Neurodermitis (Atopische Dermatitis)

Bei der Neurodermitis (atopische Dermatitis) handelt es sich um eine chronisch entzündliche, mit Juckreiz einhergehende Hauterkrankung. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Behandlung

aktualisiert am 09.12.2015

Besonders unangenehm bei Neurodermitis: Atopisches Ekzem im Gesicht

Mauritius Images GmbH

nach obenWas ist Neurodermitis?

Sie ist trocken, schuppig, gerötet und juckt – in der Haut eines Neurodermitis-Patienten möchte niemand gerne stecken. 10 bis 15 Prozent der Kinder und ein bis zwei Prozent der Erwachsenen bleibt aber keine Wahl. Sie müssen mit der chronisch entzündlichen, aber nicht ansteckenden Hauterkrankung zurechtkommen, denn eine Heilung gibt es nicht, jedoch viele Therapiemöglichkeiten.

Bei Neurodermitis-Patienten ist die Schutzfunktion der Haut herabgesetzt. Der Kontakt mit physikalischen, chemischen oder mikrobiellen Reizen kann leicht zu Entzündungen führen. Die Erkrankung beginnt häufig im Säuglings- und Kindesalter und verläuft typischerweise in Schüben, die sich mit beschwerdearmen oder – freien Phasen abwechseln können.


Gerade bei Kindern heilt oft die Zeit. Viele Betroffene, die als Säuglinge oder Kleinkinder stark gelitten haben, sind zur Einschulung oder Pubertät frei von Beschwerden.

Der Begriff "Neurodermitis" leitet sich aus dem Griechischem ab (Neuron = Nerv, Derma =  Haut und  die Endung "-itis" als Kennzeichen für einen Entzündungsprozess). Er stammt noch aus einer Zeit, als vermutet wurde, dass eine Entzündung der Nerven im Zusammenhang mit den Hautveränderungen stehe. Obwohl inzwischen bekannt ist, dass dies nicht korrekt ist, ist die Bezeichung "Neurodermitis" noch immer stärker gebräuchlich als die von Medizinern bevorzugten Begriffe "atopische Dermatitis" oder "atopisches Ekzem".


Wie der Vater so die Tochter? Atopische Erkrankungen treten oft familiär gehäuft auf

ItStockFree/RYF

nach obenUrsachen

Die Ursachen der Neurodermitis werden heute in einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren gesehen. Am wichtigsten sind die gestörte Barrierefunktion der Haut und die genetisch bedingte Neigung des Immunsystems, überschießend auf Reize aus der Umwelt zu reagieren. Zusammen mit der Nahrungsmittelallergie, dem allergischen Asthma und dem allergischen Schnupfen (z.B. Heuschnupfen) gehört die Neurodermitis zu den atopischen Erkrankungen.

Familiäre Häufung bei Neurodermitis

Atopische Erkrankungen treten familiär gehäuft auf und sind mit einer erblichen Veranlagung verbunden. Sind beide Eltern von einer oder mehreren atopischen Erkrankungen betroffen, wird ein Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von circa 60 bis 70 Prozent ebenfalls erkranken.

Es wurden Gene identifiziert, die bei der Entstehung der Neurodermitis eine Rolle spielen. Sie sind offenbar dafür verantwortlich, dass die Haut ihre Barrierefunktion nicht so gut wahrnehmen kann und das Zusammenspiel verschiedener Immunzellen aus dem Gleichgewicht gerät.

Die Veranlagung allein macht aber noch nicht krank, sondern nur anfällig. Kommen ungünstige Umwelteinflüsse hinzu und greifen mehrere Mechanismen ineinander, kann die Erkrankung jedoch ausbrechen.

Krankmachende Mechanismen

Neurodermitis ist eine sehr komplexe Erkrankung, zu deren Entstehung mehrere Faktoren beitragen. Nach heutigem Verständnis steht am Beginn eine genetisch bedingte Störung der Barrierefunktion der Haut. Ein Mangel an bestimmten Eiweißen führt dazu, dass die Haut ihre schützende Hornschicht fehlerhaft aufbaut und daher leicht austrocknet. Die derart trockene Haut ist anfällig für äußere Einflüsse jeglicher Art.

