Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt kann klären, welche Behandlung sich bei Prostatakrebs eignet
Kontrolliertes Abwarten, achtsame Beobachtung, strategisches Nichtstun: Wenn Ärzte Patienten mit einem Prostatakarzinom über die Alternativen zu einer sofortigen Operation oder Bestrahlung aufklären, werfen selbst sie die Begriffe durcheinander. Für Patienten ist zunächst wichtig zu wissen, dass Experten zwei wesentliche Strategien unterscheiden:
Strategie eins: langfristig beobachten
Beim langfristigen Beobachten (watchful waiting) greifen Ärzte erst ein, wenn der Patient Symptome seines Leidens verspürt. Nach der Diagnose wird weder der PSA-Wert verfolgt noch eine Therapie begonnen. Da diese Strategie nicht auf Heilung abzielt, kommt sie zum Beispiel für Patienten infrage, die trotz eines fortgeschrittenen Tumors noch beschwerdefrei sind. Vor allem aber ist sie eine Option für ältere Männer oder jene mit einer Lebenserwartung von unter 10 bis 15 Jahren, die eher mit als an ihrem Tumor sterben werden.
Strategie zwei: aktiv überwachen
Bei der aktiven Überwachung (active surveillance) hingegen verfolgen Ärzte engmaschig den Verlauf des Tumors und greifen ein, sobald dieser bedrohlich erscheint. Dazu messen sie zunächst alle drei, bei stabilem Verlauf alle sechs Monate den PSA-Wert. Zudem entnehmen sie alle 12 bis 18 Monate Biopsien. Erst wenn sich der PSA-Wert in weniger als drei Jahren verdoppelt oder die Zellen vermehrt entarten, sollte eine Behandlung beginnen.
Die „aktive Überwachung“ verfolgt das Ziel, jene Patienten von den Nebenwirkungen der Behandlung zu verschonen, die ihr Tumor nie bedrohen würde – ein eleganter Weg, um dem Problem der „Übertherapien“ zu entkommen. „Wichtig ist jedoch, einen aggressiven Verlauf dieser Tumore rechtzeitig zu erkennen“, betont Professor Lothar Weißbach, Vorsitzender der Stiftung Männergesundheit.
Er empfiehlt, sich an die Kriterien der Prostatakrebs-Leitlinie zu halten. Sie berücksichtigt den PSA-Wert, die Tumorausdehnung, den Entartungsgrad und den Anteil an Tumorzellen in den Biopsien. „Für etwa die Hälfte der Patienten kämen die abwartenden Strategien infrage“, meint Weißbach.
„Es ist noch nicht bewiesen, ob eine verzögerte Behandlung auch auf lange Sicht genauso effektiv ist wie eine sofortige“, weist der Ulmer Strahlentherapeut Professor Thomas Wiegel auf die Achillesferse des Konzepts hin. Etwa jeder Zweite der „aktiv Überwachten“ nimmt früher oder später doch eine Therapie in Anspruch. Oft allerdings nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil er das Warten nicht erträgt. Um solche Männer zu gewinnen, werden Ärzte wie Lothar Weißbach wohl noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.
Dr. Reinhard Door / Apotheken Umschau;
15.11.2011, aktualisiert am 15.11.2011
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Creatas
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