Menièresche Krankheit (Morbus Menière)

Drehschwindel, Schwerhörigkeit und Ohrgeräusche sind typisch für Morbus Menière

Zusammenfassung:
Die Krankheit, die nach einem französischen Arzt benannt ist, wird durch die Symptome Drehschwindelattacken, Schwerhörigkeit und Ohrensausen charakterisiert. Warum sie entsteht, ist immer noch unbekannt. Eine Vorbeugung ist daher nicht gezielt möglich.
Die Behandlung besteht vor allem im Ausschalten der Beschwerden. Dies geschieht in vielen Fällen über eine medikamentöse Behandlung. Wenn diese alleine nicht ausreicht, können auch chirurgische Maßnahmen erforderlich werden.
Die Heilungschancen beschränken sich zwar meist nur auf eine Besserung der Symptome, was allerdings eine deutliche Hilfe ist.



Minuten- oder stundenlange Drehschwindelanfälle (Menière-Attacken), Schwerhörigkeit, Ohrgeräusche und Augenzittern (Nystagmus)sind die typischen Anzeichen der Erkrankung. Die Anfälle können in unregelmäßigen Abständen von Tagen, Wochen, Monaten oder gelegentlich sogar Jahren auftreten. Der Schwindel kann als Drehschwindel empfunden werden und verstärkt sich bei Bewegung. Hinzu kommt ein Druckgefühl, das "wie Wasser im Ohr" empfunden wird. Die Erkrankung kann zu bleibender und zunehmender Schwerhörigkeit, Tinnitus führen und als Folge der Schwindelanfälle schwere seelische Folgen haben (z. B. Unsicherheit und Depressionen).
Die organisch verursachten Attacken können durch Lernprozesse psychisch beeinflusste Schwindelattacken auslösen.
Es gibt auch untypische Verlaufsformen, bei denen einzelne Symptome nur schwach ausgeprägt sein können.
Jährlich erkrankt etwa einer von tausend Menschen an Morbus Menière. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, am häufigsten treten die Symptome zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr erstmals auf. Kinder erkranken nur sehr selten.

Ursachen

Für die Symptome verantwortlich ist ein Zuviel an Flüssigkeit im Labyrinth des Innenohrs, also jenem Teil des Innenohres, der für den Gleichgewichtssinn und das Hören zuständig ist ("endolymphatischer Hydrops"). Durch den Stau im Innenohr erhöht sich der Druck im Endolymphgang, und es kommt zu einer Dehnung der feinen Membranen, die das Innenohr umgeben. Dadurch kann das fein ausgeklügelte System der Sinneswahrnehmung gestört werden, und es kann zu einem regelrechten Chaos im Gleichgewichtsorgan und zu Störungen und Ausfällen im Hörorgan kommen. Durch den Druck werden die Membranen durchlässig und es kommt zu einer Vermischung von unterschiedlichen Innenohr-Flüssigkeiten, die eine Elektrolytverschiebung verursacht (ein Elektrolyt ist ein elektrisch geladenes Teilchen). Dies löst einen Anfall aus. Warum die Flüssigkeitsmenge plötzlich ansteigt, ist unbekannt. Dies löst einen Anfall aus, der bei klassischer Ausprägung durch Drehschwindel, Ohrensausen und Hörverminderung charakterisiert ist.

Vorbeugung
Weil der auslösende Faktor der Erkrankung nicht bekannt ist, gibt es auch keine sichere Vorbeugung. Diskutiert wird allerdings, ob nicht durch eine salzarme Ernährung eine Verringerung des Risikos von Drehschwindelanfällen möglich ist. Weiters kann dielangdauernde Magnesium-Gabe die Anfallshäufigkeit reduzieren.