Die Haut reagiert empfindlich, indem sie sich leicht entzündet und juckt. Durch Kratzen wird die Entzündungsreaktion verstärkt. Auch das Immunsystem wird dadurch verstärkt mit Substanzen (Antigenen) aus der Umwelt konfrontiert, beispielsweise mit Pollen, Tierhaaren oder dem Kot von Hausstaubmilben. Es kann zu einer sogenannten Sensibilisierung kommen, bei der bestimmte Zellen des Immunsystems gegen diese Antigene in Stellung gebracht und Abwehrproteine (Immunglobuline) produziert werden. Die Erkrankung ist nun in einem Stadium, in dem allergische Reaktionen gegen an sich harmlose Antigene eine Rolle spielen.

Für diese Fehlfunktion des Immunsystems wird ein übertriebenes Hygieneverhalten der letzten Jahrzehnten verantwortlich gemacht. Nach der so genannten "Hygiene-Hypothese" leidet das Immunsystem in der keimarmen Umwelt westlicher Haushalte quasi an Beschäftigungsmangel und sucht sich andere Ziele.

Einflussfaktoren und Auslöser

Die Liste der Faktoren, die einen Neurodermitisschub hervorrufen können, ist lang. Zu den wichtigsten zählen

  • Faktoren, welche die Haut austrocknen (zum Beispiel häufiges Waschen)
  • Allergene, die auf die Haut gelangen oder eingeatmet  (zum Beispiel Hausstaubmilbenkot, Pollen, Tierhaare) oder gegessen werden (Nahrungsmittlergene wie zum Beispiel Kuhmilch, Hühnerei, Weizen oder Soja)
  • irritierende Stoffe auf der Haut, zum Beispiel Wollkleidung oder Kontakt mit Reinigungsmitteln, Duft- oder Konservierungsstoffen in Kosmetika ...
  • Besiedelung der Haut mit Bakterien, Viren oder Pilzen (mikrobielle Antigene) bei vorhandener Neurodermitis
  • Klimafaktoren, wie extreme Kälte, Trockenheit oder Schwüle
  • Umweltgifte, wie Ozon, Dieselabgase oder Tabakrauch
  • Psychische Belastung, Stress

Vor einigen Jahrzehnten galten psychische Faktoren als eine der Hauptursachen der Neurodermitis. In der Tat stehen die Erkrankung und ihre Symptomatik in einer Wechselbeziehung zum psychischen Befinden. Stress kann eine Neurodermitis verschlimmern, jedoch sind umgekehrt die Symptome und hier vor allem der nächtliche Juckreiz seelisch belastend. Allerdings gilt es heute als überholt, ein gestörtes Eltern-Kind-Verhältnis oder gar eine bestimmte Neurodermitis-Persönlichkeit als Ursache der Erkrankung zu postulieren.


Typische Stellen für Neurodermitis beim Kind

W&B/Ulrike Möhle

nach obenSymptome

Das Erscheinungsbild einer Neurodermitis kann sehr vielgestaltig sein. Typische Symptome sind:

  • allgemein trockene Haut, mit geröteten entzündeten Stellen (Ekzeme), die meist sehr stark jucken
  • flächenhafte Verdickung und Vergröberung der Haut (Lichenifikation)
  • Knötchen und Pusteln

Im Säuglingsalter finden sich eher juckende Rötungen der Haut, eventuell mit Krustenbildung. Betroffen sind vor allem der Kopf („Milchschorf“) und das Gesicht sowie die Streckseiten der Gliedmaßen (zum Beispiel Außenseite des Arms) und Beugefalten.

Bei Kleinkindern und Jugendlichen zeigen sich die Symptome eher an den Gelenkbeugen, im Nacken, an den Handgelenken und Händen. Die Haut wird dicker und gröber, auch Verkrustungen sind typisch. Im Erwachsenenalter ist das Befallsmuster ähnlich. Hinzu kommen oft noch stark juckende Knötchen.

