Quarterlife Crisis: Sinnkrise junger Menschen

Einige 20- bis 30-Jährige durchlaufen eine Phase, in der sie ihr Leben neu ausrichten wollen. Wie sie am besten damit umgehen, erklären zwei Experten

von Dr. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 13.04.2015

Wohin soll mein Weg führen? In gewissen Lebensphasen eine schwere Frage

Fotolia/r2Studio

Für Robert Bach* waren Loyalität, Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit immer wichtige Werte. Als er nach seinem Studium aber als Controller in der Buchhaltung eines Finanzunternehmens landete, ging es dort primär um Geld. Während Kollegen entlassen wurden, gönnte sich der Chef Gehaltserhöhungen und Boni. Schließlich kündigte Bach. Aber in den darauffolgenden acht Monaten fand er keine neue Anstellung. Einerseits suchte er intensiv nach einer neuen Arbeit, andererseits sträubte sich tief in ihm alles gegen die Geschäftswelt. Er hatte auch keine Partnerin, die ihm Halt gegeben hätte.

So begann Bach, alles infrage zu stellen: "Habe ich denn überhaupt etwas zu bieten? Bin ich selbst liebenswert? Was kann und will ich eigentlich beruflich machen? Will ich den Job noch ausüben, und mich noch mal in so eine Geldmaschinerie hineinbegeben? Soll ich etwas völlig anderes beginnen? Wieso funktioniert die Gesellschaft so?" Er setzte sich so unter Druck, dass er sich keine Fehler und Schwächen mehr erlaubte. Schließlich landete er von Selbstzweifeln gequält bei einem Psychotherapeuten.

Ähnlich erging es Thomas Koch*. Das Abitur und den größten Teil des Pädagogikstudiums hatte er mit Bravour gemeistert. Aber jetzt sollte er die Diplomarbeit schreiben und konnte sich einfach nicht dazu aufraffen. Nach langem Ringen wandte er sich an einen Psychotherapeuten. Dieser erarbeitete mit ihm den Grund für sein Hinauszögern der Diplomarbeit: Die Angst davor, die sichere Welt der Universität zu verlassen und nicht zu wissen, wie es danach weitergeht.

Sinnkrise betrifft oft Akademiker

Fälle aus dieser Altersgruppe von Anfang zwanzig bis dreißig fassen manche Experten unter dem Stichwort "Quarterlife Crisis" zusammen, inspiriert von dem Begriff Midlife Crisis für annähernd doppelt so alte Menschen. Die Psychotherapeuten Lara Werkstetter aus Dortmund und Werner Gross aus Offenbach bestätigen, dass sich öfter Patienten aus dieser Altersgruppe an sie wenden.


Psychotherapeutin Lara Werkstetter aus Dortmund

Krystian Krawczyk

Dabei stehen Unsicherheit bei der Berufs- und Partnerwahl, Überforderung, Orientierungs- und Sinnfragen sowie Versagensängste und Selbstzweifel im Vordergrund. "Von Fall zu Fall können die Inhalte der Krise jedoch ganz unterschiedlich sein", erklärt Werkstetter. Auffällig oft trifft die Quarterlife Crisis Menschen, die gebildet sind und eigentlich gute Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt haben. "Die lange Studienzeit bewirkt, dass die Menschen oft erst mit Ende zwanzig richtig ins Berufsleben starten und sich dann enorm unter Druck setzen."

Bei Frauen ticke zudem schon langsam die biologische Uhr, wenn die Kinderfrage noch nicht geklärt sei, sagt Werkstetter. "Deshalb grübeln sie: Nachwuchs, Karriere, oder beides?" Bei Männern gebe es hingegen immer noch eine höhere gesellschaftliche Erwartung bezüglich beruflicher Leistung und Einkommen. "So manchen lähmt die Angst, sich durch falsche Entscheidungen bisher offene Türen zu verschließen." Die Vielfalt der möglichen Lebensentwürfe empfänden diese Menschen eher als Last statt als Chance.

Viele Möglichkeiten, wenig Orientierung

Sich beruflich und privat für einen Weg zu entscheiden, wird außerdem durch den steten Wandel in der modernen Gesellschaft erschwert: Beruflich bieten neue Arbeitsfelder Karrierechancen, die es vorher gar nicht gab, während andere Berufe verschwinden. Neue Technologien verändern den Umgang miteinander. Privat erleichtern Datingportale das Kennenlernen potenzieller Partner und schrauben die Ansprüche an Beziehungen nach oben, denn der oder die Richtige ist scheinbar nur wenige Mausklicks entfernt.


Psychotherapeut Werner Gross aus Offenbach

W&B/Privat

Neben gesellschaftlichen Faktoren machen aber auch Charaktereigenschaften anfällig für die Quarterlife Crisis, sagt Gross. Gerade Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst und ihr Leben seien gefährdet: "Sie wollen den perfekten Job, den perfekten Partner, die perfekte Familie und die perfekte Wohnung – und sind verunsichert, wenn dann Vorstellung und Realität auseinanderdriften." Dies sei für einige eine neue Erfahrung: "Oft haben in der Vergangenheit noch die Eltern alle Steine aus dem Weg geräumt, und dann sorgt der raue Wind in der Geschäftswelt für einen Realitätsschock."

