Wieder glücklich nach einer Trennung

Das Ende einer Partnerschaft tut weh. Liebeskummer bricht einem schier das Herz. Irgendwann wieder glücklich sein? Unvorstellbar! Paartherapeut Dr. Mathias Jung sagt, wie Sie das schaffen

von Sophie Kelm, aktualisiert am 21.04.2016

Das hilft nach der Scheidung: Sich selber wieder lieben lernen

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Es tut so weh, dass man sich auf dem Boden krümmt. Dass man keine Kraft mehr findet, um zu weinen. Dass man denkt, tot sein würde sich besser anfühlen. Und dabei bricht kein Knochen und fließt kein Blut. Was gebrochen wurde, ist das Herz. "Eine schwere Trennung oder Scheidung ist wie eine Amputation bei lebendigem Leib. Ohne Narkose. Das schmerzhafteste Erlebnis, nach dem Tod eines geliebten Menschen", erklärt Dr. Mathias Jung, Paartherapeut am Gesundheitszentrum Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus in Lahnstein.

Besonders der oder die Verlassene befürchtet, nie wieder glücklich zu werden. Aber: "Nach einiger Zeit wird den meisten klar, das war keine Katastrophe, das war ein Befreiungsschlag", sagt Jung. Der Therapeut hat sich – auch, um die eigene Scheidung zu verarbeiten – intensiv mit dem Thema beschäftigt.


Dauerstreit: Eine Trennung kann auch sehr erlösend sein

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Nichts ist für die Ewigkeit

Abschiede gehören zum Leben: Die Trennung von der Mutterbrust, vom Kindergarten, vom Elternhaus, vom Junggesellendasein. Irgendwann ziehen die Kinder aus und am Schluss müssen wir uns sogar vom Leben selbst verabschieden. Und auch eine Partnerschaft kann zu Ende gehen. "Wenn man nicht lernt, die Endlichkeit zu akzeptieren, fängt man an zu klammern", warnt Jung.

Natürlich tut es erst einmal weh, wenn eine Beziehung zerbricht. Das ist normal. Die  aufkommenden Gefühle zu unterdrücken, hilft nichts. Die Tränen müssen raus. Jung nennt die fünf Schritte, die man nach einer Trennung klassischerweise durchläuft:


Die fünf Schritte einer Trennung

  • 1. Erinnern

    Ach, was hatten wir für eine schöne Zeit. Was haben wir alles erlebt. So hat er/sie immer beim Schlafen ausgesehen. Aber auch: Das hat mich gestört, das hat mich traurig gemacht. Man lässt Revue passieren, was man gemeinsam erlebt hat.

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  • 2. Beweinen

    Warum hat er/sie mich verlassen? Warum passiert das alles mir? Die gemeinsamen Gespräche fehlen mir. Ich bin so alleine. Man trauert um das Verlorene.

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  • 3. Bewüten

    Er/sie ist ein Scheusal. Warum habe ich mich in diese Opferrolle pressen lassen? Das habe ich alles nicht verdient! Wie kann der Expartner nur so gefühlskalt sein? Man rechnet ab, macht der Enttäuschung Luft.

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  • 4. Begreifen

    Ich verstehe langsam, was falsch gelaufen ist. Unsere Beziehung konnte so nicht funktionieren. Das waren meine/seine/ihre Fehler. Ein wichtiger Schritt, um es in der Zukunft besser zu machen.

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  • 5. Verändern

    Ich werde nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Ich will selbstständiger, rücksichtsvoller, aufmerksamer werden. Man arbeitet am eigenen Verhalten.

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Was hilft über die erste schwere Zeit hinweg?

Was hilft, sich wieder zu berappeln? "Ganz wichtig, nicht zurückziehen", so Jung. Treffen Sie Freunde, sprechen Sie über das Erlebte. Am besten mit Menschen, die auch schon eine Trennung hinter sich haben. Frauen sind oft im Vorteil, sie öffnen sich leichter. Für Männer, vor allem für die verlassenen, ist eine Scheidung häufig mit Scham behaftet. Sie verdrängen ihre Gefühle und sagen: "Das war sowieso eine blöde Kuh. Endlich ist die weg." Warum war der Herr dann überhaupt 15 Jahre mit einer blöden Kuh verheiratet? So ganz kann das nicht stimmen. "Verdrängen ist keine Lösung. Irgendwann holt die Vergangenheit jeden ein", sagt Jung.

