Die ersten Zivildienstleistenden hatten es nicht leicht. Als Drückeberger und Vaterlandsverräter mussten sie sich beschimpfen lassen. Damals, als noch der Kalte Krieg in Europa herrschte. Das änderte sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Bedeutung der Zivis für den Pflege- und Sozialbereich ist längst gesellschaftlich anerkannt.
Doch Zivis sind ab dem 1. Juli 2011 Vergangenheit. Dann ersetzt der neu eingeführte Bundesfreiwilligendienst (BFD) den Zivildienst. Der wird im Zuge der jüngsten Bundeswehrreform zusammen mit der Wehrpflicht bis auf weiteres ausgesetzt.
Während der Zivildienst eine Angelegenheit ausschließlich für junge Männer war, steht der neue Freiwilligendienst Männern und Frauen gleichermaßen offen. Eine Altersbeschränkung gibt es ebenfalls nicht. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Bewerber nicht mehr schulpflichtig sind. Der Dienst soll im Regelfall zwölf Monate dauern, die Unter- und Obergrenze liegen bei sechs beziehungsweise 18 Monaten. In Ausnahmefällen kann der Dienst auf bis zu 24 Monate ausgeweitet werden.
Das zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) erhofft sich vom Bundesfreiwilligendienst eine Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements in Deutschland. Kann er aber auch die Lücken füllen, die das Ende des Zivildiensts aufreißt?
Kein vollständiger Ersatz
Künftig sollen bis zu 35 000 Bürger jährlich den Bundesfreiwilligendienst leisten. Für diese Anzahl stehen finanzielle Mittel im Bundeshaushalt zur Verfügung. Zum Vergleich: 2010 verrichteten nach offiziellen Statistiken des BAFzA noch rund 78 000 Zivis ihren Dienst. Die Zahlen lassen sich aber nur begrenzt vergleichen, da der Zivildienst zuletzt nur noch sechs Monate dauerte, der Bundesfreiwilligendienst dagegen durchschnittlich doppelt so lange betragen soll.
"Es ist gar nicht das Ziel, alle Zivildienstplätze eins zu eins zu ersetzen", sagt Antje Maeder vom Bundesfamilienministerium. "Wir möchten lediglich die Probleme, die sich durch die Aussetzung des Zivildienstes ergeben, ein Stück weit abfedern."
Geringe Nachfrage
Bislang ist die Nachfrage auf den Bundesfreiwilligendienst jedenfalls nicht sehr hoch. Das erklären Vertreter der Caritas und des Diakonischen Werks übereinstimmend. "Bislang haben sich bei uns nur ein paar hundert Freiwillige gemeldet. Ideal wären für 2011 dagegen in etwa 3000 Bewerber", erklärt Ute Burbach-Tasso, Pressesprecherin des Diakonischen Werks. Sie will nun die weitere Entwicklung abwarten. "Die große Nachfrage bei den Freiwilligendiensten setzt traditionell erst in Juli und August ein", sagt Burbach-Tasso. Ähnlich sieht die Lage bei der Caritas aus. "Die Bevölkerung ist mit diesem Dienst noch zu wenig vertraut", vermutet Pressesprecherin Claudia Beck als Grund für die geringe Nachfrage.
Bei den Wohlfahrtsverbänden kann es deshalb zu Einschnitten kommen. "Es wird vermutlich nicht mehr alles geben, was die Zivis mit ihrem zusätzlichen Einsatz ermöglicht haben", sagt Beck. Die regulären Arbeitsabläufe in der Pflege werden von der Umstellung aber nicht beeinträchtigt, betont sie.
Verbände unterschiedlich betroffen
Professor Dr. Heinrich-Johannes Bartjes forscht an der Hochschule Esslingen zu den Themen Soziale Arbeit und freiwilliges Engagement. Er schätzt, dass die Aussetzung des Zivildiensts die Verbände unterschiedlich stark treffen wird. "Manche Einrichtungen haben sich frühzeitig vom Zivildienst unabhängig gemacht. Auf diese wird sich die Umstellung kaum auswirken", sagt er.
Anders sieht es dagegen bei Einrichtungen aus, bei denen die Zivildienstleistenden reguläre Arbeitskräfte ersetzen. Gerade da, wo Zivis in der Pflege gearbeitet haben, kann es zu Engpässen kommen. Die konkreten Auswirkungen hängen letztlich davon ab, wie sich Akzeptanz und Bewerberzahlen beim Bundesfreiwilligendienst entwickeln. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings kaum abschätzbar.
So oder so wird der Bundesfreiwilligendienst nur einen Teil der offenen Stellen auffüllen. Deshalb wird es auch auf das Verhalten der Verbände ankommen. "Die meisten offenen Stellen werden vorerst wohl nicht besetzt", vermutet Bartjes. "Es wäre zu wünschen, dass langfristig mehr professionelle Arbeitskräfte eingestellt werden." Doch Bartjes ist skeptisch, ob das der Fall sein wird.
Kritik an der Einführung
Ausreichend Freiwillige gibt es jedenfalls. Das zeigen die aktuellen Bewerberzahlen für das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). "Dort kommen auf einen freien Platz fünf Bewerber", sagt Bartjes. "In der Bevölkerung gibt es also offensichtlich genügend Bereitschaft für freiwilliges Engagement." Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die Bereitschaft in den letzten zwanzig Jahren sogar gestiegen, erklärt Bartjes.
Das vorhandene Potenzial muss allerdings richtig genutzt werden. "Die Politik hätte besser das FSJ ausgebaut und somit bestehende Strukturen gestärkt. Stattdessen hat der Bundesfreiwilligendienst eine neue Parallelstruktur geschaffen, wie wir sie mit dem Zivildienst schon einmal hatten", kritisiert Bartjes. Die Einführung ist für ihn deshalb eine verpasste Chance.
Verschiedene Zuständigkeiten
Antje Maeder vom Bundesfamilienministerium gibt zu bedenken, dass Bundesfreiwilligendienst und Freiwilliges Soziales Jahr unterschiedliche Finanzierungsmodelle zugrunde liegen. "Die Kosten für den Bundesfreiwilligendienst übernimmt der Bund", sagt sie. "Für das Freiwillige Soziale Jahr sind dagegen die Länder zuständig, die auch die finanziellen Mittel stellen."
Beim BFD gibt es beispielsweise ein monatliches Taschengeld von 330 Euro. Die Beträge für das FSJ liegen meist in einem ähnlichen Bereich, auch wenn keine einheitliche Bezahlung existiert. Davon abgesehen sind die Unterschiede zwischen den beiden Freiwilligendiensten eher gering.
Die Sozialverbände werden überzählige Bewerber für das FSJ deshalb künftig auf die Möglichkeit des Bundesfreiwilligendiensts hinweisen, nimmt Claudia Beck von der Caritas an. Fakt ist: Die Pflegebranche steht vor einem Umbruch. Wie stark er ausfälllt, wird sich erst in einigen Monaten zeigen.
Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de;
09.06.2011
Bildnachweis: Shotshop/Robert Kneschke
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