In jedem Alter tritt starker Juckreiz auf, der den ganzen Tag über anhalten kann und sich abends und nachts oft noch verschlimmert. Betroffene schlafen häufig schlecht und können sich tagsüber nicht konzentrieren. Der Leidensdruck ist daher erheblich.

nach obenKomplikationen

Die oft nässenden und zerkratzten Ekzeme sind ein ideales Einfallstor für Keime. Es kann daher zu Infektionen mit Bakterien (zum Beispiel Staphylokokken) oder Viren (zum Beispiel Herpes) kommen. Auch Pilzinfektionen sind möglich. Staphylokokken-Infektionen machen sich durch Pusteln, starkes Nässen, gelbliche Krustenauflagerungen und eventuell auch Fieber und Lymphknotenschwellung bemerkbar. Für Herpes-Infektionen sind gedellte Bläschen typisch, zudem können hohes Fieber und ebenfalls Lymphknotenschwellungen auftreten. Da Todesfälle auf Grund dieser Komplikationen bekannt sind, sollte bei diesen Anzeichen unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Bei Pilzinfektionen spielen vor allem Hefepilze eine Rolle (Pityrosporum ovale), die das Ekzem vor allem im Kopf- und Schulterbereich triggern können (Head-neck-Dermatitis). Zeichen sind auch hier Rötung und Schuppung sowie Juckreiz der Haut.


Das juckt: Neurodermitis beim Kleinkind

W&B/Andrea Leiber

nach obenDiagnose

Verschiedene Hauterkrankungen rufen ähnliche Symptome wie eine Neurodermitis hervor und haben doch gänzlich andere Ursachen. Die Abgrenzung kann daher nur der Arzt treffen. Für ein atopisches Ekzem sprechen:

  •     altersgemäße Ausprägung und Verteilung der Hauterscheinungen mit Juckreiz
  •     Beginn im frühen Lebensalter
  •     schubweiser Verlauf
  •     andere atopische Erkrankungen beim Patienten selbst oder bei nahen Verwandten

Atopie-Zeichen

Atopie-Zeichen sind eine Reihe von Merkmalen, die bei Menschen mit atopischen Erkrankungen häufig auftreten. Hierzu zählen:

  • trockene Haut
  • verstärkte Linienzeichnung an den Innenflächen der Hände
  • eine doppelte Lidfalte unter den Augen ("Dennie-Morgan-Falte")
  • weißer Dermographismus (festes Streichen über die Haut mit einem Holzspatel ruft bei atopischen Patienten meist eine weiße Linie hervor, während sie bei Nicht-Atopikern gerötet ist)
  • dunkle Haut im Bereich der Augen
  • Ausdünnung der seitlichen Augenbrauen (Hertoghe'sches Zeichen)
  • Neigung zu Ohr- und Mundwinkeleinrissen
  • Metallüberempfindlichkeit (Nickelallergie)?


Allergietests
Allergische Reaktionen können ein atopisches Ekzem auslösen oder unterhalten. Bei vielen Neurodermitis-Patienten lässt sich ein erhöhter Spiegel des Immunglobulins E (IgE)  nachweisen, das eine wichtige Rolle bei allergischen Reaktionen spielt. Jedoch gibt es auch viele Menschen, die aufgrund der Veranlagung erhöhte Gesamt-IgE-Werte im Blut haben ohne jedoch an einer Neurodermitis zu leiden.

Allergietests sind in jedem Fall sinnvoll, um zu ermitteln, worauf der Betroffene reagiert. Neben dem Nachweis spezifischer Antikörper im Blut gegen Inhalations- und Nahrungsmittelantigene kommt auch der sogenannte Prick-Test in Frage. Der Arzt ritzt dem Patienten dabei kleine Allergenmengen in die Haut und bewertet die Reaktion nach 15 Minuten. Ein positives Ergebnis zeigt bei beiden Verfahren nur an, dass der Betroffene auf das getestete Allergen sensibel reagiert. Es beweist jedoch nicht, dass dieses Allergen auch die Neurodermitis beeinflusst. Bei stark entzündeter Haut oder regelmäßig eingesetzter antientzündlicher Cremes sollte eine Blutuntersuchung bevorzugt gegenüber dem Prick-Test eingesetzt werden.

Wichtig: Provokationstests dürfen nur beim Arzt und auf keinen Fall in Eigenregie erfolgen, da es dabei zu lebensgefährlichen Zwischenfällen bis hin zum Herzstillstand kommen kann!