Selbstvertrauen und sichere Bindungen können schützen

Werkstetter sieht ein stabiles Selbstwertgefühl als eine wichtige Stütze, um nicht so leicht in eine Krise zu geraten. Vor allem sei die Selbstwirksamkeitserwartung wichtig: "Wer denkt, dass er sein Leben selbst günstig beeinflussen und Ungünstiges abwenden kann, kommt besser in Zeiten zurecht, in denen er viel Verantwortung für sein Leben übernehmen muss."

Darüber hinaus hilft ein gesundes Selbstvertrauen. Wer bereits in der Kindheit sichere Bindungen erlebt hat, geht mit der Einstellung "Menschen sind etwas Gutes, und ich bin selbst auch gut", von vornherein optimistischer durchs Leben. Und wer aktuell einen stabilen Freundeskreis hat, findet auch schneller ein offenes Ohr für seine Probleme. Umgekehrt zweifeln Menschen, die unsichere Bindungen erlebt haben, eher an sich selbst, sind misstrauischer und deshalb anfälliger.

Die Krise überwinden

Werner Gross geht davon aus, dass nur ein Bruchteil der Krisengeplagten tatsächlich eine Psychotherapie benötigt: "Zunächst sollte der Betroffene sich selbst fragen: Wie bin ich in die Situation geraten? Was kann ich tun, um wieder herauszukommen?" Helfe das nicht, finde man vielleicht in seinem Umfeld eine Bezugsperson, mit der man über die Probleme sprechen kann. "Der Angehörige sollte sich aber mit Ratschlägen oder gar einem erhobenen Zeigefinger zurückhalten. Besser ist es, wenn er zuhört und eventuell erzählt, wie er selbst solche Phasen erlebt hat."

Eine weitere Möglichkeit sind Selbsthilfegruppen, die sich zum Beispiel in Internetforen austauschen. "Wenn allerdings die Krise anhält, und derjenige droht, in eine Krankheit abzurutschen wie eine Depression, Angsterkrankung oder psychosomatische Störung, sollte er sich professionelle Hilfe suchen", sagt Gross.

Mit Psychotherapie den eigenen Weg finden

Der Offenbacher Psychotherapeut setzt dann auf eine Kombination aus tiefenpsychologischer Psychotherapie und Verhaltenstherapie. "Denn einerseits ist es wichtig, die psychischen Gründe für die Krise offenzulegen. Andererseits benötigen die Patienten oft auch Unterstützung, wie sie ihr Verhalten ändern können." Gross betont allerdings, dass es nicht darum gehe, die Verantwortung für den Betroffenen zu übernehmen: "Die Psychotherapie ist wie eine Bergwanderung. Ich kann den Betroffenen nicht zu seinem Gipfel hochtragen. Aber ich kann ihm sagen, wo die ‚Geröllfelder’ und andere Risiken und Hindernisse auf dem Weg liegen."

Werkstetter ergänzt: "Häufig geht es darum, individuelle Wünsche und Bedürfnisse zu klären, die den Menschen wirklich befriedigen, und den Lebensentwurf daran anzupassen." Er solle realistische Aufgaben ins Auge fassen, statt unbegrenzt noch schneller, weiter, besser werden zu wollen. Außerdem sei es wichtig, den Blick des Patienten auch auf das Positive zu richten, was bereits da ist, und eigene Stärken und Erfolge anzuerkennen.


Fünf Säulen der Identität

Bei der Behandlung seiner Patienten geht Gross von einem Modell aus, wonach fünf Säulen die Identität eines Menschen stützen. Der Patient soll jeden Pfeiler hinterfragen:
1. Tagesstruktur: Warum stehe ich morgens auf? Welche Tätigkeit erfüllt mich?
2. Leiblichkeit: Wie halte ich meinen Körper fit?
3. Partnerschaft und Herkunftsfamilie: Was kenne ich aus meiner Familie, was habe ich übernommen? Was sollte ich ändern für die aktuelle Partnerschaft?
4. Freundeskreis und soziales Umfeld: Gibt es auch Freunde, die ähnlich nahe Bezugspersonen wie Familienmitglieder sind?
5. Sinnsystem: Was sind meine Werte, nach denen ich lebe?


Überstandene Krise macht stärker

Generell seien Krisen Bestandteil fast jeden Lebenslaufs, sagt Gross. Manche treffen sie früher, andere später. So gibt Gross einen versöhnlichen Ausblick: "Wer eine Quarterlife Crisis gut gemeistert hat, den trifft in der Regel später die Midlife Crisis weniger stark." Nicht zuletzt deshalb, weil derjenige dann oft schon in frühen Jahren seine Karriereplanung und Partnerwahl an seine tatsächlichen Lebensziele angepasst habe. "Und das ist doch besser, als später zu entdecken, dass man dreißig Jahre etwas getan hat, was man gar nicht wollte!"

 

* Namen von der Redaktion geändert



Bildnachweis: W&B/Privat, Krystian Krawczyk, Fotolia/r2Studio

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