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Hyperakusis: Sensibel auf jedes Geräusch?

Das Gehör ist völlig in Ordnung, aber normale Geräusche werden als bedrohlich empfunden. Jetzt hilft eine Kombi-Therapie


Manche Menschen reagieren auf Geräusche überempfindlich. Sie würden sich am liebsten andauernd die Ohren zuhalten

"TUT, TUT“, pfeift die alte Lok, als sie einige hundert Meter hinter Jochen Koch (Name geändert) vorbeituckert. Der Lärm hätte den Beamten noch vor Kurzem in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt, nach einigen Wochen Behandlung in der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, erträgt er Alltagsgeräusche wieder besser. Acht Jahre lang war das anders. Da empfand er Telefongeklingel, Wasserrauschen oder Stimmengewirr als unangenehm, ja sogar bedrohlich: „In Menschenmengen hatte ich das Gefühl, die Stimmen würden direkt in meinen Kopf eindringen und er würde jeden Moment platzen.“

Den medizinischen Fachbegriff Hyperakusis für Geräuschüberempfindlichkeit kennen nur wenige, auch wenn diese erstaunlich weit verbreitet ist: In Deutschland leiden angeblich bis zu einer Million Menschen daran. Oft trifft es Patienten mit Tinnitus, rund 40 Prozent von ihnen haben neben dem Ohrgeräusch eine Hyperakusis. „Das Problem lässt sich mit einem inneren Verstärkermechanismus des Gehirns vergleichen, der verstellt ist“, erklärt Professor Gerhard Goebel, Chefarzt an der Roseneck-Klinik. „Der zu laut eingestellte Verstärker macht normale Alltagsgeräusche für die Betroffenen zu lautem, unangenehmem und bedrohlichem Gedröhne.“


Mitunter hat das drastische Folgen für den Alltag: Weil die Betroffenen ständig befürchten, ihr Gehör werde geschädigt, halten sie sich die Ohren zu oder benutzen Ohrstöpsel oder gar einen Kapselgehörschutz, wie ihn Arbeiter auf Baustellen tragen. Ihnen ist alles recht, um sich vor dem scheinbaren Lärm zu schützen. Sie fangen an, bewusst Situationen zu meiden, in denen sie unangenehme Geräusche befürchten. „Irgendwann bin ich nicht mehr in den Supermarkt gegangen“, erinnert sich Jochen Koch, „und auch nicht mehr ins Kino. Allein die Vorstellung, einen Film sehen zu müssen, war für mich unerträglich.“ Die Lebensfreude und die Lebensqualität gehen verloren. Viele ziehen sich zurück und vereinsamen.

„Dabei ist das Gehör meist völlig in Ordnung. Der Fehler liegt in der neurologischen Verarbeitung der Geräusche“, erklärt Goebel. Wie es dazu kommt, ist unklar. Die Hyperakusis ist ein Gesundheitsproblem mit seelischen Ursachen. Nur verhältnismäßig selten tritt eine Geräuschempfindlichkeit allein auf. Oft wird sie von Angststörungen, Depressionen, Tinnitus oder einer posttraumati­schen Belastungsstörung begleitet. „Und wenn nicht, kann sie der Vorbote eines Ohrgeräusches sein“, warnt der Psychosomatiker. „Bei immerhin rund einem Drittel der Betroffenen entwickelt sich ohne eine Therapie ein Tinnitus.“  

Die Behandlung einer Hyperakusis beginnt mit Hörtests. Goebel: „Lässt sich kein Schaden feststellen, überzeugt das die Betroffenen meist.“ Das ist ein guter Ausgangspunkt für die weitere Therapie. Diese beruht auf einer ständigen Konfrontation mit unangenehmen Geräuschen. „Jegliche Stille gilt es zu meiden“, erläutert der Experte, „damit das Gehirn den inneren Verstärker drosselt.“ Die Patienten sollen in ruhigen Momenten Musik hören, bewusst auf Umweltgeräusche achten und in schweren Fällen einen Rauschgenerator, einen „Noiser“, benutzen.

„Die kleinen Geräte werden wie Hörgeräte im Ohr oder dahinter getragen. Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, das nicht unangenehm ist, aber dennoch wahrgenommen wird“, erklärt Goebel. Diese Maßnahmen, verbunden mit Entspannungs- und Stressbewältigungstraining, bessern eine Geräuschüberempfindlichkeit meist innerhalb von Wochen – vor allem, wenn andere seelische Probleme auch behandelt werden. Nach einem Jahr, das zeigen Studien, sind etwa 90 Prozent der Patienten das Problem los. „Und bei jenen, die zusätzlich einen Tinnitus haben, bessert sich das Ohrgeräusch ebenfalls“, sagt Goebel.

In der Schön Klinik Roseneck endet eine erfolgreiche Hyperakusis-Behandlung mit dem Eisenbahntest. Die Patienten stehen dabei direkt neben den Gleisen, wenn die 120 Jahre alte Lok vorbeirattert. Diese Mutprobe, wie Goebel den Test nennt, kommt für Jochen Koch nicht infrage – noch nicht. „Der Pfiff ist genau der Ton, der mir früher bis in das Kleinhirn gedrungen ist.“ Immerhin macht ihm das Tuten schon viel weniger aus: Auf dem Balkon der Klinik, in einiger Entfernung, erträgt er es wieder. Viel fehlt nicht mehr bis zur Heilung. Genau 300 Meter.



Dr. Ralph Müller-Gesser / Apotheken Umschau; 30.12.2011
Bildnachweis: Superbild/Option Photo

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