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Ohrwurm – Musik in meinem Kopf

Wer kennt sie nicht? Die klingenden Dauerschleife im Ohr. Ein Musikwissenschaftler hat den Ohrwurm erforscht


Er hat ein knall-roootes Gummiboot ...

Das Radio im Kopf verfügt weder über einen Power-Knopf noch besitzt es eine Frequenz-Such-Funktion. Es dudelt einfach dann los, wenn es ihm passt. Auf das Programm nimmt der zwangsbeglückte Zuhörer keinen Einfluss. Gemeint ist der gemeine Ohrwurm. Das Ohrkaugummi der Brasilianer, das Klebelied der Spanier.

Verschont bleibt fast keiner. Plötzlich sitzt der Anton anstatt in Tirol, in unserem Gehörgang. Und er macht keine Anstalten, den Rückweg nach Österreich zeitnah anzutreten. Was hat es mit dem Phänomen Ohrwurm auf sich? Wir haben mit dem Musikwissenschaftler Professor Jan Hemming gesprochen.


Was ist ein Ohrwurm?

Das ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein Musikstück, das den Hörer über einen längeren Zeitraum hinweg im Kopf begleitet. Der Betroffene hört das Lied, obwohl es grade nirgendwo gespielt wird.

Wie entsteht so ein Ohrbohrer?

Meistens sind es Emotionen, die ihn auslösen. Häufig ist es ein Lied, das man entweder liebt oder gar nicht mag. Oder es ist ein Stück, mit dem der Verfolgte ein bestimmtes Erlebnis oder eine Person verbindet. Wichtig sind sowohl musikalische Merkmale wie auch das Wort-Ton-Verhältnis. Diese Aspekte machen eine Melodie für den Hörer interessant oder auch nicht.

In welchen Situationen kriecht der Wurm in unsere Ohren?

Das geschieht häufig wenn sich das Gehirn quasi im Leerlauf befindet. Zum Beispiel wenn wir auf den Bus warten, das Geschirr spülen oder auch gerne während einer langweiligen Vorlesung. Einzelne Betroffene starten die persönliche Dauerschleife allerdings auch in Stress-Situationen.

Gibt es Menschen, die anfälliger für das Kopf-Gedudel sind?

Meinen Forschungsergebnissen zu Folge hat weder das Geschlecht noch die Begabung oder Prägung einen Einfluss auf die Ohrwurm-Neigung. Es gibt Personen, die bekommen ein Lied bereits nach kurzem Zuhören nicht mehr aus dem Sinn. Andere lauschen der selben Melodie stundenlang und bleiben verschont. Nicht einmal Musiker, die die Musik-verarbeitenden Kapazitäten voll ausschöpfen, belegen eine Sonderrolle.

Kann ein Mediziner einen Ohrbohrer im Gehirn bildlich darstellen?

Es gibt Versuche mit einem Magnet-Resonanz-Tomographen. Die Ärzte haben erkannt, dass beim willentlichen Vorstellen eines Liedes die selben Gehirn-Areale aktiv sind, wie beim wirklichen Anhören. Allerdings kommt ein Ohrwurm ja spontan, so ist diese Darstellung bisher noch nicht möglich gewesen. Bei einem Langzeit-Betroffenen wäre es wohl am ehesten umsetzbar.

Sind Sie im Laufe der Arbeit auf verrückte Geschichten gestoßen?

Es gibt lustige Fälle von schrecklichen Liedern. Ich habe genervte Betroffene kennengelernt, die ihr Lied erst nach zwei bis drei Wochen ausschalten konnten. Und ich habe wirkliche Langzeit-Patienten getroffen, die über Jahre hinweg immer wieder heimgesucht wurde. Ein Mann hat sogar seine Arbeit als Disc Jockey aufgegeben und arbeitet heute als Koch. So setzt er sich deutlich seltener potentiellen Ohrwürmern aus.

Wie kann man einen Ohrwurm wieder loswerden?

Die einzige Lösung scheint zu sein, ein anderes Lied anzuhören. Manche Musiker sind in der Lage sich durch das bloße Vorstellen eines anderen Stückes selber zu befreien. Der Tipp, das verfolgende Lied einmal komplett durchzuhören hat sich in meinen Studien leider als unbefriedigend erwiesen.

 


Unser Experte:

Professor Jan Hemming, Musikwissenschaftler an der Universität Kassel



Sophie Kelm / GesundheitPro; 24.04.2009, aktualisiert am 01.02.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Jupiter Images/IT Stock Free

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