Beschwerden

Der Patient leidet unter Schwindelanfällen, die Minuten bis Stunden andauern können (so genannte Menière-Attacken). Außerdem treten innenohrbedingte Schwerhörigkeit und Tinnitus auf ("Menière'sche Trias"). Diese Anfälle können in unregelmäßigen Abständen (Tagen, Wochen, Monaten oder sogar Jahren) auftreten.  Im Rahmen der Schwindelattacken klagen die Patienten oft über ein Druckgefühl im Ohr und Übelkeit, die bis zum Erbrechen führen kann. Im Laufe der Erkrankung besteht eine fortschreitende Innenohr-Schwerhörigkeit.
Im Anfall erleben die Patienten oft auch Todesangst und Vernichtungsgefülhle, da sie nicht einschätzen können, was mit ihnen gerade passiert. Das akute Geschehen kann daher auch leicht als Herzinfarkt missgedeutet werden.
Bei Patienten mit häufigen Attacken kann sich eine Unsicherheit entwickeln bis hin zu Angst und Panik vor dem Schwindel, da es nicht vorhersehbar ist, wann und in welcher Stärke der nächste Anfall kommt. Dies kann zu einem Gefühl des "ständigen Schwindels" werden, die Betroffenen schildern, dass sie sich taumelig, nicht standfest, wackelig und aneckend fühlen und wirr im Kopf sind. Angst ist der unangenehme Begleiter.
Aus dem organisch erklärbaren Krankheitsgeschehen kann auf diese Weise ein psychogener Schwindel entstehen. So können die Betroffenen die Attacken, die vom kranken Innenohr ausgehen selbst nicht mehr von den psychisch verursachten Schwindelanfällen unterscheiden. Auslöser kann ein in der Lautstärke zunehmender Tinnitus sein, plötzlich empfundene Hörverluste, ein einzelner Reiz oder aber eine in Verbindung mit einer Schwindelattacke erlebte Situation. Eine vergleichbare Situation kann so selbst wieder einen psychogenen Schwindelanfall auslösen. Diese Mechanismen laufen unbewusst und unabhängig von körperlichen Geschehen ab.
Neben dem klassischen Menière'schen Anfall gibt es auch untypische Verlaufsformen, bei denen die einzelnen Symptome nur sehr schwach ausgeprägt sind.

Seit 1994 wird eine Klassifizierung der Erkrankung vorgenommen, die keine zeitliche Gesetzmäßigkeit aufweist. Eine Menière-Krankheit kann alle Stadien durchlaufen, aber auch bei Stadium 1 stehen bleiben.

Stadium 1: Schwankendes Hörvermögen. In diesem Stadium kann sich das Hörvermögen nach einem Schwindelanfall wieder vollständig normalisieren.

Stadium 2a: Schwindel und schwankendes Hörvermögen, das sich spontan bessert, aber nicht mehr normalisiert.

Stadium 2b: Schwindel und schwankendes Hörvermögen, das sich nur nach osmotischer Therapie bessert.

Stadium 3: Der innenohrbedingte Schwindel tritt öfter als zweimal die Woche auf und das Hörvermögen im Sprachbereich ist ausgefallen.

Stadium 4: Ausgebrannte Menière-Krankheit. Nach durchschnittlich neun Jahren scheint bei drei von vier unbehandelten Erkrankten der Morbus Menière "auszubrennen", d. h. die Schwindelanfälle werden schwächer oder verschwinden ganz. Das Gleichgewichtsorgan ist in diesem Stadium verloren gegangen.

Seltene Formen
Beidseitige Verlaufsformen
Obwohl die Menière-Krankheit meist einseitig ist, zeigen sich nicht selten auch Krankheitszeichen auf der anderen Ohrseite. Die Zahlen schwanken in den Untersuchungen von 10% bis 73%.
Was die Beurteilung aller Studien schwierig macht, ist die Frage, ob zwischen organisch bedingtem und dem psychogen hinzugekommenen Schwindel gut unterschieden werden konnte.

Lermoyez-Syndrom
Der französische Arzt Lermoyez beobachtete 1919 bei einigen Menière-Patienten, dass sich anfangs das Hörvermögen nach einer Schwindel-Attacke besserte, wofür es bisher keine Erklärung gibt. Ansonsten unterscheidet sich diese Form klinisch nicht von dem klassischen Morbus Menière.

Tumarkin-Anfall
Möglicherweise eine Spätform der Menière'schen Erkrankung scheint ein plötzliches Hinstürzen („Drop attack“) aus völligem Wohlbefinden ohne jedes Vorwarnzeichen zu sein. Dies wurde 1936 von Tumarkin als „Otolithische Katastrophe“ beschrieben. Hinzu kommen kann ein Gefühl, als würde es einem den Kopf zerreißen.
Erklärt wird dieses Phänomen durch ein Zerreißen des Gleichgewichtssäckchens, des Sakkulus. Dabei entsteht das Gefühl, dass es im Kopf blitzschnell kreist und ganz real sacken die Beine weg.
Typischerweise ist der Anfall mit „nur“ 10-20 Sekunden kurz. Das Bewusstsein bleibt – ein wichtiges Unterscheidungskriterium gegenüber anderen Erkrankungen – erhalten. Vielleicht ist das seltene und späte Auftreten damit zu erklären, dass dieser Teil des Gleichgewichtsorgans der entwicklungsgeschichtlich älteste ist. Damit ist er auch am widerstandsfähigsten, sowohl gegen die Menière'sche Erkrankung - aber auch gegen „therapeutische“ Interventionen.


