Thema: Politik, Soziales, Umwelt

Was tun ohne Krankenversicherung?

Eine Krankenversicherung ist für jeden Bürger Pflicht. Trotzdem leben in Deutschland 78.000 Menschen ohne Versicherungsschutz – teils ohne es zu wissen. Wie sie zurück ins System finden
von Nina Himmer, 26.08.2015

Sicheres Netz: Das Krankenversicherungssystem nimmt Menschen wieder auf, wenn sie einmal herausgefallen sind

istock/Thomas Vogel

Ginge es nach dem Gesetz, dürfte es Fälle wie den von Lara Sporer* oder Monika Köster* gar nicht geben. Die eine, Lara Sporer, lebte monatelang aus Versehen ohne Krankenversicherung, weil sie es zwischen dem Ende ihrer Ausbildung und dem Berufseinstieg versäumte, sich freiwillig zu versichern und Beiträge zu bezahlen. Die andere war bis zu ihrer Scheidung über den Ehemann mitversichert, verdient als Freiberuflerin aber nicht genug Geld, um sich eine eigene Krankenversicherung zu leisten. Das lastet schwer auf der 43-jährigen Münchnerin Monika Köster: "Was, wenn ich krank werde und ärztliche Hilfe brauche?"

Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass aktuell fast 78.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert sind. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher, weil die Statistik Ausländer, die sich illegal in Deutschland aufhalten, nicht erfasst. Doch auch die offiziellen Zahlen überraschen, denn eine Krankenversicherung ist in Deutschland eigentlich vorgeschrieben. Um der steigenden Zahl Unversicherter zu begegnen, führte das Parlament 2007 eine Versicherungspflicht ein. Obwohl das Gesetz Wirkung zeigte – damals waren laut Statistischem Bundesamt mit 196.000 noch deutlich mehr Menschen unversichert – sind im Krankheitsfall nach wie vor nicht alle abgesichert.


Checkliste: Schritt für Schritt in die Krankenversicherung

Studenten, Freiberufler, Migranten: Wer aus dem System fällt

Die Gründe dafür sind unterschiedlich und betreffen mitnichten nur Randgruppen wie zum Beispiel Obdachlose. So sparen zum Beispiel einige selbständige Unternehmer bewusst an der Versicherung, andere können die Beiträge tatsächlich nicht bezahlen oder verlieren wie Lara Sporer den Überblick über ihren Versicherungsstatus. Zumindest Letzteres sollte nicht mehr vorkommen: Seit 2013 gibt es eine Gesetzesregelung, die solchen Versicherungslücken vorbeugen soll. "Ändert sich die Versicherung, zum Beispiel wegen Überschreitens der Altersgrenze oder weil ein Angestelltenverhältnis endet, muss die bisherige Krankenkasse den Versicherten automatisch als freiwilliges Mitglied weiterversichern. Nur wer eine andere Krankenversicherung vorweist, kann aussteigen. Einfach aus dem System fällt also niemand mehr", sagt Michael Ihly von der Techniker Krankenkasse.

Hat jeder ein Recht auf medizinische Versorgung?

Für manche Menschen kommt diese Änderung allerdings zu spät. Klaus Walraf hat fast täglich mit ihnen zu tun. Er arbeitet für die Malteser Migranten Medizin, die Unversicherte medizinisch versorgt. Kostenlos, anonym und unbürokratisch. "Bei uns wird nicht nach der Versicherungsnummer gefragt, denn jeder Mensch hat unserer Meinung nach ein Recht auf medizinische Versorgung", sagt Walraf. Mittlerweile existiert das Angebot in 14 deutschen Städten, mehr als 100.000 Patienten haben es bereits genutzt. Die meisten Patienten kommen nach Unfällen, mit Tumorerkrankungen, Zahnschmerzen, Infektionen oder aufgrund einer Schwangerschaft. Neben den Migranten sind auch immer mehr Deutsche unter den Patienten. "Gerade in Städten wie Köln, Wiesbaden oder München ist der Anteil der Deutschen hoch", sagt Walraf. "Zu uns kommen zum Beispiel viele Langzeit-Studenten, die ihre Beiträge nicht zahlen können. Oder Freiberufler, die privat versichert waren, als das Geschäft gut lief, aber jetzt an ihren Beiträgen verzweifeln." Auch Menschen aus den neuen EU-Ländern stünden häufig ohne Versicherungsschutz da. Zwar seien sie nicht illegal im Land, weil innerhalb der EU die Personenfreizügigkeit gilt. Doch der Zugang zum Arbeitsmarkt ist schwierig und nach 90 Tagen läuft der europäische Versicherungsschutz ab.

Wer nicht versichert ist, dem drohen Schulden

Viele unversicherte Deutsche sehen sich außerdem mit einem anderen Problem konfrontiert: Nicht nur der Zugang zu umfassender medizinischer Versorgung ist für sie schwierig. Sie häufen parallel automatisch Schulden an. Denn alle Beiträge, die seit der Einführung der Versicherungspflicht nicht bezahlt wurden, müssen nachgezahlt werden. Dass zu den Beitragsschulden als Strafe noch ein Säumniszuschlag kommt, macht die Sache nicht besser. Wer kann bei einer Rückkehr schon Tausende Euro für die Kasse berappen? Die Politik hat dieses Problem 2013 erkannt und gegengesteuert: Eine Gesetzesänderung erleichtert Unversicherten seitdem die Rückkehr in eine Krankenkasse. Sowohl die Beiträge als auch die Säumniszuschläge können dadurch erheblich gemindert werden, außerdem wurde ein Notlagentarif geschaffen. Wer kann, sollte das Problem also nicht aufschieben, sondern sich möglichst schnell um eine Krankenversicherung bemühen und dabei die Angebote der Versicherer genau vergleichen. Der Weg zurück steht grundsätzlich allen offen. "Man darf aber nicht vergessen, dass selbst stark geminderte Schulden für viele zu hoch sind", sagt Walraf.

Der Weg zurück

Dass möglichst viele Menschen krankenversichert sind, ist für das Gesundheitswesen entscheidend. Zwar wird in Deutschland jeder behandelt, der akute Schmerzen oder eine lebensbedrohliche Krankheit hat. Doch auf den Kosten für diese Behandlungen bleiben die Krankenhäuser sitzen. Bisher gibt es nur in wenigen Landkreisen öffentliche Rücklagen für solche Fälle. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisiert dies seit Langem und fordert, dass der Staat die Kosten für die Behandlung Unversicherter trägt. Laut der DGK kommen in Krankenhäusern in Großstädten und Ballungsräumen so nämlich sechs- bis siebenstellige Summen zusammen.

Lara Sporer kann heute wieder ohne Bedenken zum Arzt gehen. Als sie ihren Fehler nach einigen Monaten erkannte, beglich sie die fehlenden Beiträge und ist seitdem wieder normal versichert. Monika Köster hingegen weiß noch nicht, wie sie das Problem angehen soll. Generell gilt für Unversicherte: Jeder muss in die Krankenkasse zurück, in der er zuletzt versichert war. Wer noch nie versichert war, sollte als erste Anlaufstelle eine gesetzliche Kasse aufsuchen. Diese kann je nach Beruf entscheiden, ob eine Versicherung in der gesetzlichen oder privaten Kasse abzuschließen ist. Der Weg zurück ins System ist aber für jeden möglich – und empfehlenswert.

 

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert



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