„Nach Trauma wieder in die Zukunft blicken“

Wie unterstützt man Angehörige nach einem Schicksalsschlag? Die Therapeutin Alena Mehlau gibt Tipps für einen Umgang mit traumatisierten Menschen, ohne sie zu bevormunden

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 08.12.2015

Nach dem Trauma: Betroffene am besten nach ihren Bedürfnissen fragen

iStock/Klenger

Plötzlich einen geliebten Menschen verlieren, Gewalt am eigenen Leib erfahren, oder eine Naturkatastrophe erleben: Solche Ereignisse können Menschen bis aufs Mark erschüttern. Viele Menschen bleiben dennoch psychisch stabil. Andere entwickeln Traumareaktionen. Im Laufe ihres Lebens erleben über die Hälfte aller Menschen mindestens ein traumatisches Ereignis. Dann ist Feingefühl im Umgang mit ihnen gefragt. Diplompsychologin Alena Mehlau hat auf dem Gebiet viel Erfahrung gesammelt. Die Traumatherapeutin arbeitet bei medica mondiale, einer Organisation, die vergewaltigte Frauen in Krisengebieten unterstützt.


Alena Mehlau

Alena Mehlau, Diplom-Psychologin und Fachreferentin für Trauma-Arbeit bei medica mondiale

Ulla Burghardt/medica mondiale

Frau Mehlau, wie geht man am besten mit Menschen um, die etwas Traumatisches erlebt haben?

Es gibt kein Patentrezept. Mein Rat lautet deshalb: Fragen Sie! Haben Sie Vertrauen darauf, dass die Betroffenen in der Lage sind, ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Falls sie sagen, dass sie eine Zeit lang in Ruhe gelassen werden wollen, dann akzeptieren Sie das. Die meisten Menschen haben auch in solch schwierigen Situationen noch Kraftquellen, um ihre Widerstandskraft aufrechtzuhalten und uns zu sagen, was sie im Moment brauchen.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch Angehörige?

Wer nach einer traumatischen Erfahrung soziale Unterstützung erfährt, entwickelt viel seltener eine posttraumatische Belastungsstörung oder andere Beschwerden. Das zeigen Studien. Deshalb ist der Kontakt mit anderen Menschen ganz wesentlich. Selbst wenn wir als Helfer öfter zurückgewiesen werden, sollten wir immer wieder signalisieren, dass wir da sind. Einfach nur unsere bloße Anwesenheit kann schon eine sehr starke Wirkung haben.

Darf man die Betroffenen auf das traumatische Ereignis ansprechen?

Wenn die Betroffenen Bereitschaft dazu signalisieren: Ja. Haben Sie keine Angst,  anzusprechen, was passiert ist. Es ist für Betroffene sehr schmerzhaft, wenn man für das, was ihnen passiert ist, keine Worte findet. Oft haben sie selbst große Schwierigkeiten, die eigene Erfahrung in Worte zu fassen. Deshalb ist es eine Erleichterung für sie, wenn ihre Bezugspersonen dafür Worte finden. Sagen Sie: "Das ist dir passiert, das muss schmerzhaft für dich sein. Deshalb bin ich für dich da." Sie sollten also das Leid und den Schmerz anerkennen und dies auch aussprechen.


Traumafolgestörungen

Zu Traumafolgestörungen gehören Depressionen und psychosomatische Erkrankungen. Körperliche Anzeichen sind zum Beispiel Magenprobleme, Magengeschwüre, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Migräne, Herzrhythmusstörungen oder ein undefinierter Schmerz im Herzraum.

Bei manchen Menschen entsteht eine posttraumatische Belastungsstörung mit folgenden Hauptsymptomen:

  • Vermeidungsreaktion: bestimmte Reize und Gefühle werden dauerhaft vermieden
  • Wiedererleben: durch Albträume oder Flashbacks
  • Hyper arousal: der Mensch ist schreckhaft und ängstlich, sein Körper überreagiert auf Reize
  • Veränderte Stimmung und emotionales Erleben: zum Beispiel ein Gefühl emotionaler Abstumpfung oder Taubheit

Besonders oft treten Traumafolgestörungen nach sexualisierter Gewalt auf, laut Studien bei über der Hälfte der Fälle. Misshandlungen von Kindern haben ebenfalls häufig massive und langfristige psychische Folgen, mindestens ein Drittel erleben Symptome. Seltener kommen Traumafolgestörungen nach Unglücken vor. Nach Verkehrsunfällen sind es sieben bis 15  Prozent, nach Naturkatastrophen zeigen in der Regel weniger Menschen Traumafolgereaktionen.


Wie entscheidend ist es, über das konkrete Ereignis zu sprechen?

