Paartherapie und Familientherapie

Mitunter liegt eine wesentliche Ursache der psychischen Belastung eines Menschen in zwischenmenschlichen Konflikten, wie Schwierigkeiten in einer Partnerschaft oder der Familie. Dann kann eine Familien- oder Paartherapie helfen, positive Veränderungen zu erreichen

von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 05.09.2014

Die Familientherapie bezieht alle Mitglieder der Familie mit ein

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Wie ordnet man die Paar- und Familientherapie bei den Psychotherapien ein?

In Partnerschaft und Familie sind mehrere Menschen durch eine gemeinsame Lebenssituation und Lebensgeschichte verbunden und durch ein Netz an Beziehungen miteinander verstrickt. Der Therapeut nennt dieses soziale Geflecht ein "System". Eine Unterform der Paar- und Familientherapie ist deshalb die systemische Therapie. Es gibt Paar- und Familientherapien aber auch in der Verhaltenstherapie und der psychodynamischen Psychotherapie. Die letzteren beiden Formen können bei bestimmten Anlässen über die Krankenkassen abgerechnet werden, die systemische Therapie nicht, obwohl sie der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie als wissenschaftlich begründetes Verfahren anerkannt hat.


Wann kann eine Paartherapie oder eine Familientherapie hilfreich sein?

Paar- und Familientherapie können also recht unterschiedlich aussehen. Das Psychotherapeutengesetz spricht dabei von "psychologischen Tätigkeiten, die die Aufarbeitung  und Überwindung sozialer Konflikte … zum Gegenstand haben". Oft wollen Menschen, die diese Therapieformen wahrnehmen, Konflikte abbauen und die Kommunikation in Partnerschaft und Familie verbessern. Sie suchen nach Strategien, mit denen sie Probleme und Stresssituationen bewältigen können. Eine Paartherapie kann beispielsweise mithelfen, die Untreue eines Partners gemeinsam aufzuarbeiten. Sie kann aber auch für Trennung und Scheidungsmediation oder bei Gewalt in Partnerschaft und Familie wichtig sein.

Die Paar- und Familientherapie kommt aber nicht nur bei Konflikten, sondern vor allem auch bei der Krankenbehandlung zum Einsatz: Häufig ist sie Teil der Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychotherapie. Anlass können zum Beispiel Ess-Störungen sein oder Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Dabei bezieht der Therapeut die ganze Familie in die Behandlung mit ein. Es gibt darüber hinaus viele weitere Anlässe, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Beispielsweise haben sich Paar- und Familientherapie bei Depressionen und Abhängigkeitsbehandlungen bewährt.


Bei der Paartherapie geht es oft um unausgesprochene Erwartungen

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Wie läuft eine Paartherapie oder eine Familientherapie ab?

Paar- und Familientherapie behandeln ein ganzes System von Beziehungen. Gegenstand der Therapie sind also nicht psychische Störungen einzelner Menschen, sondern deren Bedeutung in der Kommunikation und dem Zusammenspiel der Partner oder den Mitgliedern innerhalb einer Familie. Häufig geht es um ausgesprochene und unausgesprochene wechselseitige Erwartungen.

Es gibt zahlreiche Konzepte für eine Paar- und Familientherapie. Grundlage dieser Konzepte bilden unter anderem Kommunikationsmodelle und Systemtheorien: Kommunikationsmodelle sind wissenschaftliche Erklärungsversuche, wie Menschen miteinander kommunizieren. Soziologische Systemtheorien wollen beschreiben, wie menschliche Gesellschaften aufgebaut sind und wie die Mitglieder einer Gesellschaft miteinander umgehen.

Die Therapieansätze sind überwiegend einsichtsorientiert. Sie wollen den Therapieteilnehmern Einsichten eröffnen, welche Ursachen den Konflikten zugrunde liegen. Des Weiteren richten sie sich verhaltenstherapeutisch aus, sie setzen also den Schwerpunkt auf das beobachtbare Verhalten und dessen Veränderung. Paar- und Familientherapie können aber auch Elemente der Psychodynamik beinhalten. Die Psychodynamik befasst sich damit, welche seelische Vorgänge als Reaktionen auf äußere und innere Ereignisse ausgelöst werden, und wie sie sich entwickeln.


Welche Methoden dienen der Analyse der Beziehungen?

In einer Paar- und Familientherapie analysiert der Therapeut außerdem die Art, wie sich Paare oder Familienmitglieder gegenseitig behandeln. Dafür kann er zu verschiedenen Methoden greifen, hier einige Beispiele:

