Ohrenentzündungen kann man getrost unter die Volkskrankheiten einsortieren: Jeder Mensch hat im Lauf seines Lebens mehr oder weniger darunter zu leiden. Eine Bagatelle sind Entzündungen und Ohrenschmerzen trotz ihres häufigen Auftretens nicht.
„Wenn das Ohr schmerzt, ist immer ein Besuch beim Facharzt angebracht“, sagt Dr. Thiemo Kurzweg von der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Damit der Arzt eine Diagnose stellen kann, untersucht er den Gehörgang, macht einen Abstrich, um den Erreger zu bestimmen, und führt eventuell zur Sicherheit einen Hörtest durch. Im klinischen Alltag sehen HNO-Experten im Wesentlichen zwei Verlaufsformen einer Ohrenentzündung: die Gehörgangentzündung (Otitis externa) und die Mittelohrentzündung (Otitis media).
Bei der Gehörgangentzündung ist die Haut des äußeren Ohrs, das die Ohrmuschel mit dem Trommelfell verbindet, gereizt. Dazu kommt es zum Beispiel, wenn das Ohr unsachgemäß mit Wattestäbchen oder anderen ungeeigneten Hilfsmitteln wie Stiften gereinigt wird. Durch kleine Verletzungen, die dabei entstehen, können Bakterien eine Entzündung im Gehörgang verursachen.
Dasselbe geschieht unter Umständen, wenn die Ohren zu häufig und zu intensiv gesäubert werden. „Durch ständiges Reinigen verschwindet das schützende Schmalz, das eine desinfizierende Wirkung hat und die Ohren gesund hält. Bakterien und Pilze dringen dann leichter ein“, erklärt der HNO-Arzt Dr. Jan Löhler aus Bad Bramstedt. Sanftes Auswischen mit einem lauwarm-feuchten Waschlappen reiche, um die Ohren zu säubern.
Manchmal ist eine Gehörgangsentzündung auch die Folge eines Schwimmbadbesuchs. Sie verläuft in der Regel äußerst schmerzhaft und kündigt sich mit starkem Juckreiz an. Zum Teil geht sie mit Abgeschlagenheit und erhöhter Temperatur einher, und jede Kaubewegung tut sehr weh.
Löhler erklärt: „Chlorwasser weicht die Haut im Ohr so stark auf, dass Keime ungehindert eintreten können. Ausgiebig tauchen sollte man deshalb in Schwimmbädern lieber nicht.“ Vorbeugend rät der Experte, nach dem Schwimmen die Ohren vorsichtig zu trocknen, damit kein Wasser darin zurückbleibt. Am besten geht das mit einem kleinen, dünnen Handtuch. Alternativ vorsichtig mit dem Fön warme Luft in das Ohr fächeln.
Kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einer Otitis externa, ist vor allem eine konsequente Therapie wichtig, um Komplikationen zu verhindern. Örtlich angewandte Antibiotika in Form von Tropfen oder im Gehörgang platzierte Gazestreifen mit entzündungshemmender Salbe verschaffen meist in kurzer Zeit Schmerzlinderung.
Doch hier liegt auch eine Gefahr. „Viele Patienten riskieren Spätfolgen, weil sie Behandlungstermine nicht mehr wahrnehmen, wenn die Schmerzen weg sind. Aber die Entzündung ist dann meist noch nicht vollständig abgeheilt“, warnt Thiemo Kurzweg. Wenn bei einer an sich harmlosen Infektion der oberen Atemwege Erreger aus dem Nasen-Rachen-Raum in das Ohr wandern, entsteht eine Mittelohrentzündung. Das kann passieren, weil das Mittelohr über die Ohrtrompete (die eustachische Röhre) Verbindung zur Nase hat.
Die Entzündung muss unverzüglich vom Arzt behandelt werden. Typische Symptome sind stechende Schmerzen und ein pochendes Klopfen im Ohr. Auch Kopfschmerzen und Fieber sind mögliche Begleiterscheinungen. Am häufigsten trifft es Kinder. Bei ihnen entstehen oft Polypen, gutartige Wucherungen im Nasen-Rachen-Raum. „Wachsen sie direkt vor der Ohrtrompete, ist die Belüftung des Mittelohrs gestört oder komplett behindert. Die Infektionsgefahr durch Bakterien erhöht sich“, erläutert Thiemo Kurzweg. Lösen Polypen immer wieder Infektionen aus, werden die Wucherungen operativ entfernt.
Eine akute Otitis media lässt sich gut mit Medikamenten behandeln. Abschwellende Nasentropfen helfen dabei, dass die Nase wieder gut belüftet wird. Präparate mit entzündungshemmenden Wirkstoffen wie Ibuprofen und Diclofenac lindern den Schmerz. Bei Kindern haben sich Paracetamol-Zäpfchen bewährt. Ob Antibiotika notwendig sind, entscheidet der Arzt im Einzelfall und abhängig vom Verlauf der Erkrankung.
Treten Mittelohrentzündungen bei Erwachsenen öfter auf, liegt dies meist an einer zu kurzen Ohrtrompete. Erreger aus der Nase können dann hartnäckig das Ohr beeinträchtigen – es besteht das Risiko, dass die Mittelohrentzündung chronisch wird. Ohrenschmerzen vorzubeugen ist nur sehr beschränkt möglich. Auch eine Mütze schützt nur bedingt. Löhler: „Kalte Ohren selbst lösen keine Entzündung aus, da das Mittelohr tief im Kopf sitzt, wo es immer warm genug ist. Es verhält sich eher so, dass man zuerst eine Erkältung bekommt, die sich dann auf die Ohren schlägt.“
Anita Essig-Knop / Apotheken Umschau;
03.12.2010, aktualisiert am 11.08.2011
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