Religion: Gesünder dank Glaube?

Der Glaube an höhere Mächte kann Seelenfrieden stiften. Schützt Spiritualität auch vor Krankheiten? Studien legen das nahe. Über die Gründe streiten Forscher
von Christian Andrae, aktualisiert am 17.05.2016

Spiritualität kann die Psyche stärken – und damit möglicherweise Leiden vorbeugen

Fotolia/gracel21

Glauben Sie an einen Gott? Oder an höhere Mächte? Dann leben Sie wahrscheinlich länger und gesünder als ungläubige Zeitge­­nos­sen. Zumindest behauptet das Professor Harold G. Koenig. Der Psychiater leitet an der renommierten Duke-Universität in Durham (USA) das "Center for Spirituality, Theology and Health".

Seit 2004 sammelt das Team um Koenig dort Studien über den Zusammenhang von Religion, Spiritualität und Gesundheit und wertet sie aus. Aktuell haben die Forscher insgesamt mehr als 3300 wissenschaftliche Arbeiten durchleuchtet: Ob Wohlbefinden, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Ausdauer, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen – wer gläubig ist, lebt gesünder, wird seltener krank und hat vor allem eine ausgeglichenere Psyche. Stimmt das, dann müssten gläubige Menschen doch auch länger leben. Mönche und Nonnen zum Beispiel.


Mönche leben länger

Auf diese Frage wollte Marc Luy, Bevölkerungsforscher an der Universität Wien, eine Antwort finden. Schon Mitte der 90er-Jahre trug Luy vor Ort aus ­Karteikarten in den Archiven bayerischer Klöster die Daten von Ordensmitgliedern zusammen. Seither wurde dieser Datensatz, der rund 6200 Nonnen und 5800 Mönche umfasst, immer wieder aktualisiert und mit den Sterbedaten der Allgemeinbevölkerung verglichen. Ergebnis: Die Mönche leben im Schnitt vier Jahre länger als der Durchschnittsmann. Bei Frauen beträgt die Differenz zwar weniger als ein Jahr, aber: Alle Ordensmitglieder leben länger.

Darauf deutet auch eine an der Universität von Thessaloniki in Griechenland durchgeführte Studie hin. Zwischen 1994 und 2007 beobachteten die Forscher, wie es um die Gesundheit der rund 1500 Mönche am Heiligen Berg Athos im Norden des Landes steht. Bei keinem der Ordensbrüder hatte sich im Zeitraum von 13 Jahren ein Lungen- oder Darmkrebs gebildet. Lediglich bei elf Mönchen wurde Prostatakrebs diagnostiziert. Herz-Kreislauf-­­Erkrankungen und Alzheimer? Selten. 

Irdische Gründe oder Seelen-Heil?

Ein Wunder? Wohl nicht. Die Autoren der Studie vermuten irdische Gründe hinter der überdurchschnittlich guten Gesundheit der orthodoxen Mönche. Die mediterrane Ernährung zum Beispiel: Kräuter statt Salz, Fisch statt Fleisch, Olivenöl statt Butter. Dass eine solche Ernährung tatsächlich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken kann, wurde bereits in einer 2013 im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie gezeigt.

Hinzu kommen die besonderen Lebensbedingungen in der autonomen Mönchsrepublik. Die Bewohner führen ein abgeschottetes Leben in Askese: keine Familie, kein Radio, kein Fernsehen, und die Nahrungsmittel bauen sie selbst an. Marc Luy vermutet hinter der höheren Lebens­erwartung der Mönche in Bayern wiederum weniger Stress, den der fest geregelte Tagesablauf im Kloster mit sich bringe.

Leben religiöse Menschen schlicht gesünder?

Auch für Harold Koenig haben die positiven Effekte von Religion logische Gründe. Vor allem die Art und Weise, wie diese Menschen leben, wirke sich auf deren Gesundheit aus: "Ein von Religion oder Spiritualität geprägter Lebensstil bringt auch gesündere Verhaltensweisen mit sich – Sport, ausgewogene Ernährung und eine Ablehnung von Alkohol, Drogen und Zigaretten."

Deshalb spiele es in gesundheitlicher Hinsicht keine Rolle, an welchen Gott, welche Religion oder welche Mächte man glaubt. Koenig macht in seinen Studien auch keinen Unterschied zwischen "Religion" (also konkret ausgearbeiteten Jenseitsvorstellungen) und "Spiritualität" (ein diffuser Begriff für einen Sinn für Jenseitiges). 

Glaube entlastet die Psyche

Vom Lebensstil abgesehen, gibt es laut Koenig noch einen weiteren Aspekt, der erklärt, warum sich Religion und Spiritualität positiv auf das Leben auswirken können: die Psyche. "Das Vertrauen in höhere Mächte verringert psychischen Stress", sagt Koenig.

Das bestätigt auch Professor Christoph Wulf von der Freien Universität Berlin. "Religionen geben auf Grundfragen des Lebens eine Antwort. Das entlastet die Seele." Wulf lehrt Anthropologie und setzt sich mit den psychologischen Auswirkungen von Ritualen auseinander. Diese meist tief in Religionen verankerten stereotypen Handlungen würden dem Menschen in einer hochdifferenzierten Umwelt Stabilität verleihen. Das sei ein weiterer Vorteil des Glaubens: Alltagsbewältigung. 

Dünne Datenlage

Aber hat Religion auch gesundheitliche Nachteile? Kann sie zum Beispiel krank machen? "Nein, das bezweifle ich", sagt Harold Koenig voller Überzeugung. Dabei muss man wissen, dass Koenig im "Bibelgürtel" im Süden der USA lebt, wo christliche Religionsgemeinschaften das öffentliche Leben wesentlich stärker prägen, als das überwiegend in Europa der Fall ist.

Auf unserer Seite des Atlantiks sehen viele Forscher, die sich mit der Wirkung des Glaubens auf die Gesundheit befassen, das etwas kritischer. Der Psychologe Michael King, Professor am University-College in London, ist einer von ihnen. "Will man wissen, ob Religion an sich – und nicht der ­­Lebensstil, den sie mit sich bringt – gut für einen ist, dann wird die Datenlage sehr dünn", sagt er und  beschreibt damit ein Grundproblem: Religion lässt sich nicht wie ein Medikament testen.

Religion ist kein Medikament

Um zu prüfen, wie eine Arznei wirkt, wird sie einer Gruppe von Testpersonen verabreicht. Eine Kontrollgruppe erhält ein wirkstofffreies Placebo. Weder Versuchsleiter noch Testpersonen wissen, wer welches Mittel bekommt. Die Wirkung religiösen Glaubens auf diesem Niveau zu testen sei kaum möglich, sagt King. Allzu positive Ergebnisse seien deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Forscher einer 2014 im Fachblatt Current Opinion in Psychiatry veröffentlichten Studie kritisieren zudem, dass bisherige Untersuchungen stark auf den christlichen Glauben ­fixiert sind. Sie heben auch negative Aspekte von Religion und Spiritualität hervor – etwa, wenn Homosexuelle in Konflikt mit religiösen Werten geraten oder Patienten eine Therapie verweigern, die gegen religiöse Prinzipien verstößt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Psyche durchaus vom Glauben profitieren – aber durchaus auch Schaden nehmen kann.


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