Kreislauf: Müde und schlapp? Das hilft!

Das Wetter oder alltägliche Belastungen zwingen manche Menschen in die Knie. Der Blutdruck sackt ab, sie fühlen sich schlapp und schwindelig. So trainieren Sie Ihren Kreislauf

von Ralph Müller-Gesser, 10.06.2016

Kneippen: Wer barfuß durch kaltes Wasser watet, regt seinen Kreislauf an

W&B/Jan Greune

Wenn Dr. Heinz Leuchtgens morgens auf dem Weg in seine Praxis in Bad Wörishofen die 50 Kilometer entfernten Berge anstrahlen, macht er sich Sorgen. Der Präsident des Kneippärzte­bundes weiß: Der imposante Anblick kündet von Kreislaufproblemen. "An solchen Tagen sitzen meist schon ein paar Patienten mit den typischen Beschwerden im Wartezimmer."

Der warme Wind aus dem Süden, der Föhn, sorgt nämlich nicht nur für ein atemberaubendes Alpenpanorama, sondern verursacht bei manchen Menschen auch Unwohlsein, Schwindel, Müdigkeit, Schwäche oder sogar Ohnmachtsanfälle. Der Föhn ist zwar eine bayerische Spezialität, ähnlich instabile Wetter­lagen kommen vor allem im Frühjahr und Herbst aber in ganz Deutschland vor.


Ein kalter Waschlappen am Hals hilft schnell, wenn der Kreislauf schlapp macht

W&B/Szczesny

Nicht nur das Wetter lässt den Blutdruck sinken

Wegen der damit verbundenen starken Luftdruck- und Temperaturschwankungen sackt bei manchem vorübergehend der Blutdruck ab. Doch nicht nur das Wetter, auch lan­ges Stehen, rasches Aufstehen, ein längerer Aufenthalt in Menschenmassen, starke Schmerzen oder üppige Mahlzeiten können zu Kreislaufkrisen führen.

"Die Beschwerden entstehen, weil die Blutversorgung des Gehirns kurzzeitig stark sinkt", erklärt der Kardiologe Professor Wolfgang von Scheidt, Leiter der I. Medizinischen Klinik des Klinikums Augsburg. Normalerweise passen Herz und Blutgefäße ihre Leis­tung stets dem jeweiligen Bedarf des Körpers an. Koordiniert von Kreislaufzentren im Hirnstamm, laufen ständig Regulationsvorgänge ab. Ein feines Netz von Nervenfasern überträgt Befehle an Muskeln in den Gefäßwänden und den Taktgeber des Herzens. Von Scheidt: "Bei Belastungen schlägt das Herz schneller, und die Gefäße ziehen sich zusammen. Auf diese Weise fällt der Blutdruck kaum ab, und das Gehirn erhält weiter genügend Blut."

Kreislauf reagiert nicht schnell genug auf Belastungen

Funktionieren diese Steuerungsmechanismen nicht oder nicht richtig, sprechen Ärzte von orthostatischer Hypotonie. "Bei Betroffenen, die an chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Parkinson leiden, liegen den Kreislaufproblemen oft Nervenschäden zugrunde", warnt von Scheidt, gibt aber gleichzeitig Entwarnung: "Bei den meisten Kreislaufgeplagten liegt eine reine Funktionsstörung vor. Ihr Kreislauf reagiert zwar auf die Be­lastung, jedoch nicht schnell genug."

Es fehlt an Training: Wer tagsüber in einem wohltemperierten Büro arbeitet und sich auch in der Freizeit kaum körperlich anstrengt, fordert Herz und Gefäße zu wenig. Der Kreislauf muss sich zu selten anpassen. Das unterforderte System büßt Reaktionsschnelligkeit ein und stößt dann schon bei kleineren Belas­tungen wie Luftdruck- oder Temperaturschwankungen oder schnellem Aufstehen an seine Grenzen.

Hinter Kreislaufproblemen können auch Krankheiten stecken

Auch wenn Hausarzt Leuchtgens beim morgendlichen Blick in sein Wartezimmer schon bei manchem, der dort sitzt, Kreislaufprobleme vermutet, stellt er die Diagnose immer erst nach einer ausführlichen Untersuchung.

Es gilt, andere Ursachen wie Blutarmut, Störungen des Herzrhythmus, der Schilddrüse oder des Stoffwechsels, Venenprobleme oder Nebenwirkungen von Medikamenten aus­zuschließen. Die Schilderung der Symptome – zusammen mit einer körperlichen Unter­suchung und den Kenntnissen aus der oft jahrelangen Betreuung der Betroffenen – erleichtert es Leuchtgens, die Diagnose zu finden. Nur machmal bedarf es weiterführender Untersuchungen wie eines EKGs oder einer Blut- oder Nieren­analyse. Den Kreislaufgeplagten schlägt er dann Sofortmaßnahmen für die aktuellen Beschwerden und eine langfristige Behandlungsstrategie vor.  

Soforthilfe: Salz essen, Wasser trinken, Kälte einsetzen

Liegt keine organische Erkrankun­g vor, empfiehlt Leuchtgens, etwas salziger zu essen und ausreichend zu trinken, um Schwindel, Unwohlsein und anderen Kreislauf-Symptomen zu begegnen: "Das hebt den Blutdruck leicht an." Von Scheidt ergänzt: "Man sollte in fünf bis zehn Minuten einen halben Liter Wasser trinken. So lässt sich der Blutdruck für etwa eine Stunde stabilisieren."