Mögliche Folgeerkrankungen und Komplikationen
In den meisten Fällen kommt es im Laufe der Jahre zu einer Verringerung der Anfallshäufigkeit und -intensität. Dennoch führt die Krankheit meistens zu einer weiteren Hörverschlechterung, in seltenen Fällen sogar bis zur Taubheit. Bei schwerem Krankheitsverlauf können zusätzlich Angstzustände und Panikattacken auftreten. Stellt sich dieses als existenziell bedrohlich erlebte Ereignis öfters ein, so wächst verständlicherweise auch die Angst vor der Wiederholung. Dabei kann die Angst so groß werden, dass sie selbst als Unsicherheit und Schwindel bis hin zu einem Gefühl des Drehschwindels empfunden und zu einer eigenen Krankheitskomponente wird. Über die reinen Anfälle hinaus kann sich dann ein "ständiges" Schwindelgefühl bemerkbar machen. Medizinisch und psychologisch wird dies als "Psychogener Schwindel" bezeichnet. In bestimmten Situationen kann dieses Gefühl, verbunden mit Angst und Panik, dann erlebt werden wie ein Innenohr bedingter Menière-Anfall, obwohl kein Augenzittern eintritt und der Menière- und Seelenkranke stehen kann. Der Grund liegt darin, dass sich äußere Situationen, in denen es zu Menière-Anfällen gekommen ist, einprägen. So sehr, dass der Betroffene den Schwindel spürt, wenn er in eine ähnliche Umgebung oder Situation gerät. Das kann eine ähnliche räumliche Situation, eine beängstigende oder bedrückende Situation oder ein in der Lautstärke zunehmender Tinnitus, der dem organisch bedingten Schwindelanfall vorausging, oder lediglich eine bestimmte Kopfbewegung sein.

Diagnose

Die Diagnose "Menière'sche Krankheit", ist fast immer eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, es muss überprüft werden, ob andere Krankheiten, die ähnliche Symptome hervorrufen, vorliegen. Erst nach einer ausführlichen Untersuchung kann die eindeutige Diagnose "Menière'sche Krankheit" gestellt werden.
Am Beginn der Untersuchung sollte eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) stehen. Bei Schwindelerkrankungen ist sie die wichtigste Grundlage überhaupt und führt in neun von zehn Fällen schon zur Diagnose. Beim Morbus Menière weisen die Häufigkeit, die Art und die Dauer der Schwindelanfälle und ihre Begleiterscheinungen wie das Augenzittern auf diese spezielle Innenohr-Erkrankung hin. Mit gezielten Fragen kann der Arzt auch andere Ohrerkrankungen wie Hörsturz, Lärmschwerhörigkeit bei Lärmbelastungen im Berufs- und Privatleben, Unfälle mit Kopfverletzungen oder spezielle Medikamenteneinnahmen, die mit einem Ohrgeräusch oder Hörverminderung in Zusammenhang stehen können, in Erfahrung bringen.
Typisch für einen Menière-Anfall ist ein Drehschwindel, der sich bei Bewegungen verstärkt, und der oft mit Übelkeit und Erbrechen verbunden ist. Er kann auch als Liftschwindel und Schwankschwindel empfunden werden, muss aber von Ohnmachtsgefühlen, Schwarzsehen vor Augen oder Sternchensehen (die eher bei Blutdruckschwankungen vorkommen) abgegrenzt werden.
Der Arzt untersucht mit dem Ohrmikroskop Gehörgang und Trommelfell, um andere Krankheiten wie Entzündungen ausschließen zu können. Mit der Überprüfung des Gehörs mit dem Audiometer wird der Schaden des Gehörs überprüft. Meist ist ein Hörverlust im Tieftonbereich oder Mitteltonbereich feststellbar.

