„Wie bitte? Können Sie vielleicht ein bisschen lauter sprechen!“ Wer schlecht hört, sollte unbedingt den Hals-Nasen-Ohrenarzt aufsuchen
Am Anfang ist es nur das Rufen der Ehefrau, das man aus dem oberen Stockwerk nicht mehr hört. Irgendwann nimmt man das Telefonklingeln nur leise wahr. Und vielleicht hört man nun auch nur noch schwer, was die Verkäuferin in der Bäckerei sagt. Spätestens, wenn Ihnen solche Symptome auffallen, sollten Sie unbedingt den Hals-Nasen-Ohrenarzt aufsuchen.
Dieser kann untersuchen, ob es sich um eine kurzfristige Hörminderung – zum Beispiel aufgrund einer behandelbaren Entzündung oder einer Ohrenschmalzansammlung – handelt. Um die sichere Diagnose einer permanenten Hörschädigung, die mit einem Hörgerät versorgt werden muss, zu stellen, führt der HNO-Arzt oder der Hörgeräteakustiker eine spezifische Gehörprüfung (Audiometrie) durch. Bei diesem Test werden die Hörschwelle für Töne und ein Sprachaudiogramm erfasst. Die Verständlichkeit wird in Prozent gemessen. Werden vorgegebene Indikationswerte überschritten, bezuschusst die Krankenversicherung in der Regel ein Hörgerät.
Keine Sache des Alters
Es ist nicht nur die Generation 60 plus, die von Hörproblemen betroffen ist. In einer Welt, die immer lauter, schneller und schriller wird, verwundert es nicht, dass allein in Deutschland inzwischen etwa 15 Millionen Menschen schlecht hören. Unsere Ohren sind einer permanenten Geräuschkulisse ausgesetzt – das ständige Rauschen des Druckers im Büro, der allgegenwärtige Autolärm, das vibrierende Wummern in Diskotheken: Die schädigende Lärmbelastung ist auch für Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene ein großes Problem und führt immer häufiger auch bei Menschen, die jünger als 40 Jahre alt sind, zur so genannten Schallempfindungs-Schwerhörigkeit (auch Innenohrschwerhörigkeit).
Hierbei handelt es sich um einen Defekt oder eine Abnutzung der Haarsinneszellen im Innenohr, die eben unter anderem durch Lärm – schleichend, aber stetig – lädiert werden. Aber auch Erkrankungen wie Hirnhautentzündungen, Scharlach oder Röteln sowie Hörsturz oder Durchblutungsstörungen können einen Hörschaden verursachen.
Der Verlust des Hörens geschieht meist in einem schleichenden Prozess. Oft merken es Angehörige oder Freunde zuerst. „Ständiges Nachfragen vor allem in Lärmsituationen wie im Restaurant, der zu laute Fernseher oder das Meiden von Theaterbesuchen können Anzeichen einer Hörminderung sein“, erklärt Thomas Hebbel, Hörgeräteakustikermeister aus München. „Bei Kindern merkt man es oft dadurch, dass die Schulleistungen nachlassen, wenn das Kind in hintere Sitzreihen versetzt wird. Auch eine fehlende oder schlechte Sprachentwicklung können Indizien sein.“
Hörgeräte zur Erhaltung der Lebensqualität
Wenn ein Innenohrschaden vorhanden ist, kann dieser meist nicht mehr behoben, sondern nur mehr durch ein entsprechendes Hörsystem reguliert werden. Versäumt man es, sein beschädigtes Gehör so zu versorgen, kann das fatale Auswirkungen haben. Schwerhörige leiden psychisch oft sehr unter den Folgen einer dumpfen Außenwelt-Kulisse: soziale Kontakte werden aufgrund der fehlenden Kommunikationsfähigkeit weniger, Missverständnisse häufen sich an und Unsicherheiten machen sich breit. Ganz normale Abläufe im Alltag werden zu schwierigen Unterfangen: Telefongespräche, das Wahrnehmen von Signalen, das Hören von Musik – all das wird zum leidensvollen Rauschen des Lebens, das an einem vorüber zieht.
Moderne Hörgeräte
Während Brillen als Sehhilfe absolut etabliert sind und als modisches Accessoire gelten, scheinen Hörgeräte immer noch das Image des Makels, der Alterserscheinung und der Gebrechlichkeit nicht so leicht loszuwerden. „Dabei wird die Hörgeräteversorgung immer besser,“ weiß Dr. Peter Hulin, Hals-Nasen-Ohrenarzt aus München. „Dieses Stigma ist dem Hörgerät aber trotzdem geblieben.“ In Amerika werde die Hörminderung von der Öffentlichkeit viel besser akzeptiert, da unter anderem der ehemalige Präsident Bill Clinton dafür geworben hat, in dem er selbstbewusst ein Hörgerät trug.
In Deutschland wird das Thema immer noch tabuisiert. Nur etwa ein Drittel der von Hörminderung Betroffenen tragen ein Hörgerät. Dabei gibt es inzwischen komplexe und fast unsichtbare Hörsysteme, die individuell auf jeden Betroffenen zugeschnitten werden können. „Die Geräte werden immer fortschrittlicher,“ so Hulin. „Mit den pfeifenden Geräten aus Omas Zeiten haben die Hörsysteme von heute nichts mehr zu tun. Sie sind klein, unscheinbar und robust, so dass auch Sport treiben mit Hörgerät kein Problem ist.“
Hörgeräteakustiker helfen den Hörgeschädigten bei der Suche nach dem passenden Gerät. Die Auswahl ist groß: Hinter-dem-Ohr-Geräte, Im-Ohr-Geräte, Taschenhörgeräte, sogar Hörhilfen mit Implantaten sind möglich. Inzwischen gibt es sogar Hörgeräte, die mit Bluetooth-Empfängern ausgestattet sind, welche Telefonate direkt ins Ohr übertragen.
Vorsorge
Ein Gehör-Check beim HNO-Arzt macht auch schon bei geringen Symptomen Sinn. Denn: Je früher Hörprobleme erkannt werden, umso besser sind die Chancen, die Hörminderung frühzeitig und problemlos auszutarieren.
Sandra Schmid / www.apotheken-umschau.de;
03.03.2011
Bildnachweis: Fotolia/Robert Kneschke/2011
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