Hans B. hat Tollwut. Da ist er sich ganz sicher. Und krank sieht er auch aus. Ganz grau und fahl. Der Mann erweckt Mitleid. Immerhin rechnet der 54-Jährige jeden Tag damit, dass das tödlich endende, letzte Stadium der Krankheit ausbricht. Kein Wunder, dass Hans B. ärztliche Hilfe sucht. Aber die Mediziner finden nichts. Sie sagen, er sei völlig gesund. Wie er überhaupt darauf käme, an der seltenen Infektionskrankheit zu leiden?
Der Mann surft jeden Tag stundenlang im Internet. Dort informiert er sich über die abstrusesten Krankheiten. Panisch tippt er Symptome, die er bei sich zu beobachten meint, in die Suchmaschinen ein. Beispielsweise Kopfschmerzen und Fieber. Es erscheinen diverse Erkältungsartikel, aber unter anderem auch ein Text zum Thema Tollwut. Und statt – klassisch und naheliegend – einen grippalen Infekt zu vermuten, ist sich Hans B. sicher, dass er unter der tödlichen Krankheit leidet. In Wirklichkeit ist er aber etwas ganz anderes – Hans B. hat Cyberchondrie.
Cyberchondrie ist eine Unterform der Hypochondrie. Die Betroffenen beider Krankheitsbilder befürchten ständig, unter den schlimmsten Erkrankungen zu leiden. Sie können ihre Ängste nur kurzfristig beruhigen, wenn sie hören, dass alles in Ordnung ist. Hypochonder befragen in ihrer Panik meist Ärzte, Cyberchonder das Internet. Hypochondrische Störungen treten recht häufig auf. Laut Dr. Christoph Braukhaus, dem leitenden Psychologen der Schön Klinik Bad Bramstedt, entwickeln bis zu 20 Prozent aller Menschen in schwierigen Lebensphasen hypochondrische Ängste.
"Hypo- und Cyberchonder sind meistens sehr kreative Menschen", erklärt Braukhaus, der bereits sehr viele Menschen mit besagter Störung behandelt hat. Die Betroffenen haben das Talent, in Ausnahmesituationen zu denken. Wenn es um Krankheiten geht, ist diese Gabe allerdings eher ein Fluch. Außerdem haben die meisten Patienten einen Hang zur dramatischen Persönlichkeit. Männer und Frauen sind übrigens gleich häufig betroffen.
Der Rückversicherungsdrang der Cyberchonder fesselt sie ständig an ihren Computer. Hans B. hat dieser Zwang mit der Zeit immer stärker von seinem sozialen Umfeld isoliert. Das ist typisch für das Krankheitsbild. "Viele Hypochonder suchen drei- bis fünfmal wöchentlich ihren Arzt auf", so Braukhaus. Andere messen dreißigmal täglich ihren Blutdruck. Kein Wunder, dass die psychische Störung häufig zu Berufsunfähigkeit führt.
Echte Ängste oder der Schrei nach Aufmerksamkeit?
Glaubt Hans B. eigentlich wirklich, tollwutkrank zu sein? "Er befürchtet es tatsächlich. Daher will er sich ständig rückversichern, dass es doch nicht so ist", erklärt Braukhaus. Er muss laufend beruhigt werden.
Das gegenteilige Phänomen nennen die Fachleute "Somatisierung". Auch in diesem Fall gehen die Betroffenen mit ihren Symptomen zum Arzt oder recherchieren im Internet. Aber im Gegensatz zu den Hypochondern, die immer hören wollen, dass da gar nichts ist, wollen Patienten mit einer Somatisierungsstörung logische Erklärungen und eine handfeste Diagnose für ihre Beschwerden.
"Findet der eine Arzt nichts, dann rennen sie zum nächsten", weiß Braukhaus. In beiden Fällen handelt es sich nicht um Aufmerksamkeits-Heischerei. Die Betroffenen leiden meistens sehr stark unter ihren Ängsten.
Hypochonder wiederum teilen sich typischerweise in zwei Gruppen. Zum einen gibt es die Kontrollbesessenen, zu denen Hans B. gehört. Zum anderen gibt es die kompletten Vermeider. Diese Patienten befürchten – genau wie die andere Gruppe – unter den schrecklichsten Erkrankungen zu leiden. Aber sie gehen nie zum Arzt und informieren sich auch nicht im Internet. Sie fressen alles in sich hinein und verstecken sich. Cyberchonder gehören also zu den Erstgenannten.
Therapie der Cyberchondrie
"Um Cyberchondern zu helfen, wenden wir eine klassische Expositionstherapie an", erläutert Braukhaus. Die Betroffenen werden Schritt für Schritt ihren Ängsten ausgesetzt, bis sie die Furcht besiegen. Das kann man sich vorstellen, wie bei Höhenangstpatienten, die sich im Laufe ihrer Behandlung schrittweise an frei- oder hochliegende Plätze gewöhnen.