Zusätzliche Untersuchungen sind:
Gleichgewichtsprüfung: Diese Untersuchungen werden durchgeführt um festzustellen, ob, der Schwindel durch das Gleichgewichtsorgan selbst ausgelöst wird. Orientierend wird die Stellmotorik geprüft, wobei der Patient bei geschlossenen Augen und Heben der Arme stehen und gehen muss. Außerdem wird mithilfe einer Spezialbrille (Frenzel-Brille) festgestellt, ob das für einen Menière-Anfall typische Augenzittern (Nystagmus) vorhanden ist.
Thermische Prüfungen: Sie dienen zur genauen Überprüfung des Gleichgewichts. Dabei wird das Gleichgewichtsorgan durch Spülungen mit kaltem oder warmem Wasser gereizt. Durch die Abweichung von der Körpertemperatur wird die Flüssigkeit im Gleichgewichtsorgan in Bewegung gesetzt, was ein Schwindelgefühl und die erwähnten reflexhaften Augenbewegungen zur Folge hat. Mit Hilfe der Frenzel-Brille kann man diese Augenbewegungen sehen oder sie mit einem speziellen Gerät grafisch darstellen ("Nystagmografie") und mit Normwerten vergleichen.
Hirnstammaudiometrie: Diese objektive audiometrische Untersuchung wird durchgeführt, um eine Ursache der Hörstörung im Bereich des Hörnervs oder der Hörbahnen zu erkennen. Bei einer Menière'schen Erkrankung ergibt sie einen normalen Befund.
Elektrocochleografie: Mit dieser Methode wird die Funktion des Hörnervs überprüft. Dazu werden Nadelelektroden durch das Trommelfell möglichst nahe an die Cochlea, also die "Schnecke", herangeschoben. Über einen Kopfhörer werden Töne an das Ohr herangebracht; die Spannungschwankungen, die beim Weiterleiten der akustischen Signale entstehen, werden von den Elektroden abgenommen
Bildgebende Verfahren: Um eine retrocochleare Hörstörung ausschließen zu können, wird eine Magnetresonanztomografie des Gehirns durchgeführt

Neben der HNO-ärztlichen Untersuchung sind im Bedarfsfall Kontrollen des Blutdrucks und der Halswirbelsäule erforderlich.

Behandlung

Der Morbus Menière ist nicht heilbar, aber viele Auswirkungen der Erkrankung können beeinflusst werden. Wichtig ist daher, dass der Patient vom Arzt eine für ihn nachvollziehbare Aufklärung über die körperlichen und seelischen Komponenten der Erkrankung  erhält. Nur dann ist es dem Betroffenen möglich, für sich praktikable Möglichkeiten des Umgangs mit den entstehenden Problemen zu finden und gegen die allgemeine Unsicherheit und die Folgeprobleme der Erkrankung ankommen zu können. Verlauf, Erleiden und Erleben der Erkrankung hängen ganz wesentlich von der Verarbeitung und der aktiven Aneignung von Bewältigungsstrategien ab.
Für Menière-Patienten ist es beruhigend, für den Akutfall gewappnet zu sein. Dazu gehören Zäpfchen und Tabletten gegen die Übelkeit (Antiemetikum) in die Tasche. Günstig ist es auch, eine Hilfe-Karte mit sich zu führen, die Betroffene in ihrem Schwindelanfall als Kranke, und nicht als Betrunkene ausweist, und mit der um Unterstützung gebeten wird. Auch eine Tüte wird mitgeführt, für den Fall, dass es trotz der Medikamente zum Erbrechen kommt.

Medikamente
Antiemetische Medikamente unterdrücken nicht nur den Brechreiz, sondern auch den Schwindel. Beim ersten Menière-Anfall und bei sehr schweren Attacken wird in der Regel der Notarzt gerufen, der dann über einen Zugang ein antiemetisches Mittel spritzt. Dadurch kann der Schwindel meist wirksam bekämpft werden.

In den Stadien 1 und 2 der Erkrankung wird der akute Schwindel mit antiemetischen Mitteln behandelt, sowie Infusionsbehandlungen mit und ohne Kortison gegeben. Außerdem kommen Diuretika  (ausschwemmende, harntreibende Mittel) und Betahistine zum Einsatz, die den Endolymphstau verkleinern sollen. Die Gabe von Benzodiazepinantagonisten (z. B. Flumazenil) kann die Schwindelsymptomatik bessern. Zur Anfallsprophylaxe hat sie die orale Magnesium-Gabe über einen längeren Zeitraum bewährt.
Bei schlechter medikamentöser Beeinflussbarkeit der Erkrankung und schlechtem Hörvermögen kann das Innenohr medikamentös ausgeschaltet werden.

