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So funktioniert ein Cochlea-Implantat

Schwerhörige, denen normale Hörgeräte nicht mehr helfen, profitieren möglicherweise von Implantaten


Prüfender Blick: Professor Joachim Müller untersucht seinen Patienten Stückgen

Bevor er mit fünf Jahren an Hirnhautentzündung erkrankte, hörte Detlef Stückgen ganz normal. Er gewann damals den Kampf um sein Leben, verlor aber das Gehör. Die Meningitis hatte sein Innenohr auf beiden Seiten irreparabel geschädigt. Zurück blieb eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. Ein sperriges Taschen-Hörgerät, das er in einem Rucksack mit sich herumschleppen musste, wurde sein ständiger Begleiter.



Mit zwölf Jahren bekam er eine handlichere Hörhilfe, die er hinter dem Ohr tragen konnte. Obwohl er damit sehr schlecht hörte, absolvierte Stückgen eine Ausbildung zum Zahntechniker und studierte anschließend Zahnmedizin. „Das war unheimlich schwer“, erinnert sich der heutige Vizepräsident der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft. „Ich konnte den Vorlesungen kaum folgen. Doch dank der Mitschriften meiner Kommilitonen habe ich das Studium bewältigt.“


Nach einem Hörsturz im Jahr 1999 ließ sich Stückgen im Universitätsklinikum Würzburg ein Cochlea-Implantat (CI) in das rechte Innenohr einsetzen. Es wandelt Schallwellen in elektrische Signale um, die über eine Elektrode in der Hörschnecke (lateinisch Cochlea) den Hörnerv stimulieren (siehe Grafik im nächsten Kapitel). Auch bei völlig Tauben entsteht so ein Höreindruck im Gehirn – vorausgesetzt, der Hörnerv ist intakt.

„Bei Erwachsenen implantieren wir zunächst ein CI in das schlechtere Ohr“, erklärt Professor Joachim Müller, Leiter des Schwerpunkts Cochlea-Implantation und Hörprothetik an der Würzburger Universitäts-HNO-Klinik. „Wir meinen aber, dass jeder, der auf beiden Ohren schlecht hört, auch beidseits mit angemessenen Hörprothesen versorgt werden sollte.“

Bei Stückgen war der Unterschied zwischen CI und Hörgerät so groß dass er sich vier Jahre später für ein zweites Implantat entschied. „Das Ergebnis ist hervorragend“, sagt der promovierte Zahnarzt aus München. „Seitdem höre ich, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, und Musik ist wieder ein Genuss für mich.“

Inzwischen kann Stückgen problemlos telefonieren und sich auch in größerer Runde und bei lauten Hintergrundgeräuschen gut unterhalten. „Mit dem Hörgerät war das nicht möglich“, erzählt er. „Ich habe mich zurückgezogen, bin kaum noch unter Leute gegangen.“

In Deutschland leben inzwischen fast 30.000 hochgradig Schwerhörige oder vollständig Taube mit Cochlea-Implantaten. „Allerdings könnten noch viel mehr Betroffene davon profitieren“, ist sich Stückgen sicher.

„Jedes tausendste Neugeborene ist hochgradig schwerhörig oder taub“, sagt Professor Markus Suckfüll, Chefarzt der HNO-Klinik am Krankenhaus Martha-Maria in München. „Das Hörscreening für Neugeborene ermöglicht es wenigstens, hörgeschädigte Kinder sehr früh zu erkennen.“

Experten fordern, taub geborene Kinder so früh wie möglich mit Cochlea-Implantaten zu versorgen. „Säuglinge operieren wir bereits ab dem vierten Lebensmonat, wenn die Diagnose gesichert ist. Dabei streben wir die Versorgung auf beiden Seiten an“, betont Müller, der in den vergangenen 20 Jahren weltweit mehr als 1500 Geräte implantiert hat. „Die Kinder haben dann gute Chancen auf eine normale Sprachentwicklung.“

Die europäischen Erfahrungen bestätigt nun auch eine Studie aus den USA. Ein Team um Dr. John Niparko von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore hatte die Fortschritte beim Sprachverständnis von 188 Kindern zwischen sechs Monaten und fünf Jahren nach dem Einsatz eines Cochlea-Implantats drei Jahre lang erfasst und mit der Entwicklung von 97 gleichaltrigen Kindern ohne Höreinschränkungen verglichen.

Wie die Forscher im Ärzteblatt JAMA berichten, hatten gehörlose Kinder, die vor dem 18. Lebensmonat mit einem Implantat versorgt wurden, als Dreijährige ein Sprachverständnis wie normal hörende Kinder im Alter von 27 Monaten. Wurde zwischen dem 18. und 36. Lebensmonat implantiert, betrug der „Verständnisunterschied“ 15 Monate, bei einer Implantation nach dem dritten Lebensjahr sogar 24 Monate. „Je später ein Kind operiert wird, umso schwerer lernt es sprechen“, bestätigt Suckfüll.

