Abschied nehmen: Warum Rituale wichtig sind

Wenn Menschen verunglücken, reißt der Unfall auch Hinterbliebene aus ihrem gewohnten Leben. Trauerfeiern und andere Bräuche können ein Stück weit helfen

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 23.03.2016

Gemeinsames Gedenken kann tröstlich sein

Fotolia/El Lobo

Im Jahr 2014 starben allein im Straßenverkehr 3368 Menschen. Wer unvermutet vom Tod eines nahe stehenden Menschen erfährt, verliert zunächst den Boden unter den Füßen: Eine Situation wie in einem schlimmen Traum, alles scheint unwirklich. "Weil keine Chance bestand, sich von dem Menschen zu verabschieden, ist es so schwierig, den Todesfall zu realisieren", sagt Detlef Bongartz aus Kaarst vom Bundesverband Trauerbegleitung e.V. Deshalb können Rituale eine Stütze sein, um im Nachhinein symbolisch von dem Verstorbenen Abschied zu nehmen.

"Unsere Sinne brauchen Eindrücke, um das Geschehnis überhaupt bearbeiten zu können. Das Erleben der Unglücksstelle bietet eine Möglichkeit, eine Form des Begreifens zu finden", ergänzt der konfessionsfreie Theologe Ernst Cran aus Nürnberg von der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier (BATF e.V.). Aus diesem Grund haben Hinterbliebene oft das Bedürfnis, dorthin zu reisen, wo der Unfall geschehen ist. Manche nehmen sich auch einen Stein als Gedenkstein von der Unglücksstelle mit.


Trauerbegleiter Detlef Bongartz

W&B/Privat (www.merlinos.de)

Gemeinschaft erleben an der Unglücksstelle

Am Ort der Unglücksstelle beginne oftmals bereits ein intensiver Aufarbeitungsprozess, sagt Bongartz. "Viele fühlen sich dort der Seele des verstorbenen Menschen näher." Außerdem treffen sie eventuell andere Hinterbliebene. "Dieses Erlebnis, dass sich andere in derselben Situation befinden, und ich nicht alleine bin in meiner Trauer, kann ein wesentlicher Aspekt zur Bewältigung sein", so Cran. Es sei eine wertvolle Erfahrung, dass es weiterhin Leben um einen herum gebe, wenn auch leidendes Leben, und dass nicht alle Lebendigkeit auf einen Schlag ausgelöscht wurde.

Angehörigen ist es oft ein Bedürfnis, nachzuvollziehen, wie der Verunglückte die letzten Minuten und Sekunden vor dem Unfall erlebt hat. Und sie stoßen zwangsläufig auf das große "Warum": Warum ist das Ganze passiert? Warum jetzt? Und warum hat es den geliebten Menschen getroffen? Cran erklärt, dass diese Fragen zwar ernst genommen werden müssen. Er versucht aber den Angehörigen zu vermitteln, dass die Suche nach den Antworten nicht ihr Leben bestimmen sollte. Stattdessen sei es besser zu lernen, mit der Antwortlosigkeit zu leben. Andernfalls könnten die Fragen derart quälend sein, dass der Betroffene in Zukunft nur noch unter diesem Aspekt seine Umwelt wahrnimmt.


Angehörige unterstützen
Wenn Freunde einen wichtigen Menschen verloren haben, sind die meisten Menschen zunächst hilflos und sprachlos. Die Trauerbegleiter raten, dann offen den Angehörigen zu sagen "ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll, aber ich bin für Dich da". Eine Begegnung mit den Hinterbliebenen müsse auch keinen besonderen Inhalt haben. "Denn in so einem Fall ist die Begegnung an sich der Inhalt", sagt Cran. Es sei sehr wichtig, dass die Hinterbliebenen solche Lebenssignale empfangen. Außerdem können sie in so einer Zeit oft bei Alltagserledigungen Hilfe brauchen, zum Beispiel beim Einkaufen gehen, auf die Kinder aufpassen, oder dem Erledigen von formellen Dingen wie das Abmelden des Verstorbenen bei Versicherungen.


Trauerfeiern würdigen Verstorbene

Eine weitere Maßnahme sind große öffentliche Trauerfeiern nach Unglücken. "Feiern für viele Opfer sind zwar eher plakativ", sagt Cran. Und die Angehörigen seien oft noch in einem Ausnahmezustand samt Tunnelblick, mit dem sie ihre Umwelt kaum aktiv wahrnehmen. Dennoch könne eine Trauerfeier eine hohe Symbolkraft haben und auch im Nachhinein noch trösten.

