untätigkeit verdammt ist, leidet enorm darunter. Über eine perfide Methode von Mobbing

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 18.12.2015

Nichts zu tun: Es kann Menschen quälen, wenn sie keine Aufgaben mehr haben

Corbis GmbH/--

Karl Havener (Name von der Redaktion geändert) war leitender Ingenieur in einem Unternehmen. Er trat der Gewerkschaft bei. Seitdem achtete er verstärkt auf Sicherheitsbestimmungen und tarifliche Vereinbarungen. Das machte ihn in seinem Betrieb zu einer unangenehmen Person. Eines Tages entband ihn sein Vorgesetzter von sämtlichen Aufgaben. Havener wurde vom Kommunikationsfluss abgeschnitten, sein Computer geleert und sein Name im internen Telefonverzeichnis gelöscht. Von da an musste er acht Stunden am Tag die Zeit totschlagen. Er fühlte sich komplett isoliert, als ob er in einer Einzelzelle im Gefängnis sitzt.

Psychologe Professor Harald Ege ist Gutachter für Arbeitsgerichte. Seiner Erfahrung nach ist es kein Einzelfall, was Havener erlebte: "Zahlreiche Gründe können dazu führen, dass ein Betrieb mit derartigen Maßnahmen versucht, einen unliebsamen Mitarbeiter zu vergraulen." Zum Beispiel, wenn Personal abgebaut werden soll. Oder wenn die Betriebsleitung ältere Arbeitnehmer durch jüngere ersetzen möchte.


Gezieltes Aufbauen von Stress

Die Methode funktioniert nach einem einfachen Rezept: Die Betroffenen werden ständig einer Stresssituation ausgesetzt, bis sie die Firma von selbst verlassen. Neben dem Entzug von Arbeit lässt sich der Stress auch durch besonders unangenehme Arbeitsaufträge oder ungeliebte Kollegen aufbauen. Ege prägte für dieses Vorgehen den Begriff "Straining", zu deutsch: Belasten.

Im öffentlichen Bewusstsein sei Straining hierzulande noch eine Randerscheinung. "Aber in der Praxis ist das ein Hauptkonfliktgrund im deutschen Arbeitsleben", sagt der Experte und zitiert eine italienische Statistik aus dem Jahr 2005 zur Verbreitung von Straining. Demnach handelt es sich in Italien bei etwa 60 Prozent aller Mobbing-Verdachtsfälle um Straining, nur bei 20 Prozent liegt Mobbing im klassischen Sinn mit ständigen Anfeindungen vor. Ege vermutet, dass es sich in Deutschland ähnlich verhält. Wie zahlreich die Fälle sein könnten, zeigt eine Schätzung der Berufsgenossenschaften: Jährlich gibt es über eine Million Mobbingkonflikte in Deutschland.

Betroffene werden oft psychisch krank

Anfangs hoffte Havener, es handele sich nur um eine Umstrukturierungsmaßnahme. Und er dachte, dass er bald wieder neue Aufgaben erhalten würde. Aber alle Nachfragen bei der Geschäftsführung halfen nichts. Je länger die Situation dauerte, desto stärker wuchs in Havener die Verzweiflung. Nachts konnte er nicht mehr durchschlafen. Sein Selbstbewusstsein sank von Tag zu Tag. Er begann, sich zurückzuziehen und auch seine Feierabendaktivitäten zu vernachlässigen. Schließlich meldete er sich krank, und ein Arzt schrieb ihn wegen einer depressiven Verstimmung wochenlang arbeitsunfähig. Erst nach eineinhalb Jahren hatte Havener die Kraft, einen Rechtsanwalt aufzusuchen. Dieser bereitete schließlich eine Klage vor.


Deutsche Rechtsprechung noch lückenhaft

Allerdings steckt in Deutschland die Rechtsprechung zu Straining noch in den Kinderschuhen. Und es gibt nur wenige Anwälte, die sich mit der Materie ausgiebig befassen. "Es gibt in Deutschland bisher keine Tradition effizienter Rechtsprechung bei Mobbing", kritisiert Professor Klaus Michael Alenfelder, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Bonn. Der Begriff Straining sei noch weitgehend unbekannt. In manchen anderen Ländern ist die Justiz schon deutlich stärker sensibilisiert, zum Beispiel in Italien. "Auch vom obersten amerikanischen Gerichtshof gibt es ein Urteil, das ein derartiges Vorgehen am Arbeitsplatz mit Folter vergleicht", fügt Ege hinzu.

Möchte ein Straining-Opfer hierzulande auf Schadensersatz klagen, muss der Rechtsanwalt eine besonders schwere Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechtes nachweisen. Das kann schwierig sein, weil nur eine einzige Maßnahme das Leid ausgelöst hat und diese Maßnahme auch keinen Straftatbestand erfüllt. "Deshalb muss der Rechtsanwalt überzeugend darlegen, dass es weitreichende, täglich andauernde Folgen gibt, die den Betroffenen außerordentlich belasten", sagt Alenfelder, der bundesweit Mobbing- und Diskriminierungsverfahren betreut.

Gutachten hält psychische Folgen fest

Um für eine Klage die Folgen zu belegen, sollte der Betroffene einerseits die Zustände am Arbeitsplatz dokumentieren. Zum Beispiel, indem er die Korrespondenz mit entsprechenden Arbeitsanweisungen sammelt und den leergeräumten Arbeitsplatz fotografiert. Außerdem kann ein Gutachten die psychischen und gesundheitlichen Belastungen für das Opfer darstellen. "Das vereinfacht die Sache, weil Gutachter psychologische Testreihen haben, die die psychosomatischen Folgen und ihre Ursachen wissenschaftlich belegen können", sagt Ege. Und so ein Gutachten könne nur durch ein Gegengutachten widerlegt werden.


Bekommt der Kläger Recht, kann er Schadensersatz für drei verschiedene Arten von Schäden erhalten: den beruflichen, biologischen und den existenziellen Schaden. Die drei Kategorien werden einzeln bewertet, ihre Summe ergibt dann die Schadensersatzforderung. Der berufliche Schaden berücksichtigt den Karriereverlust. Der biologische kann neu aufgetretene Angstzustände, Panikattacken, eine sogenannte Verbitterungsstörung, chronische Müdigkeit und einen Burn-out beinhalten. "Beim existenziellen Schaden bewerten die Gerichte, wie stark die Lebensqualität des Opfers gelitten hat", erklärt Ege. Dazu zählen zum Beispiel der Verlust von Hobbies, ein beeinträchtigtes Sozialleben oder auch eine Trennung vom Partner.

Alenfelder berichtet von einem Strainingfall durch verordnete Untätigkeit, bei dem er erfolgreich eine finanzielle Entschädigung erstritt: Als einem leitenden Manager eine ehemalige Konkurrentin vor die Nase gesetzt wurde, entzog sie ihm sofort die Projektleitung mit 200 Mitarbeitern. Angebliche Fehler und schlechte Leistung konnten dem Manager aber nie nachgewiesen werden. Drei Jahre lang wurde er zum Nichtstun verdonnert. Dafür erhielt er am Ende gut 300.000 Euro. In einem anderen Verfahren schloss Alenfelder für ein Mobbing- und Diskriminierungsopfer einen Vergleich mit einem Gesamtwert von über 500.000 Euro.



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