Nehmen psychische Erkrankungen zu?

Ärzte diagnostizieren bei immer mehr Menschen psychische Leiden wie Depressionen und Angststörungen. Andere Studien sehen keine Zunahme der Krankheiten. Was stimmt eigentlich?

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 29.07.2015

2013 stellten Ärzte bei 30% der BKK-Versicherten eine psychische Erkrankung fest

iStock / René Mansi

Medien berichten über depressive Stars, Burn-out als Volkskrankheit, eine Epidemie neuartiger digitaler Süchte und verwirrte Amokläufer. Da kommt der Eindruck auf, die Gesellschaft werde von Jahr zu Jahr psychisch instabiler. Tatsächlich geht laut Angaben der Betriebskrankenkassen inzwischen jeder siebte Krankheitstag auf eine psychische Erkrankung zurück. Die Aufzeichnungen zeigen eine starke Zunahme in den letzten zehn Jahren. Auch die Zahl der Fälle ohne Krankschreibung ist angestiegen, im Jahr 2013 wurde bei über 30 Prozent der BKK-Versicherten eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Ein besorgniserregender Trend?

Professor Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin deutet die Zahlen anders. Er geht davon aus, dass in früheren Jahrzehnten viele psychische Störungen schlichtweg nicht diagnostiziert wurden. Und epidemiologische Studien geben ihm recht: Bereits 1998 zeigte eine repräsentative Stichprobe, dass um die 30 Prozent der 18- bis 65-Jährigen im Laufe eines Jahres an einer psychischen Erkrankung litten. Eine 2012 durchgeführte Studie des Robert Koch-Instituts bestätigte diese Zahl. Für diese aufwändige Studie wurden über 4000 repräsentativ ausgewählte Menschen im Durchschnitt eineinhalb Stunden lang befragt.


Professor Frank Jacobi

Psychologische Hochschule Berlin

Herr Jacobi, gibt es psychische Krankheiten, die besonders hervorstechen?

Die häufigste Einzeldiagnose ist die Depression, sie betrifft knapp zehn Prozent der Bevölkerung. Die zahlenmäßig stärkste Diagnosegruppe sind Angsterkrankungen. Um die 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter Panikstörungen, sozialen Phobien, anderen Phobien oder einer generalisierten Angststörung.

Sie sehen insgesamt keine Zunahme der psychischen Krankheiten. Woraus schließen Sie das – im Gegensatz zum gefühlten Trend und den Krankenkassen-Zahlen?

Ich sehe keine deutliche Zunahme psychischer Störungen, weil ich die repräsentativen Stichproben für zutreffender halte. Denn sie erreichen auch Menschen, die nicht zum Arzt gehen. Und das Vorgehen ist standardisierter als in der ärztlichen Praxis, durch die die Krankenkassen-Zahlen entstehen. Dort haben die Ärzte zum Teil gar nicht genügend Zeit, einen Patienten so genau zu untersuchen. Deshalb stellen gerade Hausärzte zuweilen eher über den Daumen gepeilt entsprechende Diagnosen. Das kann man daran sehen, dass die Hälfte der von Hausärzten diagnostizierten Depressionen keine Angabe zum Schweregrad erhält, sondern die Diagnose "unspezifische Depression" lautet.

Welche Fragen stellen Sie bei den Stichproben?

Die diagnostischen Interviews in unseren epidemiologischen Studien orientierten sich an den gängigen Kriterien für verschiedene psychische Diagnosen, wie sie Ärzte und Psychologen üblicherweise verwenden. Eine Frage lautet zum Beispiel: "Gab es in den letzten zwölf Monaten einmal eine Zeitspanne oder Phase von zwei Wochen oder länger, in der Sie sich fast täglich, die meiste Zeit über traurig, niedergeschlagen oder deprimiert fühlten?" Daran schließen sich weitere Fragen nach Symptomen und ihrer Dauer und Beeinträchtigung an – die Diagnose einer Depression wird erst dann gestellt, wenn alle Kriterien nach den gültigen Diagnosesystemen erfüllt sind.