Cyberchonder bekommen in der Schön Klinik Bad Bramstedt als erstes eine Neuregelung der Internetnutzung verordnet. Die Surfdauer wird auf festgelegte Zeiten beschränkt. Die Hypochonder bekommen eine ähnliche Vorschriften bezüglich der Arztkontakte: Sie dürfen den Arzt regelmäßig, aber nicht symptomabhängig aufsuchen. Wenn die Angstattacken kommen, dürfen die Patienten einen Psychologen treffen, aber nicht wie bisher krampfhaft versuchen, ihre Sorgen mit Hilfe des World Wide Web oder eines entsprechenden Fachmannes zu beruhigen.
Ein weiterer Schritt ist die Arbeit mit dem Lückentext. Die Patienten bekommen eine Liste von Symptomen vorgelegt, die bei einer bestimmten Krankheit auftreten. Einige der Befindlichkeitsstörungen sind geschwärzt. So kann der Patient nicht sicher sagen, ob er tatsächlich unter allen genannten Symptomen leidet. Er fühlt sich dadurch stark verunsichert und muss lernen, trotzdem ruhig zu bleiben.
"Oder wir setzen sie auf ein Fahrradergometer", erzählt Braukhaus. Beim kräftigen Strampeln steigt der Puls. Patienten, die ständig mit einem Herzinfarkt rechnen, würden nun normalerweise sofort absteigen und einen Arzt aufsuchen. "Wir begleiten den Expositionsprozess eng, lassen sie aber weitertrampeln, bis sie merken, dass sie überhaupt keinen Herzinfarkt haben", so Braukhaus. So lernen die Patienten wieder, normale Körpersymptome richtig einzuordnen, und nicht immer gleich eine Krankheiten zu vermuten .
Medikamente wenden die Psychologen in Bad Bramstedt bei Cyber- oder Hypochondern so gut wie nie an. Wenn ein Patient zusätzlich unter Depressionen leidet, dann bekommt er hierfür Hilfe, auch medikamentöser Art. "Aber die hypochondrische Störung versuchen wir in erster Linie ohne Psychopharmaka in den Griff zu bekommen", so Braukhaus.
Leider garantiert eine erfolgreiche Therapie keine lebenslange Heilung. Wenn Menschen mit einem Hang zu Hypo- oder Cyberchondrie in eine schwierige Situation geraten – beispielsweise einen Jobverlust, eine Trennung oder der Tod eines wichtigen Menschen – kann es passieren, dass die psychische Störung wieder auftaucht. "Dann ist es wichtig, dass der Betroffene die gelernten Strategien wieder anwendet oder sich schnell Hilfe holt", so Braukhaus.
Das Internet macht keine Cyberchonder
"Das Internet selbst ist keine Ursache für Cyberchondrie. Nur Menschen mit grundsätzlich hypochondrischer Neigung und exzessiver Internetnutzung sind in Gefahr", betont Braukhaus. Kein Mensch wird ohne eine entsprechende Prädisposition zum Cyberchonder. Niemand muss Angst haben, auf Gesundheitsportalen zu surfen. Im Gegenteil, es ist sogar sinnvoll, sich zu medizinischen Themen im Internet zu informieren.
"Unser Gesundheitssystem braucht mündige Patienten", stellt Braukhaus klar. Es kann nie schaden, sich auf das Gespräch mit einem Arzt vorzubereiten. Außerdem gibt das Internet Patienten die Chance, sich nach einer ärztlichen Diagnose weiter Informationen zu beschaffen. Wichtig ist aber: Die Diagnose des Arztes und der Rat des Apothekers sind durch nichts zu ersetzen. Selbstgestellte Diagnosen sind sehr häufig falsch.
Außerdem sollte man sich im Netz – genau wie im echten Leben – ausschließlich auf seriöse Quellen verlassen. In Foren, in denen Laien ihr Halbwissen und ihre Sorgen austauschen, kann man vielleicht Zuspruch suchen, aber keine ernstzunehmenden medizinischen Ratschläge erwarten. Außerdem ist es sinnvoll zu überprüfen, wie oft die Krankheit, unter der man zu leiden befürchtet, überhaupt auftritt. Hans B. wäre vielleicht etwas ruhiger, wenn er wüsste, dass der letzte menschliche Tollwutfall in Deutschland im Jahr 2007 aufgetreten ist. Und zwar bei einem Mann, der in Marokko von einem streunenden Hund gebissen wurde.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
28.02.2011, aktualisiert am 23.11.2011
Bildnachweis: Images Source/RYF, Fotolia/Yanik Chauvin/2011
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