Warum hält manche Liebe ein Leben lang? Forscher ergründeten einige Geheimnisse glücklicher Paare
Für immer glücklich – davon träumen viele Paare
Wie sich eine Liebesbeziehung ruinieren lässt, wissen Forscher heute sehr genau. Dazu muss ein Paar nur die „fünf apokalyptischen Reiter“ beschwören, die da heißen: Kritik, Rechtfertigung, Verachtung, Machtdemonstration und Rückzug. Der US-Psychologe John Gottman, einer der renommiertesten Beziehungsforscher weltweit, beschrieb diese Boten des Untergangs, nachdem er jahrelang Paare beim Streiten beobachtet hatte. Seine Erkenntnis: Eine Mischung aus vernichtenden Worten und zermürbendem Schweigen erstickt irgendwann jedes positive zwischenmenschliche Gefühl.
Gesucht: Das Erfolgsrezept
Eine Anleitung für dauerhaftes Liebesglück ist sehr viel schwerer zu formulieren. Wissenschaftler kennen zwar eine Reihe wesentlicher Gesetzmäßigkeiten für gelungene Partnerschaften. Zugleich hat sich in Tausenden von Studien eines immer wieder herauskristallisiert: Gute Beziehungen reifen auf viele verschiedene Arten. Das Ende von Krisen-Paaren ist dagegen leichter berechenbar. Vor drei Jahren versuchte der Münchner Psychologe Professor Klaus Schneewind das Geheimnis trauter Zweisamkeit zu ergründen. Er fragte 663 Ehepaare, die durchschnittlich 27 Jahre in erster Ehe verheiratet waren, nach ihrem Erfolgsrezept. „Den anderen so nehmen, wie er ist“, war die häufigste Antwort. Dicht gefolgt von „Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit“. Zu den Hauptzutaten zählten außerdem Liebe, konstruktive Konfliktlösung, gemeinsame Interessen sowie der unerschütterliche Wille, zusammen durch dick und dünn zu gehen.
Keine Beziehung funktioniert von alleine
Damit haben die Eheprofis dieselben Punkte als wesentlich erkannt, die auch Wissenschaftler und Therapeuten immer wieder herausstellen. Toleranz, Akzeptanz, gegenseitige Achtung sowie verbindende Elemente – seien es Wertvorstellungen oder Hobbys – gelten ihnen als Nährboden, auf dem Nähe und Geborgenheit gedeihen. Zusätzlich betonen sie die Notwendigkeit einer hohen Kompetenz in den Bereichen Kommunikation und Konfliktlösung bei beiden Partnern. Es sei ein Trugschluss, dass eine Beziehung von alleine funktioniert, sobald einem erst einmal der oder die Richtige begegnet ist. Entscheidend seien vielmehr „gemeinsame Arbeit an der Partnerschaft“, sagt die Berliner Psychotherapeutin Professor Dr. Anna Auckenthaler, „und das Finden von Kompromissen“. Das gelingt fast nur dann, wenn es ein Paar über Jahre hinweg versteht, miteinander zu sprechen und zu streiten, ohne sich unheilbare Wunden zu schlagen. Sonst schwindet das Vertrauen in die Wertschätzung durch den Partner – und damit die Verbundenheit.
Beziehungs-Killer Alltagsstress
„In wichtigen Studien“, erklärt Claudia Thomas, Psychologin am Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie in München, „hat sich die Kommunikationsfähigkeit als der Faktor mit der höchsten Vorhersagekraft für Qualität und Dauerhaftigkeit einer Beziehung herausgestellt.“ Das Problem: Ohne entsprechende Übung fehlt vielen frisch Verliebten das Gespür für einen förderlichen Umgangston. Mehr noch: Selbst harmonische Paare laufen Gefahr, sich zu zerrütten, wenn Stress das Privatleben überschattet. Der Psychologe Professor Dr. Guy Bodenmann, Leiter des Instituts für Familienforschung und -beratung im schweizerischen Freiburg, hat beobachtet, dass der Austausch zwischen an sich glücklichen Paaren unter Stress plötzlich stark dem von unzufriedenen Duos gleicht. Die Partner reagieren zurückweisender. Sie reden seltener miteinander, und wenn, klingt schnell Gereiztheit durch. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Vorwürfen, Gehässigkeiten, Abwertung. Die apokalyptischen Reiter stehen am Horizont. Eine tückische Falle, denn unter hohem Druck erscheint es nur natürlich, seine Energie auf die Bewältigung vordringlicher Probleme zu konzentrieren. Die sichere Stütze Partnerschaft, kalkulieren viele, könne das aushalten.
Bald weiß keiner mehr, was den anderen bewegt
„Das ist aber nicht so“, betont Bodenmann in einem Fachaufsatz. Wo Schweigen herrscht, weiß bald keiner mehr, was den anderen bewegt, was ihn freut oder bekümmert. „Die Beziehung“, verdeutlicht der Schweizer Experte, „erneuert sich nicht.“ Die Liebe verkümmert aus Langeweile und schwindendem Interesse zweier Menschen aneinander. Im Durchschnitt steht hierzulande jedes dritte Paar in einer ernsthaften Beziehung am Rande einer Trennung. An diesem Punkt, glauben die kanadischen Psychotherapeuten Leslie Greenberg und Susan Johnson, haben sich die Krisengeplagten bereits so weit entfremdet, dass sich der Riss zwischen ihnen mit wohl überlegten Gesprächstechniken allein nicht mehr kitten lässt. Es sei eine spezielle, auf die emotionale Bindung ausgelegte Therapie nötig, um jene magische Vertrautheit zurückzugewinnen, die Liebende auszeichnet.
Missverständnisse häufen sich
Hintergrund dieser wissenschaftlichen Beziehungsanalyse ist die so genannte Bindungstheorie. Der britische Pionier der Entwicklungspsychologie John Bowlby hatte sie in den fünfziger und sechziger Jahren formuliert. Sie geht davon aus, dass jedem Menschen ein Bedürfnis nach Sicherheit oder „Bindung“ angeboren ist – ein Urgefühl, das auch das Verhalten in Partnerschaften maßgeblich bestimmt. Enttäuscht der Partner unsere Sehnsucht nach Gleichklang, werden wir unsicher, was jene Signale bedeuten, die er mit jedem Wort, mit jeder Geste sendet. Missverständnisse häufen sich, und falsche Interpretationen verfestigen sich. Wenn Paare den zerstörerischen Sog erkennen, beklagen Therapeuten, ist ihr gemeinsamer Weg oft schon zu Ende. „Die Paarberatung“, fordert Anna Auckenthaler, „müsste viel stärker im präventiven Bereich ansetzen.“ Je eher sich Liebende darüber klar werden, wo die Chancen und Grenzen ihrer Zweisamkeit liegen, desto besser. Ebenso wichtig sei es, ein ganz persönliches Leitbild für eine gelungene Beziehung zu verfolgen. „Das ist“, sagt Auckenthaler, „eine viel bessere Voraussetzung, als sich an Erwartungen zu orientieren, die das soziale Umfeld an ein Paar heranträgt oder die wir von der Familie übernehmen.“
Gesundheit
Gesundheit;
12.09.2005, aktualisiert am 09.11.2006
Foto: DigialVision
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