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Ohrgeräusche (Tinnitus)
Therapien in der chronischen Phase

Ständige Ohrgeräusche sind störend – aber man kann auch lernen, sie nicht allzu wichtig werden zu lassen oder sie zu überhören. Bei chronischem Tinnitus haben sich auch Biofeedback und spezielle Hörsysteme bewährt


Individuell abgestimmt: Rauschgeräte zur Tinnitusbehandlung stellt die Hörgeräteakustikerin passend ein. Sie sollten das Gerät auch einige Zeit ausprobieren

Lassen Sie sich auch bei einem chronischen Tinnitus nicht entmutigen. Hier kommen umfassende Behandlungsstrategien erfolgreich zum Einsatz. Sie zielen darauf ab, einmal den störenden Höreindruck zu verdrängen. Das geschieht zum Beispiel mit speziellen Hörgeräten oder „Rauschern“, die die Wahrnehmung so umlenken, dass das Ohrgeräusch immer mehr in den Hintergrund tritt. Sinnvoll sind dazu ein sogenanntes Tinnitus-Counseling mit Bewältigungstraining. Entspannungstechniken, Biofeedback sowie psychotherapeutische Beratung helfen zum anderen, Stress zu verringern und Lebensprobleme aufzuarbeiten. Als wirkungsvoll hat sich vielfach eine speziell auf die Tinnitus-Problematik ausgerichtete kognitive Verhaltenstherapie erwiesen.

Viele HNO-Ärzte und Kliniken bieten Tinnitus-Sprechstunden an. Manchen Patienten, vor allem wenn sie unter schweren Tinnitus-Formen leiden, hilft der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik (Tinnitus-Klinik). Unterstützung und Informationen finden Betroffene auch bei Selbsthilfegruppen.


 

Tinnitus-Counseling, Bewältigungstraining


Zunächst hilft es einem Patienten, der unter chronischen Ohrgeräuschen leidet, wenn sein Arzt ihn eingehend darüber aufklärt, wie Tinnitus entstehen und welche Bedeutung er für Körper und Seele einnehmen kann. Dabei ist es wichtig, dass der Betroffene seinen Leidensdruck offen schildert und sich ernst genommen fühlt. Dann geht es darum, genauer zu analysieren, wann die Töne besonders stören, wann sie eher zurückgehen oder eventuell gar nicht mehr zu hören sind. Diese Form der Beratung und Aufklärung des Patienten, das Tinnitus-Counseling, ist ein wesentlicher Schritt, um geeignete Maßnahmen zur individuellen Tinnitus-Bewältigung zu finden.

Speziell ausgebildete HNO-Ärzte sowie Psychotherapeuten bieten Verfahren an, um mit dem chronischen Tinnitus besser umgehen zu können. Die Betroffenen lernen in Einzel- oder Gruppentherapien, wie sie sich am besten ablenken können, dass sie das Rauschen, Pfeifen oder Summen mit angenehmer Musik oder Hörbüchern übertönen können und welche Phantasiereisen sich eignen, um die Dauergeräusche mit angenehmen Empfindungen zu verknüpfen.

An der Uni Trier entwickelten Forscher zum Beispiel ein Trainingsprogramm, das die Betroffenen am heimischen Computer benutzen können: Die Übungen zur Entspannung und zur Ablenkung dauern jeweils 25 Minuten. Tinnitus-Patienten trainieren am besten vier Wochen lang täglich mit dem Programm.

Biofeedback


Einige Betroffene neigen zu Fehlhaltungen oder spannen in stressigen Situationen die Schulter-, Stirn- und Kiefermuskulatur übermäßig an. Mit Hilfe eines Biofeedback-Geräts lassen sich diese Muskelanspannungen auf einem Bildschirm sichtbar und hörbar machen. Der Betroffene lernt so in mehreren Sitzungen, wie der eigene Körper auf psychische Überforderungen reagiert, und lernt, sich gezielt wieder zu entspannen. Eine Studie an der Uni Marburg zeigte, dass sich das Biofeedback bei 80 Prozent der Teilnehmer positiv auswirkte.

Eine Weiterentwicklung des Biofeedbacks ist das Neurofeedback. Hier lässt sich bei laufendem EEG (Elektroenzephalogramm, Messung der Hirnstromwellen) die Hirnaktivität überprüfen und sofort erkennen, wie sie sich etwa bei bestimmten Entspannungsübungen verändert. Auf diese Weise kann der Tinnitus aus der bewussten Aufmerksamkeit verschwinden.

Kognitive Verhaltenstherapie


Wenn der Leidensdruck durch die ständigen Ohrgeräusche sehr groß ist, kann eine kognitive Verhaltenstherapie mit fünf bis 15 Sitzungen sinnvoll sein. In Einzel- oder Gruppengesprächen lernen die Betroffenen, mit dem Tinnitus so umzugehen, dass er den Alltag nicht dauerhaft beeinträchtigt. Der positive Effekt ist laut einer strengen Untersuchung des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Uniklinik Freiburg eindeutig belegt.

