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Flirtmaschine oder Beziehungskiller?
Kleiner Kurs in Handy-Psychologie

Es piept, bimmelt und klingelt. Das Handy kann eine Partnerschaft verändern – nicht nur zum Besseren


Bei Anruf Blabla – eine Gefahr für die Liebe

Handys können tierisch nerven. Warum sagt er nicht, vom wem er gerade eine SMS bekommen hat? Warum zieht sie sich sofort in ihr Zimmer zurück, wenn ihr Mobiltelefon läutet? Das Handy ist nicht nur eine ideale Flirtmaschine, die die Kontaktaufnahme zwischen zwei Menschen erleichtert und Nähe herstellt. Oft genug wird das Mobiltelefon des Partners misstrauisch beäugt – als ständig aktiver Störenfried, der seine Botschaften unerbittlich in die traute Zweisamkeit hineinfunkt – und möglicherweise sogar dunkle Geheimnisse der/des Geliebten birgt. Zugleich ist es ein ideales Kontrollinstrument. Denn schließlich ist der andere damit jederzeit erreichbar, jeder seiner Schritte prinzipiell nachvollziehbar.

Immer Anschluss unter dieser Nummer?
Handys verändern also die Kommunikations- und Verhaltensmuster in einer Partnerschaft. „Sie bieten eine neue Regelungsmöglichkeit von Nähe und Distanz. Das kann sich auf die Paarbeziehung sowohl positiv als auch negativ auswirken“, fasst Dr. Joachim Engl vom Münchner Institut für Kommunikationstherapie zusammen. Der Psychotherapeut und Eheberater beschäftigt sich damit, wie Menschen in einer Paarbeziehung miteinander reden, und gibt praktische Hilfestellung, wenn es dabei hapert. Zusammen mit Kollegen entwickelte er spezielle Kommunikationstrainings für Paare, die europaweit von mehr als tausend Trainern vermittelt werden (Infos unter www.institutkom.de).

Das Medium für die schnelle Info
Die Vorteile der Handy-Kommunikation liegen nach Engl auf der Hand: Der direkte Draht zum/zur Liebsten erleichtert den schnellen Austausch von Informationen und Abstimmungen im Alltag: „Besorgst du das Brot fürs Abendessen?“ „Kannst du schnell Anna aus dem Kindergarten abholen?“ Frisch Verliebte nutzen das neue Medium außerdem gern für kleine Liebesbezeugungen „zwischendurch“. Eine Liebeserklärung per Mailbox oder Textnachricht (SMS) kommt immer gut an. Oft dient zweien, die sich mögen, das Telefon auch als Stressbremse. Ein kurzer Anruf nach einem anstrengenden Meeting oder einem gut überstandenen Flug beruhigt die Nerven und liefert Selbstbestätigung. Sehr ins Detail gehen diese Gespräche meist nicht. „Das Handy ist mehr ein Infomedium, kein Interaktionsmedium“, sagt Kommunikations-Experte Engl.

Der ausführliche Austausch von Intimitäten scheitert einmal an den hohen Kosten und zum anderen vor allem daran, dass die Telefonate meist in der Öffentlichkeit stattfinden. „Die Partnerkommunikation per Handy hat in erster Linie Signal- und Ortungsfunktion – nach dem Motto: ,Ich bin zu Hause. Wo bist Du gerade?‘ Es geht gar nicht so sehr um Inhalte.“ Das hat aber unweigerlich zur Folge, dass auch die Qualität der Kommunikation auf der Strecke bleibt. Sie wird unverbindlicher und wahlloser. Dies wird noch verstärkt dadurch, dass nur ein Kommunikationskanal aktiviert ist und nonverbale Signale ausgeblendet bleiben“, so Engl.