In den Stadien 2b und 3 wird kann das Antibiotikum Gentamycin direkt vor das Innenohr eingebracht werden. Das Medikament schaltet das Hör- und Gleichgewichtsorgan aus und unterdrückt damit den Schwindel. Dabei macht man sich eine Nebenwirkung des Antibiotikums zunutze: Es wirkt nicht nur gegen Bakterien, sondern direkt im Ohr auch als Gift. Weil das Medikament dadurch eine bleibende Hörschädigung bewirkt, wird diese Methode nur für Patienten empfohlen, bei denen mehr als zwei Schwindelattacken pro Woche auftreten und deren Gehör bereits hochgradig verschlechtert ist.
Um die durch das Erbrechen verlorenen Flüssigkeitsmenge zu ersetzen, wird danach eine Infusionsbehandlung (Elektrolytlösung) durchgeführt. 
Vielfach werden auch Durchblutungs fördernde Medikamente verabreicht.  Bei schweren Fällen der Krankheit, die medikamentös nicht behandelbar sind, können chirurgische Maßnahmen sinnvoll sein.

Chirurgische Maßnahmen
In den Stadien 2b und 3 werden auch chirurgische Maßnahmen erwogen. Es stehen verschiedene Operationsmethoden zur Verfügung. Der häufigste Eingriff ist die Sakkotomie, bei der zur Entlastung der zu großen Flüssigkeitsansammlung im Ohr eine Drainage gesetzt wird. Vielfach wird auch ein Trommelfellschnitt (Parazentese) durchgeführt und ein Kunststoffröhrchen (Paukenröhrchen) eingesetzt, über das ein Antibiotikum in das Ohr eingebracht werden kann. Im Normalfall stößt sich das Röhrchen nach einem halben Jahr von selbst ab, und das Trommelfell heilt danach zu. Falls es nicht von selbst wieder zuheilt, kann es der Arzt mit einem kleinen chirurgischen Eingriff verschließen.
Das Antibiotikum, das durch das Paukenröhrchen ins Mittelohr eingebracht wird und ins Innenohr gelangt, ist Gentamycin, ein Mittel, das das Hör- und Gleichgewichtsorgan ausschaltet. Durch die Gabe von Gentamycin wird zwar der Schwindel meist unterdrückt, doch kommt es gleichzeitig auch zu einer bleibenden Hörschädigung. Daher wird diese Methode nur für Patienten empfohlen, bei denen mehr als zwei Schwindelattacken pro Woche auftreten, und deren Gehör bereits hochgradig verschlechtert ist. Die operative Durchschneidung der Mittelohrmuskeln (Tenotomie) hat in den letzten Jahren gute Ergebnisse gezeigt.
Kaum mehr durchgeführt wird die chirurgische Ausschaltung des Labyrinths, dieTaubheit zur Folge hat (Labyrinthektomie); trotzdem kann der Patient weiterhin an Tinnitus leiden. Bei der chirurgisch anspruchsvollen Durchtrennung des Gleichgewichtsnerven (Neurektomie) wird lediglich der Gleichgewichtsnerv durchtrennt und so versucht, das Hörvermögen zu erhalten.

 
Die Wahl der Betäubung
Die operativen Verfahren werden meist in Lokalanästhesie oder Vollnarkose durchgeführt.


Risiken und Komplikationen
Bei den chirurgischen Eingriffen ist die Gefahr eines Hörverlustes gegeben.
Bei schlechter Wundheilung und starker Narbenbildung kann sich die betroffene Ohrmuschel leicht verziehen.
Geschmacksstörungen als Folge des operativen Eingriffes sind ebenfalls möglich. Meist verschwinden sie nach einigen Wochen bis Monaten von selbst.
Bei den Operationen kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Verletzung des Gesichtsnerven kommen. Eine Lähmung einer Gesichtshälfte, die sich nicht immer durch eine Nervennaht wieder beheben lässt, ist dann die Folge.