Als wirkungsvolle Sofortmaßnahme erweist sich mitunter auch ein Kälte­reiz: Ein kalter Waschlappen, seitlich am Hals angelegt, regt Blutdruckfühler des Kreislaufs an, die sich in der Wand der Halsschlagader befinden. Als Reaktion stellen sich die Gefäße enger, der Blutdruck steigt.

Auch pflanzliche Mittel mit Kampfer, Weißdorn oder Menthol helfen dem Blutdruck auf die Sprünge. "Ein paar Tropfen auf ein Stück Würfelzucker träufeln und das Ganze schlucken", sagt Leuchtgens. "Meist geht es einem dann rasch besser."

Bei Schwächeanfall hinsetzen oder -legen

Als Notfallmaßnahme bei einem Schwächeanfall empfiehlt er, sich sofort hinzusetzen oder hinzulegen, um einen Sturz zu vermeiden. Eine weitere positive Wirkung: Im Liegen strömt das Blut leichter zum Herzen zurück, und das stabilisiert den Kreislauf.

Herzspezialist von Scheidt legt Menschen, die regelmäßig Kreislaufprobleme haben, Vorbeugemaßnahmen nahe: "Eine Möglichkeit besteht darin, tagsüber Kompressionsstrumpfhosen zu tragen. Sie verhindern, dass zu viel Blut in den Beinvenen versackt, und stabilisieren so den Kreislauf." Darüber hinaus empfiehlt er, auf Alkohol weitgehend zu verzichten und etwas mehr Kochsalz zu sich zu nehmen. Das zusätzliche Salz bindet Flüssigkeit im Körper und erhöht so die Blutmenge, und das kommt wiederum dem Blutdruck zugute.

Kritische Situationen meiden

Auch Schlafen mit erhöhtem Oberkörper sei von Vorteil, meint von Scheidt: "In dieser Position sinkt die nächtliche Wasserausscheidung über die Nieren." Das Plus an Flüssigkeit sorge ebenfalls für einen stabileren Kreislauf. Für besonders wichtig hält es der Kardiologe, kritische Situationen zu meiden: "Die meisten Menschen wissen genau, was ihnen nicht guttut. Gegen das Wetter ist natürlich nichts zu machen, aber man kann darauf achten, nicht zu lange zu stehen, immer langsam aus dem Sitzen aufzustehen und sich nicht zu lange in dichtem Gedränge aufzuhalten."

Leuchtgens gibt gefährdeten Patienten zudem Anziehtipps: "Im Frühjahr schwanken die Temperaturen oft stark. Zieht sich jemand zu warm an, weil er die morgendliche Kühle fürchtet, kann das am Nachmittag den Kreislauf ziemlich belasten." Am besten trägt man mehrere Kleidungsstücke übereinander: Wird es zu warm, legt man so viele Schichten wie nötig ab.

Wirksames Kreislauftraining  

Um die Beschwerden dauerhaft loszuwerden, hilft es nur, den Kreislauf zu trainieren. Er muss wieder lernen, richtig auf Belastungen zu reagieren. "Ideal dafür eignen sich Wärme- und Kältereize", sagt Leuchtgens, "zum Beispiel wechselwarme Duschen." Dabei lässt man zunächst warmes Wasser über die Haut rinnen, um die Blutgefäße zu weiten. Durch einen anschließenden Schwall kalten Wassers ziehen sie sich wieder zusammen.

Die Wirkung von Wechselduschen zeigt sich rasch – schon nach wenigen Tagen stabilisiert sich der Kreislauf. Nach dem gleichen Prinzip wirken Saunagänge mit anschließender Abkühlung in einem Kaltwasserbecken. Wichtig ist die regelmäßige Wiederholung – Wechselduschen am besten täglich, Saunabesuche ein- oder zweimal pro Woche. Denn so schnell sich positive Wirkungen einstellen, so rasch gehen sie wieder verloren, wenn das Training ausbleibt. Halten Sie sich immer an die Empfehlungen Ihres Arztes, gerade auch in der Eingewöhnphase.

Auch Bürstenmassagen stärken den Kreislauf. Dabei streicht man einige Minuten lang mit einer weichen Bürste über die Haut. Die Massage beginnt an den Füßen, gebürstet wird immer zum Herzen hin. Das Reiben setzt Substanzen frei, die das Herz-Kreislauf-System und die Gefäße anregen. Außerdem verstärkt die Massage die Durchblutung der Haut, und das verbessert den Blutrückstrom zum Herzen.

Bewegung stärkt den Kreislauf

Aus dem breiten Angebot an Kreislaufhelfern kommt der Bewegung zweifellos die größte Bedeutung zu. Körperliche Betätigung beeinflusst nicht nur Muskeln und Stoffwechsel, sondern auch den Kreislauf positiv. Sie stärkt das Herz, wirkt als Jungbrunnen für die Blutgefäße und fördert die Steuerung des Kreislaufs. Ideal sind gleichmäßige und moderate Intensitäten, die es 30 Minuten und länger durchzuhalten gilt. Wer es schafft, sich mehrmals die Woche so zu bewegen, bekommt seine Kreislaufprobleme rasch in den Griff.

Maßnahmen, die den Lebensstil verbessern, haben ebenfalls ihren festen Platz in einer Langzeitstrategie. Neben Nikotin- und Alkoholverzicht gehört dazu auch ein Blick auf den Speisezettel: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist die Basis für einen funktionierenden Kreislauf. Dazu kommt ausreichendes Trinken, da ein Flüssigkeitsmangel zu Kreislaufproblemen führen kann – und allzu üppige Mahlzeiten übrigens auch. Menschen mit Übergewicht sollten zudem über das Abnehmen nachdenken: Jedes verlorene Kilo entlastet den Kreislauf.



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