Als Laie stellt man sich dann die Frage, ob es bei den Kassendaten Ungereimtheiten gibt?

Bei den Kassendaten sieht man große regionale Unterschiede, die so kaum in der Realität vorstellbar sind. Zum Beispiel gäbe es demnach in Ostbayern dreimal so hohe Depressionsraten wie in Westbayern. Auch zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland findet man in den Kassendaten erhebliche Unterschiede: Im Osten ist die Ärztedichte allgemein geringer. Dort gibt es deutlich weniger Diagnosen. In Regionen mit höherer Ärztedichte werden hingegen mehr psychische Diagnosen vergeben. Manche Leute erhalten vermutlich vom Arzt eine Diagnose, obwohl sie bei uns in der Studie nicht als psychisch erkrankt gelten. Andere Menschen mit psychischen Leiden gehen gar nicht erst zum Arzt.

Es kann auch sein, dass die Diagnose schon vor Jahren von einem Arzt gestellt wurde und mittlerweile gar nicht mehr zutrifft, aber im ärztlichen EDV-System weiterläuft – obwohl der Patient zum Beispiel seine depressive Episode schon vor Jahren überwinden konnte.


Sie haben regionale Unterschiede angesprochen. Auch in den Großstädten gibt es eine Häufung der Diagnosen.

Das hat ebenfalls zum Teil mit der Dichte ärztlicher Angebote zu tun. Wir finden allerdings auch in den epidemiologischen Studien einen gewissen Trend. In den Großstädten scheint es mehr Risikofaktoren für depressive und psychotische Störungen zu geben. Eventuell ziehen große Städte auch Menschen an, die anfälliger für bestimmte psychische Erkrankungen sind. Zum Beispiel weil sie unangepasster sind und sich freier fühlen in bestimmten Subkulturen, die es nur in den Städten gibt. In Städten fällt es vermutlich auch weniger auf, wenn jemand Drogen konsumiert.

Das eine sind die einzelnen Diagnosen. Parallel steigen aber auch die  Krankheitstage an. Wie erklären Sie sich das?

Die Krankschreibungen bei psychischen Störungen sind schon immer überproportional lang. Wegen der Art der Erkrankungen, aber auch weil die Versorgung nicht an allen Orten optimal ist. Deshalb bekommen die Patienten nicht so schnell Termine beim Psychotherapeuten oder Psychiater.

Wobei aber auch nur ein kleiner Teil der Menschen mit einer entsprechenden Diagnose tatsächlich krankgeschrieben wird. Auf etwa 30 Prozent der Bevölkerung pro Jahr würde eine entsprechende Diagnose zutreffen, aber nur 5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung wird deshalb krankgeschrieben: dann allerdings so lange, dass ungefähr 15 Prozent der Krankschreibungstage auf die psychischen Störungen entfallen.

Die Bevölkerung geht also wegen psychischer Leiden eher zum Arzt als einst. Sind seelische Krankheiten auch besser akzeptiert als noch vor zehn Jahren?

Ja, davon gehen wir aus. Allerdings finden wir immer noch Stigmatisierungseffekte. Fragt man zum Beispiel "Möchten Sie einen Kollegen oder Nachbarn mit Schizophrenie haben?", gibt es deutliche Vorbehalte. Insgesamt aber hat sich die Einstellung in den letzten zwanzig Jahren stark verbessert, sodass betroffene Menschen sich eher trauen, zum Arzt zu gehen und auch eine entsprechende Diagnose eher akzeptieren. Früher wären die Menschen vielleicht auch krankgeschrieben worden, aber wegen etwas anderem.

Simulieren manche Menschen eventuell auch psychische Erkrankungen für eine Krankschreibung?

Denkbar wäre es, wenn sich jemand mit der Diagnostik auskennt und gut schauspielern kann. Aber ich habe keine Hinweise darauf, dass auf dem Gebiet psychischer Diagnosen mehr simuliert wird als bei körperlichen Diagnosen. Da sollte man mit pauschalen Urteilen sehr vorsichtig sein.



Bildnachweis: Psychologische Hochschule Berlin, iStock / René Mansi

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