Ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut ist entscheidend für den Erfolg einer Psychotherapie
Ein einfaches Foto genügt. Ein Bild dieser ekligen, behaarten Spinne mit ihren acht feingliedrigen Beinen. Schon setzt ein Fluchtreflex ein, die Herzfrequenz geht nach oben, die Muskeln spannen sich an.
Es ist immer derselbe Mechanismus bei Menschen, die unter einer Spinnenphobie leiden: Das Auge nimmt das Tier wahr, Sehnerven leiten das Bild weiter, und schon schaltet sich die Amygdala ein, der sogenannte Mandelkern. In dieser nur millimetergroßen Hirnregion sind vergangene traumatische Erlebnisse gespeichert. Sie steuert die emotionale Bewertung von Situationen und löst bei vergleichbaren Ereignissen immer wieder Alarm aus. Stresshormone werden ausgeschüttet, ob der Betroffene will oder nicht.
Menschen mit Zwangs- und Angststörungen oder Depressionen sind in ihren Denk- und Handlungsmustern gefangen: So würde es ein Psychotherapeut diagnostizieren. Alle Gespräche und therapeutischen Maßnahmen ändern oft lange Zeit nur wenig daran. Doch dann, ganz plötzlich, genügt ein nebensächliches Ereignis, und der Patient macht Fortschritte. „Dass Psychotherapie wirkt, wissen wir schon länger mit Sicherheit“, sagt Professor Günter Schiepek, Psychotherapieforscher an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.
Mit Internet-basierten Fragebögen begleitet er seit Jahren ehemalige Patienten und verfolgt deren Befinden nach einer Behandlung: „Ob durch Psychotherapie oder Medikamente, dass sich Denkmuster verändern, muss am Ende immer auf Vorgängen im Nervensystem beruhen.“ Schon Sigmund Freud baute auf dieser Erkenntnis seine Theorie auf.
Aber erst moderne bildgebende Verfahren erlauben einen detaillierten Blick in das Gehirn. Bei der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) liegt der Patient in der Kernspin-Röhre. Um eine Reaktion hervorzurufen, wird ihm ein Bild gezeigt, das zum Beispiel Angst oder Ekel auslöst. Auf dem Monitor erkennt Dr. Susanne Karch, Diplom-Psychologin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, in Sekundenbruchteilen, wie sich die Durchblutung in einzelnen Hirnregionen verändert – welche Bereiche also aktiv sind.
Im Lauf einer erfolgreichen Therapie zeigen sich veränderte Muster: Nervenbahnen verschalten sich, neue Verbindungen entstehen. „Die Psychotherapie war in der Medizin lange Zeit ein umstrittenes Gebiet, weil ihre Auswirkungen nicht biologisch messbar waren“, sagt Karch. „Kriterium war lediglich die subjektive Beurteilung des Patienten und des Therapeuten.“
Am besten erforscht sind heute einfache Angststörungen wie die Spinnenphobie. Veränderungen im Gehirn gezielt zu steuern, dort setzt die kognitive Verhaltenstherapie an: Menschliches Verhalten sei angelernt und könne auch neu erlernt werden. Die Patienten setzen sich bewusst Angst auslösenden Situationen aus und hinterfragen ihr Verhalten. Nervenzellen verschalten sich in der Art, wie es eingeübt wird. Der Angst-Automatismus schwächt sich langsam ab.
In Zukunft will die Forschung sichtbar machen, was bei der Therapie von Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen im Gehirn geschieht. „Das ist nach wie vor mehr Programm als gesicherter Wissensbestand“, sagt Karch. „Langfristig wollen wir genau bestimmen können, unter welchen Bedingungen und an welchem Punkt sich das Gehirn selbst neu organisiert. Dann könnten wir die Therapie effizienter gestalten.“
Bisher seien bei den Effekten allerdings keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen der Psychotherapie gemessen worden, erklärt Schiepek. „Gemeinsam haben diese aber, dass sie festgefahrene Muster des Denkens aufbrechen und dem Individuum seine Entwicklungsfähigkeit zurückgeben.“
Stefan Schweiger / Apotheken Umschau;
14.02.2012
Bildnachweis: Superbild/PHANIE
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