Bei Anruf Blabla: Handygespräche sind oft sehr belanglos
Der Eheberater befürchtet sogar, dass oberflächliche Handy-Telefonate eine zunehmende Sprachlosigkeit zwischen den Partnern begünstigen. Belangloses Blabla übers Handy beruhigt das Gewissen und vermittelt den Eindruck, dass der Kontakt zum Partner noch bestens ist. „Schlimmstenfalls könnte das Gerät zwischen den beiden stehen, ja sogar Ersatzfunktion haben“, meint Engl. Wer also glaubt, dass ständiges Hin-und -Hertelefonieren mit dem Partner die Beziehung vertieft, ist auf dem Holzweg. „Im Gegenteil“, weiß Engl. „Die Menschen verlernen dadurch, Alleinsein oder Distanz zum Partner aushalten zu können. Das kann schließlich dazu führen, dass ein Gefühl wie Sehnsucht regelrecht ausstirbt.“ Umgekehrt kann man sich hinter einem Handy aber auch geschickt verstecken und so vor Nähe drücken. Wer ganz unverbindlich per SMS anbandelt, kommt zum Beispiel mit einem Korb besser zurecht, als derjenige, der „in natura“ in die Offensive geht.

Ständige Verbindung weckt Fluchtreaktionen
Überhaupt ist die Handy-Kommunikation nach Ansicht des Experten eine zweischneidige Geschichte. Als zusätzliche Möglichkeit, Absprachen zu treffen, erleichtert es Heimlichkeiten bis hin zum Seitensprung. „Auf der anderen Seite kann es dadurch leicht zur Fremdgehfalle werden“, sagt Engl. Denn das Handy mit seinem Datenspeicher ist eine Art elektronisches Tagebuch. So kann man beispielsweise die zuletzt gewählten Nummern abrufen oder eingegangene Nachrichten. Prominentes Beispiel für diese Praxis: Durch einen heimlichen SMS-Check erfuhr der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Strunz, dass ihn seine Ehefrau mit dem ehemaligen Teamkollegen Stefan Effenberg betrügt.

Der direkte Draht zum Partner kann außerdem schnell zum Gängelband mutieren. Dadurch, dass es ständige Erreichbarkeit suggeriert, weckt das Handy nämlich Kontrollzwänge – und auch die dazugehörigen Fluchtreaktionen. Wer den anderen permanent mit Anrufen bombardiert, gibt ihm leicht das Gefühl, an der kurzen Leine gehalten zu werden. Und wird schnell mit bizarren Ausreden des Gegängelten konfrontiert: „Mein Akku war leer“ oder „Ich war gerade im Funkloch, als du angerufen hast.“

Das Handy des Partners ist seine Privatsache
Gibt es eine Gebrauchsanweisung für den richtigen Umgang mit dem Handy in der Partnerschaft? „Es ist einfach wichtig, dass man es nicht überbewertet, übermäßig nutzt, sondern als das einsetzt, was es ist – ein Mittel zum Zweck“, empfiehlt Engl. Also: Das Mobiltelefon abschalten, wenn man mit dem Partner zusammen ist. „Wenn ein Paar zu zweit ist, dann ist es – es sei denn, es steht etwas wirklich Wichtiges an – nicht gut, wenn die beiden ihr Handy ständig eingeschaltet lassen. Es lenkt einfach ab, stört die direkte Kommunikation.“

Auch für Beziehungsgespräche sollte das Telefon tabu sein. „Manche Dinge lassen sich eben besser unter vier Augen besprechen als unter zwei Ohren“, weiß Engl. „Oft erwischt man bei einem Anruf jemanden einfach auf dem falschen Fuß, und das kann neue Probleme schaffen.“ Wichtig ist auch, sich mit dem Partner über den Umgang mit dessen Handy zu verständigen – „Soll ich rangehen, wenn dein Handy klingelt und du gerade nicht im Zimmer bist?“ Denn: „Das Handy ist – ähnlich wie persönlich adressierte Briefe – Teil der Privatsphäre des Partners. Da sollte man nichts unerlaubt tun. Alles andere wäre ein Übergriff und würde nicht von Vertrauen zeugen“, warnt Engl.

Apotheken Umschau



Apotheken Umschau; 05.08.2005, aktualisiert am 28.06.2010
Bildnachweis: Stockbyte/RYF

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