Die Wirkung einer Trauerfeier ist normalerweise umso größer, je stärker sie auf den Verstorbenen zugeschnitten wird. Deshalb gibt es in der Regel auch noch Trauerfeiern für jeden einzelnen in seiner Heimatgemeinde. "Am besten enthält die Trauerfeier einen ehrlichen Rückblick auf den Verstorbenen, was ihn ausgemacht hat, und wie er verbunden war mit seinen Mitmenschen", sagt Bongartz. Hilfreich sei auch, ein Bild des Verstorbenen zu sehen.


Ernst Cran, konfessionsfreier Theologe

W&B/Privat

Verstorbenem nochmals plastisch begegnen

Religiöse Rituale geben gläubigen Menschen Kraft. Allerdings werden inzwischen nur noch etwa ein Drittel aller Trauerfeiern von Geistlichen der großen christlichen Konfessionen geleitet. Individuelle Trauerfeiern können in der Regel von den Angehörigen mitgeplant werden. "Etwas zu Ehren des Toten gestalten zu dürfen, kann eine große Erlösung sein von dem Ausgeliefertsein der Trauer", sagt Cran. Dabei gehe es darum, dem Menschen, den man verabschieden muss, nochmals möglichst plastisch zu begegnen – nicht nur im Gedenken seines Todes, sondern seiner Lebendigkeit. Denn nur wer den Menschen noch einmal ganz bei sich hatte, könne ihm dann auch ade sagen. "Das ist so, als würde man den Menschen nochmal fest umarmen, um dann ganz bewusst die Berührung zu lösen und sich zu verabschieden", so Cran.

Manche Hinterbliebene bemalen den Sarg, andere legen Steine um den Sarg, entzünden Kerzen oder tragen sich in ein Kondolenzbuch ein. Oder die Angehörigen singen gemeinsam Lieder, die dem Verstorbenen gut gefallen haben. Selbst technische Hilfsmittel wie zum Beispiel Beamer-Projektionen halten Einzug. Die Organisation der Trauerfeier solle allerdings nicht in Aktionismus umschlagen, um die Schmerzen zu verdrängen. Denn letztendlich müsse der Abschied bewusst durchlebt werden.

Soll die Feier am geöffneten Sarg erfolgen? Das ist gerade bei Unfallopfern eine schwierige Frage. Ein geschickter Bestatter könne aber laut Bongartz oft den Körper so drapieren, dass einerseits verletzte Bereiche bedeckt sind, aber dennoch der Verstorbene in seiner Individualität noch zu erkennen ist.

Weitere Rituale für das Gedenken

Neben Trauerfeiern gibt es noch weitere Rituale, um sich an den Verstorbenen zu erinnern. Bestatter haben in der Regel einen eigens gestalteten Raum, in dem eine Aufbahrung bis zur Bestattung möglich ist. Dort können sich Angehörige in ruhiger Atmosphäre, bei gedämpftem Licht und eventuell leiser Musik, dem Verstorbenen nahe fühlen.

Eine Beisetzung in Friedwäldern, -parks oder -wiesen schafft eine Möglichkeit, dass sich die Hinterbliebenen dort gemeinsam in der Natur treffen können. Inzwischen gibt es in Deutschland über 50 Friedwälder. Auch manche Friedhöfe bieten inzwischen Treffpunkte für gemeinsame Trauer an. Teilweise suchen die Angehörigen aber auch Plätze auf, die der Verstorbene zu Lebzeiten gemocht hat, um an ihn zu denken.

"Manche Familien gestalten darüber hinaus zuhause eine Art Altar für den Verstorbenen", sagt Bongartz. Diesen zieren zum Beispiel Bilder des Verstorbenen, Kerzen, gesammelte Gedenksteine, oder auch eine Schüssel, die Zettel mit guten Wünschen enthält.

Gedenkfeiern in der Gemeinde erfolgen zum Teil vierteljährlich für alle Verstorbenen des Quartals, oder auch speziell zum Jahrestag des Todesdatums.

Weitere Unterstützung bieten Trauerbegleiter an. Adressen von Trauerbegleitern finden Sie auf der Homepage des Bundesverbandes unter www.bv-trauerbegleitung.de *, Adressen von Trauerrednern unter www.BATF.de * bei dem Unterpunkt "Galerie Mitglieder".

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Bildnachweis: Fotolia/El Lobo, W&B/Privat, W&B/Privat (www.merlinos.de)

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