Introvertiertheit: Eine unterschätzte Eigenschaft

Introvertierte, leise Menschen werden oft von den extrovertierten, lauten Zeitgenossen übertönt. Doch ihre Zurückhaltung hat Vorteile

von Ingrid Kupczik, 12.11.2015

Introvertierte Menschen fühlen sich in Gesellschaft vieler Menschen oft unwohl

Corbis GmbH/Creative Flirt

Hören Sie lieber zu, als selbst das große Wort zu führen? Fühlen Sie sich im kleinen Kreis deutlich wohler als in großen Gruppen? Ziehen Sie es vor, erst einmal allein über die Lösung eines Problems nachzudenken, anstatt im Brainstorming der Kollegen zu wetteifern? Bleiben Sie gern konzentriert und ausdauernd bei einer Sache? Dann neigen Sie womöglich zur Introvertiertheit – und befinden sich in guter Gesellschaft.


Introvertierte bekannte Persönlichkeiten

Experten schätzen, dass mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland diesen Charakterzug besitzt. Auch Angela Merkel gehört dazu, Bundespräsident Joachim Gauck, Ex-Papst Benedikt und andere.

Haben es Extrovertierte leichter?

Dennoch wurde Introvertiertheit lange Zeit kaum beachtet. Die nach innen gerichtete Wesensart galt allenfalls als Risikofaktor für Depression und Suchterkrankungen. Im Mittelpunkt stand Extrovertiertheit, also die Ausrichtung nach außen und deren Wirkung auf die Mitmenschen. Gute Selbstdarsteller haben nach wie vor in unserer lauten, schrillen Welt die besseren Karten, das belegen Forschungsergebnisse. Verpackung, so scheint es, ist oft wichtiger als der Inhalt. Wer schnell und laut spricht, wird als kompetenter wahrgenommen, als interessanter und sogar besser aussehend.

Menschen, die eher extrovertiert sind, schaffen es Studien zufolge mit höherer Wahrscheinlichkeit auf eine Führungsposition. Da schon bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz die richtige Performance entscheidet, bieten die Arbeitsämter gezielt Trainings mit Tipps und Tricks zur Selbstvermarktung im Vorstellungsgespräch an.

Introvertiert sein hat auch Vorteile

Eher introvertierte Menschen empfinden dies als anstrengend. Manche glauben sogar, ihnen fehle etwas, sie müssten es den Extrovertierten gleichtun. Doch nun kommt Bewegung in die festgefahrenen Muster. Die amerikanische Juristin und Buchautorin Susan Cain verweist auf zahlreiche Studien, die die Vorzüge eines introvertierten Führungsstils belegen. Kein Unternehmen könne es sich in Zukunft leisten, die Kreativität und Kraft der Introvertierten zu ignorieren.

"Das Potenzial der Leisen wird noch immer unterschätzt", sagt auch Dr. Sylvia Löhken. Die Kommunikationsexpertin und Autorin beschreibt in ihrem Buch die Stärken der stillen Menschen, ihre typischen Hürden in Job und Partnerschaft sowie Strategien, mit denen sie ihre Pluspunkte besser zur Geltung bringen können. Fähigkeiten der Stillen sind unter anderem: Konzentration, Ruhe, Einfühlungsvermögen, Beharrlichkeit, Tiefgang. Zu den Hürden zählen Konfliktscheu, Detailverliebtheit, Passivität, Angst, Kontaktvermeidung.

Mischtypen aus Introvertiertheit und Extrovertiertheit

Der Begriff "introvertiert" geht auf C.G. Jung zurück, den Begründer der sogenannten analytischen Psychotherapie, der in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts stille Menschen so bezeichnete. Auch heute gilt der Grad der Introversion beziehungsweise der Extraversion als eines der zentralen Merkmale der Persönlichkeit. "Auf einer Skala zwischen diesen beiden Extremen sind wir Mischtypen mit einer mehr oder weniger deutlichen Tendenz", sagt Sylvia Löhken.