Gut eincremen: Bei atopischem Ekzem besonders wichtig

W&B/Silvia Lammertz

nach obenTherapie

Die Veranlagung für atopische Erkrankungen tragen Betroffene ein Leben lang. Deswegen gibt es auch keine Heilung im eigentlichen Sinne. Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zum Verschwinden zu bringen oder zumindest zu lindern und symptomfreie Phasen zu stabilisieren.

Behandlungs-Maßnahmen

All dies ist nicht mit einem einzelnen Medikament oder einer Maßnahme möglich. Die Therapie der Neurodermitis besteht daher idealerweise aus einer Vielzahl von Bausteinen, die zum Teil auch ausprobiert werden müssen. Im Einzelnen gehören dazu:

  • Vermeidungsstrategien (Karenzen): Betroffene sollten Faktoren, die als Auslöser für Krankheitsschübe erkannt wurden, wenn möglich meiden.
  • Basispflege: Sie dient dazu, die trockene Haut feucht und geschmeidig zu halten und ihre Schutzfunktion zu verbessern.
  • Behandlung des Juckreizes: Sie schränkt das Bedürfnis zu kratzen ein. Die Haut wird dadurch geschont, etwaige Veränderungen werden nicht vergrößert.
  • Antientzündliche Maßnahmen: Sie unterstützen die Abheilung.
  • Vorbeugung und Behandlung von Infektionen: Die Besiedelung mit Bakterien ist eine ständige Reizquelle für das Immunsystem. Infektionen können zudem zu ernsthaften Komplikationen führen.
  • In Einzelfällen kommt eine Hyposensibilisierung infrage
  • Komplementär- und alternativmedizinische Maßnahmen: Ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt, dennoch werden sie stark nachgefragt.
  • Patienten-Schulung: Studien haben gezeigt, dass Patienten besser mit ihrer Erkrankung zurecht kommen, wenn sie gut informiert sind.


Idealerweise erarbeiten Arzt und Patient beziehungsweise dessen Eltern ein individuelles Konzept, mit dem die Erkrankung gut kontrolliert werden kann. Betroffene erfahren dabei, welche Maßnahme in welcher Situation am besten hilft und können sich entsprechend verhalten.

Vermeidungsstrategien (Karenzen)

Viele Patienten identifizieren im Laufe ihrer Erkrankung Umwelteinflüsse, welche die Symptomatik verschlechtern. Als solche kommen zum Beispiel bestimmte Gewebe wie Wolle oder Reinigungs- und Waschmittel in Frage, Lebensmittelzusatzstoffe, Duftstoffe, daneben allergen wirksame Bestandteile in der Nahrung, Hausstaubmilben, Pollen, Tierhaare und, und, und...

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, entsprechend schwierig ist es, einen Auslöser dingfest zu machen. Ist er oder sind sie jedoch identifiziert, steht die Vermeidung an der Spitze der Behandlungsmaßnahmen.

Patienten, die keine Kleidung aus Wolle vertragen, sollten beispielsweise auf glatte Stoffe – etwa aus Baumwolle – zurückgreifen. Stehen Reinigungs- und Waschmittel im Verdacht, kann es sich lohnen, Produkte ohne hautreizende Zusatzstoffe zu testen. Bei Lebensmitteln sollte man gegebenenfalls Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe meiden.

Konsequente Vermeidung ist auch das Mittel der Wahl bei Nahrungsmittelallergien. Dies gilt jedoch nur, wenn die Allergie wirklich anhand von entsprechenden Provokationstests bestätigt werden konnte. Ohne entsprechende ärztliche Diagnose sollte man nicht auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten oder gar langfristig einseitige Diäten einhalten.

Bei einer Allergie gegen Hausstaubmilben besteht die erste Maßnahme darin, ein möglichst milbenfreies Wohnumfeld zu schaffen. Dazu sollten Staubfänger wie Vorhänge, Teppiche und Stofftiere aus der Wohnung verbannt oder zumindest regelmäßig gereinigt werden. Für Matratzen, Kopfkissen und Bettdecken gibt es milbendichte Folien, so genannte Encasings. Sie verhindern, dass man mit den Milben und ihren Ausscheidungen in Berührung kommt.