Hörgeräte


Wenn sich der Hörverlust und der Tinnitus mit oben genannten Methoden nicht erfolgreich behandeln lassen und die Schwerhörigkeit ein bestimmtes Ausmaß überschritten hat, sollten sich die Betroffenen frühzeitig ein Hörgerät anpassen lassen.

Rauschgeräte: Tinnitus-Masker, Tinnitus-Noiser


Ausgehend von der Theorie, dass sich Höreindrücke über bestimmte Assoziationen beeinflussen lassen (Pawel Jastreboff, siehe dazu Kapitel "Psychische Ursachen"), entwickelten Fachleute spezielle Töne, die helfen sollen, die Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen wegzulenken und sie so mehr und mehr in den Hintergrund zu drängen. Die Tinnitus-Betroffenen hören ein Rauschen über ein Hörgerät, einen Tinnitus-Masker. Das Geräusch übertönt, „maskiert“ den Tinnitus und soll ihn schließlich auslöschen. Bei einigen Menschen setzt der Trainingseffekt nach zwei Monaten ein. Klinische Studien zeigten jedoch, dass solche Masker nicht garantieren, dass die Ohrgeräusche ganz verschwinden. Es gibt auch CDs mit entsprechenden Verdeckungsgeräuschen, die Tinnitus-Betroffene dann zum Beispiel auch über Kopfhörer beliebig lange anhören können.

Ein Tinnitus-Noiser erzeugt dagegen Geräusche, die den Tinnitus nicht überdecken, sondern als Hintergrundrauschen von ihm ablenken. Das Gehirn lässt sich so mit der Zeit auf andere Wahrnehmungen umtrainieren, der Tinnitus steht nicht mehr im Vordergrund. Er wird erträglich und ist häufig auch gar nicht mehr zu hören. Der Betroffene trägt das Gerät wie ein Hörgerät mindestens sechs Stunden am Tag. Es ist manchmal bis zu zwei Jahre und mehr im Einsatz, idealerweise im Rahmen einer Tinnitus-Retraining-Therapie.

Tinnitus-Retraining-Therapie


Viele Tinnitus-Therapeuten empfehlen, Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Noiser mit einem Bewältigungstraining, verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und Entspannungstechniken zu kombinieren. Bei einer solchen umfassenenden Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT, von engl. retrain = zurücktrainieren) lernen Tinnitus-Geplagte schrittweise, die Ohrgeräusche nicht mehr als störend wahrzunehmen, bis sie keine belastende Rolle mehr spielen oder ganz aus dem Bewusstsein gewichen sind.

Musiktherapie


Macht sich der chronische Tinnitus als ein ständiges Pfeifen bemerkbar, bietet sich unter anderem auch eine spezielle Musiktherapie an. Dabei singt der Betroffene seinen eigenen Ton zunächst so genau wie möglich nach. Wenn der Sinusgenerator die Frequenz ermittelt hat, wird die Zahl der Schwingungen halbiert und dieser „ähnliche“ Ton aufgezeichnet. Der Tinnitus-Patient singt diesen neu gefundenen Ton nach – das Lernprogramm mit solchen Resonanzübungen dauert 50 Minuten und erstreckt sich über zwölf Sitzungen.

Der Effekt: Die Gesichtsnerven reagieren auf den „ähnlichen“ Ton und regen die Hörnerven und das Hörzentrum im Gehirn an. Die Symptome verbessern sich auf diese Weise bei fast 80 Prozent der Testpersonen, die Erfolge halten mindestens drei Monate an – das ergaben Studien an der Fachhochschule Heidelberg.

Klassische Musik


Forscher an der Uni Münster versuchen, die für den Tinnitus verantwortlichen Nervenzellen in der Hörrinde des Gehirns daran zu hindern, „Amok“ zu laufen. Der Trick: Die Wissenschaftler wählen Musikstücke mit einem großen Frequenzspektrum aus, wie sie vor allem die klassische Musik zu bieten hat, und bearbeiten die Klänge nach gewissen Kriterien. Die Tinnitus-Patienten hören sich die Töne zwei Stunden pro Tag über einen CD-Player an.

Psychosomatische Klinik


Menschen, die ständige und vor allem besonders laute Ohrgeräusche haben, fühlen sich zeitweilig so stark psychisch und körperlich belastet, dass ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ratsam ist. Die Patienten können dort im Rahmen von Einzel- und Gruppentherapien ihre privaten und beruflichen Probleme einschließlich der Tinnitusproblematik besser als zu Hause bearbeiten.



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Informationen für Patienten, Selbsthilfegruppen

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www.apotheken-umschau.de; 25.02.2009, aktualisiert am 26.03.2012
Bildnachweis: W&B/Ronald Frommann

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