Mittwochabend. Wie jede Woche drücken die Patienten im Dermatologischen Zentrum in Bad Soden die Schulbank. Sie wollen mehr über ihr gemeinsames Schicksal Neurodermitis erfahren – und wie sie besser damit leben können.
Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden im Lauf ihres Lebens an der Hautkrankheit, meist als Kinder. „Doch bei etwa einem Drittel tritt die Neurodermitis erst im Erwachsenenalter auf“, sagt Professor Michael Sticherling, stellvertretender Direktor der Universitäts-Hautklinik in Erlangen. „Erwachsene haben eine Schulung bitter nötig, denn es gibt keine spontane Heilung“, ergänzt Dr. Stephan Aschoff, ärztlicher Leiter in Bad Soden.
Menschen mit Neurodermitis haben zwar eine erbliche Veranlagung, doch erst bestimmte Auslöser setzen die Schübe mit den juckenden Ekzemen in Gang. Dazu zählen Stress, Kosmetika, Klima, Pollen, Nahrungsmittel ... Die Liste ist lang, und was dem einen schadet, lässt den anderen unbehelligt. Im Schulungsraum in Bad Soden zeigt sich der Patient Jürgen Weinbruch bereits nach der vierten Doppelstunde überzeugt: „Seit zwei Wochen mache ich die Hautpflege konsequent und spüre, wie der Juckreiz zurückgeht. Ich fühle mich wohler in meiner Haut und bin nicht mehr so nervös.“ Seit 40 Jahren kämpft der 50-jährige Ingenieur aus Sulzbach mit der Neurodermitis. Er hat in dieser Zeit viele Ärzte aufgesucht und wurde mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert. So hat ihn der – falsche – Rat verunsichert, die Haut nicht ständig zu salben, weil sie wieder lernen müsse, sich selbst zu schützen.
Die Ärztin und Neurodermitis-Trainerin Dr. Isabel Fell räumt diesen Irrtum mit Schaubildern aus. „Typisch für Neurodermitis ist, dass die Eigenrückfettung gestört ist“, erklärt sie den Teilnehmern. Damit die Haut ihre Funktion als Schutzbarriere nicht verliert, empfiehlt die Dermatologin eine stetige Pflege mit hochwertigen Cremes aus der Apotheke ohne Konservierungsstoffe, möglichst auch ohne Emulgatoren, Duftstoffe oder Alkohol. Zur Demonstration trägt sie eine Creme mit dem Spatel am Unterarm der Patienten auf. Mit dem Test lässt sich das richtige Produkt finden. „Je nach Temperatur muss der Fettanteil unterschiedlich sein. Auf einem kühlen Gletscher brauchen Sie fast reines Fett, bei Hitze fangen Sie damit an zu schwitzen – dann kommt der Juckreiz.“ Eine halbe Stunde nach dem Auftragen sollen die Teilnehmer prüfen, ob sich die Haut am Arm klebrig, ausgetrocknet oder angenehm anfühlt.
„Hier werde ich richtig aufgeklärt über die Krankheit“, berichtet die 60-jährige Irene Hauser zufrieden. Sie weiß nun endlich, wie sie Kortison anwenden soll. „Ich habe die Salbe viel zu sparsam genommen, aus lauter Angst, dass die Haut zu dünn wird.“ Schon seit zwölf Jahren leide sie unter dem Juckreiz, doch vieles habe sie nicht gewusst.
Isabel Fell brachte das Konzept der Erwachsenenschulungen mit auf den Weg. Nun übt sie mit den Teilnehmern, wie sie Creme an einer entzündeten Stelle einklopfen oder diese verbinden. Sie gibt praktische Tipps, etwa zu Umschlägen mit Kochsalz oder schwarzem Tee, und beantwortet Fragen: Nein, eine Verbesserung durch Aloe vera sei nicht bewiesen, hochkonzentrierte Urea-Lotionen schaden Neurodermitikern eher. Sie rät auch zu Vorsicht bei pflanzlichen Zusätzen wie Kamille oder Calendula. Sie könnten allergische Reaktionen auslösen. Einen Teil des Unterrichts widmet sie der alternativen Medizin und Ratschlägen, wie die Patienten mit deren Versprechungen umgehen sollen.
In sechs Doppelstunden unterrichten Ärzte, Psychologen und Ernährungsberater. Vor allem geht es darum, den Patienten Mittel an die Hand zu geben, um besser zurechtzukommen. Das Schlimme sei die ständige Frustration. Dagegen setzt Kursleiterin Fell das „Selbstmanagement“. Die Kranken lernen, von sich aus zu handeln. Dazu gehören Entspannungsübungen und Anleitungen, um dem Stress Grenzen zu setzen, denn seelische Belastung verschlimmert den Zustand der Haut oft. Im psychologischen Teil trainieren die Teilnehmer etwa „drücken statt kratzen“. Dabei pressen sie eine Minute lang eine Hand auf die juckende Stelle, dann folgt eine Entspannungsübung, etwa progressive Muskelrelaxation, Yoga oder Meditation.
Eine Ernährungsberaterin klärt über das „richtige“ Essen auf. „Allgemein treten Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die zu einem Neurodermitis-Schub führen können, bei Erwachsenen seltener auf als bei Kindern“, weiß Sticherling. Die 19-jährige Natalie Stein (Name von der Redaktion geändert) berichtet: „Ich bin gegen fast alle Obstsorten allergisch und habe immer darauf verzichtet. Jetzt weiß ich, dass ich doch manches gekocht essen darf.“ Neben den vielen praktischen Dingen hebt die Abiturientin aus Frankfurt am Main das für sie Wichtigste hervor: „Durch die Schulung sehe ich, dass ich nicht alleine bin mit der Krankheit.“
Die Schulungen sind Teil eines Pilotprojekts. Führende Hautkliniken haben die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulungen für Erwachsene (Arne) gegründet – nun laufen die ersten Kurse. Mit der Studie wollen die Initiatoren nachweisen, dass die Erwachsenen-Schulung die Lebensqualität verbessert. Um die Effekte zu belegen, werden die Teilnehmer gebeten, direkt vor Beginn der Kurse sowie drei Monate und dann noch einmal ein Jahr nach Kursende Fragebogen auszufüllen. In etwa einem Jahr soll die Studie abgeschlossen sein, an der derzeit 14 Zentren teilnehmen.
Zuvor hatte die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (Agnes) Kurse für erkrankte Kinder und ihre Eltern entwickelt. Es zeigte sich, dass die Kinder dank der Agnes-Kurse nicht nur besser mit der Krankheit zurechtkamen, sondern sich der Zustand ihrer Haut auch dauerhaft besserte. Isabel Fell ist überzeugt, dass sich die positiven Ergebnisse bei Erwachsenen wiederholen werden.
Ulrike Roll / Apotheken Umschau;
25.02.2011
Bildnachweis: W&B/Bert Bostelmann
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