Männer neigen auch eher dazu, sich mit Alkohol oder Zigaretten zu trösten oder sich in Unmengen von Arbeit zu stürzen. Suchtmittel sind natürlich keine Lösung. Aber ist es okay, wenn Mann oder Frau sich schnell mit einem neuen Partner oder einer Affäre abzulenken versucht? Eine Liebelei kann tatsächlich dabei helfen, die Trauerphase zu überstehen. Sie kann Selbstbewusstsein und Freude schenken. Jung sagt: "Überlegen Sie, ist diese Affäre ein Trost? Das ist in Ordnung. Oder soll sie nur etwas überdecken? Das bringt Sie nicht weiter."

Rosenkrieg tut nur weh

Der Experte rät auch, sich nicht in Zynismus oder einen Rosenkrieg zu stürzen: "Damit schadet man sich nur selber." Viel besser, machen Sie Inventur! Was habe ich falsch gemacht? Hatte der Partner mit einigen Vorwürfen recht? War meine Partnerwahl vielleicht von Anfang an falsch? Haben wir unsere Probleme hinter der Arbeit versteckt? Haben die Kinder uns so lange zusammengehalten? Paare mit gemeinsamem Nachwuchs müssen nach einer Trennung ja nicht nur sich selbst wieder aufbauen, sondern auch den Kindern dabei helfen, nicht oder so wenig wie möglich unter der neuen Situation zu leiden.

"Wer die Beziehung nicht Revue passieren lässt, schleppt die eigenen Fehler in die nächste Partnerschaft", erklärt Jung. Der Therapeut berichtet aus der Praxis: "Frauen, die einen unterkühlten Vater hatten, suchen sich oft einen ähnlich gestrickten Partner und leiden wieder." So ein Verhaltensmuster heißt es zu durchbrechen. Das gleiche gilt für einen Mann, der seine Partnerin zum Beispiel hauptsächlich wegen der Optik auswählt. Sexy soll sie sein – aber kann sie mir auch Wärme und Rückhalt geben?

Zu einer Trennung gehört viel Mut

Eine Trennung verlangt Mut – viel Mut. Ich bin nicht mehr der Mann von Steffi. Ich bin nicht mehr die Frau von Bernd. Wer bin ich eigentlich? Was gefällt mir? Womit verbringe ich meine Freizeit? Sehen Sie den neuen Lebensabschnitt auch als Chance, sich selber wieder zu entdecken.

"In einer guten Beziehung haben beide Partner die Lufthoheit über sich selber. In einer nicht funktionierenden Partnerschaft ordnet oft einer von beiden seine Wünsche unter", sagt Jung. Besonders für denjenigen ist es nun wichtig, wieder eigene Projekte zu haben, eigene Freunde zu treffen. "Erst wenn ich ohne dich leben kann, kann ich mit dir leben" – diesen Gedanken legt Jung seinen Patienten manchmal nahe.

Sollen wir Freunde bleiben?

Und bitte: Stellen Sie die Liebe nicht unter Generalverdacht. Machen Sie Ihren Frieden – mit dem Expartner und mit sich selbst. "Mit sich selber bleibt man nämlich ein Leben lang verheiratet", sagt der Experte. Mit dem Expartner kann man sich richtig aussöhnen, falls das möglich ist. Wenn der andere nicht bereit ist, muss man sich wahrlich keine blutige Nase holen. Zum Vertragen braucht es zwei – innerlich vergeben können Sie selbst. Zu wissen, dass man dem anderen vergeben hat, kann sehr befreiend sein.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben", wusste schon Hermann Hesse. Das gilt ganz bestimmt auch für die Zeit nach einer (unglücklichen) Beziehung. Eine Partnerschaft zerbricht nur dann, wenn sie nicht mehr gut ist. Und daher darf man ruhig irgendwann aufhören, um die gemeinsame Zeit zu trauern und wieder beginnen zu leben. Und zu lieben.


Hier finden Sie Hilfe:

Psychotherapie-Informationsdienst der Deutsche Psychologen Akademie GmbH des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen: www.psychotherapiesuche.de *

Webseels@rge – Internetseelsorge, Beratungsplattform für Erwachsene, Jugendliche und Kinder in schwierigen Lebenssituationen: www.webseelsorge.de *

Telefonseelsorge – sowohl telefonisch erreichbar (gebührenfrei, rund um die Uhr unter Tel. 0800/111 0 111) als auch im Internet, per E-Mail und im Chat: www.telefonseelsorge.de *

 

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Für Paare mit Kind: Unser Artikel auf www.baby-und-familie.de

Bildnachweis: Thinkstock/Stockbyte, Thinkstock/Bananastock

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