  • Um die Beziehungsmuster besser zu verstehen, nützt es ihm oft, den Familienstammbaum kennen zu lernen und sich die der Lebensgeschichten der Familienmitglieder anzusehen.
  • Als weiteres Mittel dienen sogenannte zirkuläre Fragen. Der Therapeut erfragt zum Beispiel vom Sohn, mit welchen Gefühlen der Vater auf ein Verhalten der Mutter vermutlich reagieren wird.
  • Auch veranschaulichende (metaphorische) Techniken machen das Beziehungsgefüge sichtbar. Die Familienmitglieder werden dabei so in einem Raum aufgestellt, dass Position und Haltung der Mitglieder ein Bild der Beziehungen innerhalb der Familie abgeben.
  • In der psychodynamischen Familientherapie werden unbewusste Strukturen, in der Regel in der Mehrgenerationenperspektive, bearbeitet.
  • Andere Therapieformen wie die strukturelle Familientherapie nach Minuchin arbeiten mit Rollenspielen. Der Therapeut ist Beobachter, der moderierend eingreift.
  • In dem Konzept von Virginia Satir steht die Wahrnehmung im Mittelpunkt: Wenn beispielsweise die Mitglieder einer Familie meinen, über ein und dasselbe zu sprechen, aber in Wirklichkeit jeder etwas anderes meint, kommt es oft zu Missverständnissen. Hier vermittelt der Therapeut zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungen und deckt so Missverständnisse auf.

Durch sein Eingreifen möchte der Therapeut bewirken, dass sich die Beziehungsmuster verändern. Er versucht, positive Aspekte in bisher negativ gesehenem Verhalten hervorzuheben. Dadurch will er erreichen, dass sich die Partner oder Familienmitglieder wieder besser akzeptieren und die Haltung der anderen tolerieren können. Auch Verhalten und Erleben sollen sich verändern, und Symptome wie zum Beispiel Ess-Störungen aufgegeben werden.


Ess-Störungen können eine Indikation für eine Familientherapie sein

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Besteht die Möglichkeit einer Kostenerstattung für eine Paartherapie oder eine Familientherapie?

Die Krankenkassen bezahlen Paartherapie oder Familientherapie nur, wenn ein Partner oder Familienmitglied unter einer psychischen Störung mit Krankheitswert leidet und diese Erkrankung die Familie oder Partnerschaft sehr belastet beziehungsweise diese durch Familien- und Paarbeziehungsstörungen mit hervorgerufen oder aufrechterhalten wird. Psychische Störungen mit anerkanntem Krankheitswert können zum Beispiel Depressionen, Angststörungen, Süchte, Verhaltensstörungen, Ess-Störungen, Zwänge und psychosomatische Störungen sein. In Situationen, in denen das Wohl von Kindern und Jugendlichen durch Probleme in der Familie gefährdet ist, übernehmen gegebenenfalls Jugendämter oder Sozialhilfeträger die Kosten. Daneben gibt es bei sozialen und kirchlichen Trägern teils kostenfreie oder kostengünstige Beratungs- und zum Teil auch Therapieangebote.


Welche Therapeuten führen eine Paartherapie oder eine Familientherapie durch?

Es gibt ärztliche und psychologische Psychotherapeuten sowie Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die eine Zusatzausbildung für Paar- oder Familientherapie gemacht haben. Für systemische Therapien und psychodynamische Familien- und Paartherapien gibt es Ausbildungen an spezialisierten Instituten. Zertifikate der Fachgesellschaften für systemische Therapie und psychoanalytische Paar- und Familientherapie belegen, dass bestimmte inhaltliche und formale Anforderungen in der Ausbildung erfüllt wurden. Gesetzliche Regelungen zur Ausbildung gibt es jedoch nicht. Im Gegensatz zu der Berufsbezeichnung Psychotherapeut sind Berufsbezeichnungen wie Paar- oder Familientherapeut nicht gesetzlich geschützt.


Wie findet man einen Therapeuten?

Erste Anlaufstellen bei Problemen in Partnerschaft und Familie können neben dem Hausarzt Beratungsstellen verschiedener städtischer, sozialer oder kirchlicher Träger sein. Für Eltern und Familien bietet der Fachverband für Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung Hilfestellungen bei der Suche nach einer wohnortnahen Beratungsstelle. Auskunft über Familien- und Paartherapeuten geben zudem u. a. die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) und der Bundesverband Psychoanalytische Paar- und Familientherapie (BVPPF).


W&B/Privat

Beratender Experte: Prof. Dr. Günter Reich, Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er ist leitender Psychologe der Psychotherapeutische Ambulanz für Studierende (PAS) und der Ambulanz für Familientherapie und für Essstörungen in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bei der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).


Quellen:

1. Möller HJ, Laux G, Deister A: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 5. Auflage, Stuttgart Thieme-Verlag 2013
2. Reich G, Massing A, Cierpka M: Praxis der psychoanalytischen Familien- und Paartherapie, Stuttgart Kohlhammer 2007
3. Frank W: Psychiatrie, 15. Auflage, München Elsevier Verlag 2007
4. Wetzel H: Familientherapie: eine kurze Einführung. Online: https://www.psychologie.uni-freiburg.de/Members/wetzel/lehre/familientherapie/view?searchterm=Familientherapie (Abgerufen am 23.09.2013)
5. pro-Psychotherapie e.V.: Online: www.therapie.de/psyche/info/ (Abgerufen am 23.09.2013)
6. Beratungsstellensuche: http://www.bke.de/virtual/ratsuchende/beratungsstellen.html (Abgerufen am 22.10.2013)


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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