Befindet sich der Mensch gerade in einer Rückzugssituation und ist apathisch oder ängstlich, dann sollten Sie nicht zu sehr bohren, weil die Fragen Erinnerungen wachrufen. Das könnte denjenigen retraumatisieren und destabilisieren. Wenn die Person aber bereits eine gewisse Grundstabilität hat, sind Fragen sinnvoll. Ansonsten könnten die Betroffenen das Gefühl bekommen: "Was ich erlebt habe, wird tabuisiert, kein Mensch will wissen, was mir passiert ist."

Können Alltagsaktivitäten helfen, um sich vorübergehend abzulenken?

Schon. Das ist aber abhängig von der traumatischen Erfahrung. Betroffene haben vor allem anfangs das Bedürfnis, alles zu vermeiden, was an das Trauma erinnert. Denn die Reize in der Umgebung lösen andernfalls wieder starke Erinnerungen aus. Suchen Sie deshalb die Aktivität gemeinsam aus! Setzen Sie sich vorher zusammen und überlegen Sie, was geeignet ist.

Also nicht die konkrete Angstsituation aufsuchen wie bei der Therapie von Angststörungen?

Nein. Das ist ein riesiger Unterschied! Bei Traumafolgereaktionen ist es absolut nicht angemessen, ein Wiedererleben der Traumasituation künstlich herbeizuführen. Nach einer Stabilisierungsphase kann man unter therapeutischer Begleitung die Betroffenen anregen, sich die Situation nochmals anzuschauen, wie einen alten Film auf einem Bildschirm. Aber sich in eine ähnliche Situation zu begeben, wäre verkehrt.

Welche Ratschläge geben Sie Betroffenen?

Viele Menschen mit Traumareaktionen glauben zunächst, dass sie verrückt werden, zum Beispiel weil sie ständig nervös sind und ihnen immer wieder die Bilder der Katastrophe vor Augen treten. Das ist aber eine normale Reaktion. Dann hilft es, dies den Betroffenen auch zu sagen. Eventuell eignen sich auch Ratgeberbücher zu dem Thema. Wenn die Menschen lesen, wie die psychischen und physiologischen Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis aussehen und dass das Teil der Heilung ist, ist das für sie eine große Erleichterung.

Wie reagiert ein Mensch typischerweise auf eine traumatische Erfahrung?

Körper und Psyche müssen ein völlig abnormales Ereignis verarbeiten. Diese Anpassungsphase braucht häufig ihre Zeit. Sie dauert laut Lehrbuch vier bis fünf Wochen, meiner Erfahrung nach kann die Dauer auch stark variieren. In dieser Zeitspanne sind viele Menschen emotional instabil, ängstlich oder schreckhaft. Vermutlich kommen die Erinnerungen immer wieder, um dem Gehirn die Integration zu erleichtern. Denn es muss diese drastische Erfahrung in die eigene Biografie einfügen, um sich danach wieder mit der Zukunft befassen zu können.

Kann die Verarbeitung des Traumas auch misslingen?

Ja. Bei einigen Menschen wird die Anpassungsreaktion schädlich. Sie dient dann nicht mehr der Bewältigung, sondern wird zur Belastung. Die Menschen erleben dabei häufig Flashbacks, in denen Erinnerungen so massiv auftreten, als würde sich das traumatische Ereignis wiederholen. Oder die Betroffenen haben so große Angst, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Denn sie denken dauernd, sie müssten verhindern, dass wieder etwas Schlimmes passiert. So kann eine Traumafolgestörung entstehen. Hat sich nach zwei Monaten noch nichts verbessert und ist die betroffene Person durch die Symptome stark belastet, dann benötigt sie unter Umständen professionelle Hilfe.


Wie lassen sich Betroffene motivieren, professionelle Hilfe aufzusuchen?

Es wäre verkehrt, Betroffenen vorzuschreiben, sich in professionelle Hände zu begeben! Nichts ist schlimmer für sie, als wieder bevormundet zu werden. Während des traumatischen Ereignisses erlebten sie ja ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, sie waren der Situation ausgeliefert. Deshalb sollten Angehörige unbedingt die Entscheidungsfreiheit der Betroffenen respektieren und keinesfalls Vorschriften machen. Das gilt auch für gutgemeinte Ratschlage, die in dieselbe Richtung gehen.

Wie macht man es besser?

Sie können zum Beispiel fragen: "Wie hat sich deine Gesundheit und dein Wohlbefinden seit den schweren Erfahrungen entwickelt? Welche Art von Hilfe wäre gut für dich?" Oder man schildert aus der Ich-Perspektive das eigene Erleben und sagt: "Ich habe das Gefühl, das Ereignis hat Spuren hinterlassen. Ich mache mir Sorgen, ich würde dich gerne unterstützen..." Aber entmündigen Sie niemals die Betroffenen. Denn das wiederholt die traumatische Erfahrung.



Bildnachweis: Ulla Burghardt/medica mondiale, iStock/Klenger

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