Es gibt also niemand gerne zu, dass er schlecht hört?
Es kommt noch etwas anderes hinzu. Mancher wird erst durch Dritte darauf hingewiesen, dass er anscheinend nicht mehr richtig hört – er wird also in Gesellschaft mit dem eigenen Hörverlust konfrontiert. Doch dass jemand „etwas nicht versteht“, kann doppeldeutig ausgelegt werden – es kann akustische, aber auch mentale Ursachen haben. Betroffene fürchten deshalb, dass negative Vorurteile auf sie übertragen werden.
Schwerhörigkeit gilt auch als Altersmerkmal. Welche Rolle spielt das in diesem Zusammenhang?
Genau das wollte ich während meines Studiums in Gruppendiskussionen mit Schwerhörigen und deren Angehörigen herausfinden. Interessanterweise spielt für die Betroffenen selbst der Faktor Behinderung die größere Rolle, während sie davon ausgehen, dass die Öffentlichkeit ihre Schwerhörigkeit eher als Alterserscheinung einstuft. Da kamen dann sogar von über 80-Jährigen Äußerungen wie: „Ich fühle mich noch zu jung für ein Hörgerät.“
Warum versucht man nicht, dem Hörgerät ein ähnliches Image zu verschaffen wie der Brille, die ja heute als modisches Accessoire gilt?
Das geschieht durchaus. Einige Hersteller gehen ganz stark in Richtung Lifestyle. Viele Geräte sehen richtig schick aus. Für einige gibt es Clips, mit denen man jeden Tag die Farbe wechseln kann. Andere Geräte sitzen nicht hinter dem Ohr, sondern in der Ohrmuschel. Oder die Optik unterstreicht, dass es sich um ein hochwertiges Gerät voller Hightech handelt.
Aber das allein scheint nicht auszureichen, um das Tragen von Hörgeräten gesellschaftsfähiger zu machen, oder?
Nein, viel wichtiger ist es, dass in den Köpfen etwas passiert. Normal Hörende können sich gar nicht ausmalen, was mit einem Hörschaden alles zusammenhängt. Verstimmungen in der Familie, im Freundeskreis oder im Beruf sind aufgrund von Missverständnissen, die durch den Hörverlust verursacht werden, keine Seltenheit.
Welchen Rat geben Sie Menschen mit Hörproblemen?
Gehen Sie zum HNO-Arzt und zum Hörgeräteakustiker! Wer sich erst einmal ein Hörgerät angeschafft hat, wird schnell merken, dass es den Menschen in seiner Umgebung positiv auffällt, wenn er wieder aktiv an Gesprächen und somit am Leben teilnimmt. Das Hörgerät hält jung, weil man geistig gefordert wird und das Geschehen um sich herum nicht einfach ausblendet.