Eine angeborene Eigenschaft

Intro- beziehungsweise Extrovertiertheit ist nach bisherigen Erkenntnissen angeboren und eine über die Lebensspanne recht stabile Eigenschaft, die unter anderem mit einer unterschiedlichen Reizverarbeitung im Gehirn einhergeht. In Studien wurde bei introvertierten Personen eine höhere Hirnaktivität festgestellt – unabhängig davon, ob sie arbeiteten oder sich ausruhten. Möglicherweise dient diesen Menschen die Wendung nach innen als eine Art Schutzwall gegen zu viele Reize.

"Das Maß an Stimulation, das Extrovertierte als anregend empfinden, kann für Introvertierte überwältigend oder störend sein", betont Psychologie-Professor Colin DeYoung von der University of Minnesota.

Kultur und Umgebung haben starken Einfluss

"Da sich unser Gehirn nach der Geburt noch stark weiterentwickelt, haben auch die Umgebung und die Kultur einen großen Einfluss auf die Ausprägung der Introvertiertheit", sagt Dr. Sylvia Löhken. Sie lebte mehrere Jahre in Japan, wo zurückhaltendes Auftreten geschätzt wird, und in den USA, wo ein hoher sozialer Lärmpegel herrscht. Auch im Laufe des Lebens könne sich das Ausmaß der Innengewandtheit verändern: "Mit zunehmender Reife und Lebenserfahrung wird man unabhängiger von der Meinung anderer.

Das führt in vielen Fällen dazu, dass introvertierte Menschen deutlicher zu ihrer Meinung stehen als in jüngeren Jahren, dass sie eher auf andere Menschen zugehen und "ihr Ding machen", sagt Dr. Löhken. So verlieren sie in den Augen ihrer Mitmenschen die einstige Schüchternheit – was allerdings häufig auf einer Fehldeutung beruht, denn introvertierte Menschen sind nicht zwangsläufig schüchtern. Hinter Schüchternheit, erklärt Sylvia Löhken, stecke die Angst vor sozialer Bewertung, und darunter leide ebenso manch extrovertierter Mensch. Und dann gibt es noch einen dritten Einflussfaktor: den freien Willen.

Auch Introvertierte können aus sich herausgehen

Der freie Wille gibt uns den Spielraum, die genetisch geprägte und kulturell gefärbte Persönlichkeit zu variieren, wenn ein Thema uns besonders am Herzen liegt. "Ein introvertierter Mensch, der politisch Einfluss nehmen möchte, kann sich die dafür erforderlichen Verhaltensweisen durchaus aneignen, wenn sie zu ihm passen", sagt Sylvia Löhken und nennt als Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel, die es von der in sich gekehrten Physikerin zur mächtigsten Frau der Welt laut "Forbes"-Rangliste schaffte.

Auch eine Politik der Stille kann zum Erfolg führen. Großen Einfluss auf das Verhalten der Introvertierten hat die Art und Weise, wie sie Energie tanken. Leise Menschen ziehen sich zurück und laden in aller Stille ihre "Akkus" auf; laute Menschen brauchen den Impuls von außen, um Kraft zu gewinnen.

Strategien für zurückhaltende Menschen

Umso wichtiger sei es für die Leisen, die "richtige Dosis Menschen" für sich zu finden, sagt Expertin Löhken. Wer auf der großen Familienfeier schnell erschöpft ist, sollte lieber die Gelegenheit zum intensiven Zwiegespräch suchen. Wer auf dem Jahrestreffen seiner Firma das Networking als Spießrutenlauf empfindet, verlegt die Kontaktaufnahme besser auf den E-Mail-Verkehr. Oder er plant gezielt, mit wem er Tuchfühlung aufnehmen und ins Gespräch kommen möchte. Das heißt: sich bewusst verabreden, nur mit wenigen reden, andere bitten, mit einer bestimmten Personen bekannt gemacht zu werden. Es sei wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und darauf Rücksicht zu nehmen, sagt Sylvia Löhken. Der erste Schritt: "Finden Sie heraus, wer Sie sind."



Bildnachweis: Corbis GmbH/Creative Flirt

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