Psychologische Unterstützung
Weil die Krankheit bei dem darunter Leidenden auch ständig Angst vor einem neuen Anfall auslöst, kann eine zusätzliche starke psychische Belastung auftreten.
Entspannungstechniken wie Autogenes Training und psychologische Betreuung können den Umgang mit der Krankheit erleichtern. Psychologische Maßnahmen über das Erlernen von Entspannungsverfahren hinaus sollten erwogen werden, wenn Probleme bei der Krankheitsbewältigung auftreten.
Psychotherapeutische Hilfe ist erforderlich, wenn ein psychogener Schwindel vorhanden ist. Dabei kann es oft sinnvoll sein, den Partner miteinzubeziehen, damit er die Ängste und Belastungen des Betroffenen besser verstehen und bei der Bewältigung helfen kann.
Beim Vorhandensein eines psychogenen Schwindels kann etwa vermittelt werden, sich einen oder mehrere sicher unverrückbare Gegenstände auszusuchen, und einen von diesen dann später bei einem Anfall mit den Augen zu fixieren. So können Betroffene auch austesten, ob es sich um einen Innenohr-bedingten Anfall ("die Welt bewegt sich um sie herum") handelt oder um einen psychogenen Schwindel handelt, bei dem sich Gegenstände "mit dem Blick festhalten lassen". Häufig ist es auch hilfreich, während eines solchen Anfalls aufzustehen und fest aufzustampfen, und so beim psychisch bedingten Schwindel wieder Standfestigkeit zu gewinnen.

Psychosomatische Behandlung
Eine stationäre psychosomatische Behandlung wird notwendig, wenn die Behandlungsmöglichkeiten ambulant ausgeschöpft sind.

Heilungschancen
Die Ursachen der Krankheit  können nicht wirklich beseitigt werden. Aussagen über die Wirksamkeit der Behandlung sind daher problematisch. Allerdings erfahren etwa 80 bis 90 Prozent der Betroffenen im Laufe der Jahre eine deutliche Besserung der Krankheit. Die Häufigkeit und Intensität der Schwindelanfälle geht zurück. Das Hörvermögen nimmt aber im Lauf der Zeit meist ab.

Leben mit der Krankheit

Die Hörminderung ist Teil der Menière'schen Erkrankung, die auf Dauer zu sozialer Isolation führen kann. Ein Hörgerät kann das Richtungshören bei einseitiger Schwerhörigkeit wieder normalisieren. Außerdem trägt es dazu bei, dass die akustische Wahrnehmung von Umweltgeräuschen (Vogelgezwitscher, Schneeknirschen etc.) die Wahrnehmung des Tinnitus in den Hintergrund drängt. Aus diesem Grund ist die - bei Menière-Patienten oft schwierige - Anpassung eines Hörgeräts empfehlenswert.
Die Menière'sche Krankheit kann die Lebensqualität des Betroffenen sehr stark einschränken. Weil das Auftreten der Anfälle unberechenbar ist, wird davon abgeraten,  selbst ein Fahrzeug zu lenken. Oftmals kündigt sich der Anfall jedoch durch eine so genannte Aura (Völle- oder Druckgefühl im Ohr mit zunehmendem Tinnitus) an.
Auch manche Berufe wie Gerüstarbeiter, Busfahrer, LKW-Fahrer oder Pilot können die Betroffenen nicht ausüben. Von Sportarten wie Bergsteigen und Tauchen ist ebenfalls abzuraten.
Sinnvoll ist auch ein Gleichgewichtstraining, das Betroffenen mehr Sicherheit in der Bewegung und "Haltung" im weitesten Sinn verleiht. Gut geeignet und auch ohne Experten erlernbar sind Feldenkrais-Übungen.

Die richtige Ernährung
Obwohl es nicht bewiesen ist, dass eine entsprechende Ernährung die Schwindelanfälle wirklich vermindern kann, wird von den meisten Ärzten dennoch eine salzarme Ernährung empfohlen. Ein Verzicht auf Zigaretten ist ebenfalls ratsam.
 
Letzte Aktualisierung:
16.04.2007 (Inge Smolek)
Autor:
Isabella Gazar
Experten für diese Seite:
Univ. Prof. Dr. med. Doris-Maria Denk-Linnert (HNO)
Dr. med. Peter Kowatsch (Allgemeinmedizin)
Dr. med. Helmut Schaaf (Psychotherapie, Anästhesie)
Univ. Prof. Dr. med. Leopold Schmetterer (Pharmakologie)
Dr. med. Roland Wallner (Allgemeinmedizin)

Diese Informationen können den Besuch beim Arzt nicht ersetzen, sondern können Ihnen helfen, sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Eine Diagnose und die individuell richtige Behandlung kann nur im persönlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient festgelegt werden.

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