Im Alter Hörfähigkeit erhalten

Hörgeschädigte Kinder sind heute gut mit CIs versorgt. Anders sieht es bei Erwachsenen mit einer hochgradigen Schwerhörigkeit aus. „Schon heute könnten 15 Prozent der Bevölkerung ein Hörgerät brauchen“, sagt Suckfüll. „Und weil die Lebenserwartung steigt, wird dieser Anteil künftig noch zunehmen.“

Diejenigen, bei denen ein normales Hörgerät nicht mehr ausreicht, könnten dann von einem Cochlea-Implantat profitieren. „Es ist sehr wichtig, die Hörfähigkeit auch im Alter zu erhalten“, betont Suckfüll, „damit die Menschen weiterhin am sozialen Leben teilnehmen können und geistig rege bleiben.“

Wie der Münchner HNO-Arzt betont, wird der Eingriff zunehmend schonender durchgeführt, dauert im Schnitt nur eine gute Stunde und hat eine geringe Komplikationsrate. Auch Müller sieht hier enormes Potenzial: „Die Implantate werden kleiner, leistungsfähiger und langlebiger, sodass wir sie inzwischen auch Patienten anbieten, die noch ein Restgehör haben.“

In diesem Fall stehen HNO-Ärzte vor einem Dilemma: „Beim Einführen der Elektroden in die Hörschnecke können die Haarzellen im Innenohr irreversibel geschädigt werden, sodass das Restgehör oft verloren geht“, erklärt Müller. „Doch die technischen Fortschritte und die Entwicklung schonender OP-Verfahren erhöhen die Chance, dass die natürliche Sinnesfunktion erhalten bleibt.“

So wurden flexible, besonders dünne Spezialelektroden entwickelt, die sich in die Hörschnecke einführen lassen, ohne die empfindlichen Haarzellen zu zerstören. Wenn ein Patient nur bei hohen Tönen Probleme hat, besteht die Möglichkeit, ein CI mit einem Hörgerät – also elektrisches und akustisches Hören – zu kombinieren. „Bei dieser elektroakustischen Stimulation verwenden wir kürzere Elektroden, die nur bis in die erste Windung der Cochlea geschoben werden, sodass der Rest intakt bleibt“, schildert Müller.

Individuelle Lösungen finden

Um die Patienten optimal zu versorgen, haben Mitarbeiter der Würzburger HNO-Klinik ein intraoperatives Messverfahren entwickelt. „Wir messen das Restgehör während des Eingriffs und wählen anhand der Ergebnisse die am besten geeignete Elektrode“, erläutert Müller.

Auch die Sprachcodierung wurde weiterentwickelt. „Früher nahmen die Patienten Stimmen und Geräusche verzerrt wahr“, sagt der HNO-Experte. „Heute ist nach einiger Zeit ein annähernd normales Hörempfinden möglich.“ Dennoch müssen frisch Implantierte erst lernen, mit dem Gerät zu hören.

„Bevor wir es einschalten, muss es mindestens vier Wochen lang festwachsen“, erklärt Suckfüll. „In der anschließenden Reha-Phase passen Ingenieure das Implantat den individuellen Bedürfnissen des Patienten an, Audiologen und Logopäden trainieren mit ihm das Hören, Verstehen und Sprechen.“

Seit der Implantation der ersten Geräte Anfang der 80er-Jahre hat sich also viel getan. Trotzdem arbeiten die Herstellerfirmen an immer leistungsfähigeren und benutzerfreundlicheren Modellen. Laserstimulierte Implantate sollen künftig ein noch besseres Hören ermöglichen, vollimplantierbare CIs ganz unter der Haut verschwinden.Heute bestehen die Geräte aus dem Implantat und einem äußeren Teil, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird.

„Hier ist noch viel Entwicklungsarbeit notwendig“, sagt Müller. „Aber in zehn Jahren wird es vermutlich auch vollimplantierbare Geräte geben.“ Für Detlef Stückgen hätte das große Vorteile: „Der äußere Teil darf nicht nass werden, sodass ich ihn beim Schwimmen, Duschen und Sport abnehmen muss“, sagt er. „Deshalb wäre es schön, wenn das CI ganz unter der Haut verschwände.“


Bei Fragen rund um das CI hilft die Deutsche Cochlear Implant Gesellschaft e.V.

Rosenstraße 6
89257 Illertissen

Telefon: 0 73 03/39 55
Fax: 0 73 03/4 39 98
www.dcig.de
www.schnecke-online.de



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Barbara Kandler-Schmidt, Apotheken Umschau; 24.08.2010
Bildnachweis: W&B/Fritz Stockmeier

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