Pollenallergiker finden in höheren Bergregionen und an den Küste eine pollenarme Umgebung vor. Solche Gegenden bieten sich daher zum Beispiel als bevorzugte Urlaubsziele vor allem während der Pollensaison an. Weitere Maßnahmen, wie zum Beispiel abendliches Waschen der Haare oder das Geschlossenhalten der Fenster in der Nacht während der Pollenflugzeit, können die Belastung weiter verringern. Die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung besteht, wenn neben der Neurodermitis ein allergischer Schnupfen besteht.

Basispflege

Patienten mit Neurodermitis sollten ihre Haut täglich mit rückfettenden und feuchtigkeitsspendenden Pflegeprodukten schützen. Vielfach kann man damit symptomfreie Phasen verlängern und den Bedarf an wirkstoffhaltigen Cremes und Salben reduzieren. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass die verwendeten Cremes möglichst frei von Konservierungsmitteln und Duftstoffen sind, da sonst die Gefahr der zusätzlichen Entwicklung einer Kontaktallergie besteht.

Reine Öle sind zur Basispflege nur sehr eingeschränkt geeignet, da sie nicht gut in die Haut eindringen. Stattdessen werden meist wirkstofffreie Cremes oder Salben angewandt. Gut bewährt hat sich auch der Zusatz von Harnstoff, der die Feuchtigkeit in der Haut bindet. Bei Erwachsenen kann die Konzentration fünf bis zehn Prozent betragen, bei Kindern sollte sie aufgrund der Eigenschaften des Harnstoffes zwei bis maximal vier Prozent nicht überschreiten. Darüber hinaus werden auch Produkte angeboten, die speziell die fehlenden Fette in der Hornschicht der Haut – die Ceramide - ersetzen sollen.

Ob eher eine Salbe oder eine Creme zum Einsatz kommt, hängt vom Hautzustand, den betroffenen Körperstellen, dem Patientenalter und der Jahreszeit ab. Je besser der Hautzustand, desto fetthaltiger kann das Pflegemittel sein. Ist die Haut dagegen entzündet und juckt, sind wässrigere Cremes zu bevorzugen, da sie durch die Verdunstungskälte die Symptome lindern.

Die Vorzüge von Salben und Cremes vereint der „fett-feuchte Verband“. Er besteht aus einer Schicht fetthaltiger Salbe, die mit einem feuchten und darüber mit einem trockenen Verband abgedeckt wird.

Im Gesicht sind wässrige Pflegeprodukte zu bevorzugen. Auch im Bereich der Hautfalten lässt sich besser mit Cremes pflegen. Als Faustregel gilt noch, dass Cremes eher im Sommer verwendet werden, Salben im Winter.

Zur Hautreinigung sind seifenfreie, pH-neutrale Produkte am besten geeignet. Beim Baden werden leicht erniedrigte Wassertemperaturen (etwa 34 Grad Celsius) meist angenehmer empfunden, als Badezusatz eignen sich so genannte "spreitende“ Ölbäder. Sie hinterlassen einen feinen Film auf der Haut, weswegen man anschließend auch nicht mehr duschen sollte.


Angenehm: Rückfettendes Badevergnügen

Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY

Behandlung des Juckreizes

Oft ist es der quälende Juckreiz, der Neurodermitis-Patienten das Leben besonders schwer macht. Hinzu kommt, dass er einen Teufelskreis in Gang setzen kann: Wer kratzt, schädigt die Haut weiter, sie entzündet sich und juckt noch mehr. Der Behandlung des Juckreizes kommt daher eine große Bedeutung zu

Hilfreich sind feuchte Umschläge, die versuchsweise auch Substanzen mit gerbender Wirkung enthalten können. Dazu kann man auf kommerzielle Produkte zurückgreifen oder aber einfach Schwarzteeumschläge verwenden.

Manchmal lohnt ein Versuch mit Polidocanol-haltigen Produkten, die auch mit Harnstoff kombiniert werden können. Polidocanol ist ein Wirkstoff, der lokal betäubend wirkt und so den Juckreiz lindert.

Schließlich können auch oral verabreichte Antihistaminika helfen. Sie können den Juckreiz lindern, indem sie verhindern, dass der von Abwehrzellen freigesetzte Botenstoff Histamin seine Wirkungen entfaltet. Empfohlen werden derzeit lediglich so genannte H1-Antihistaminika, jedoch sind sie nicht bei allen Neurodermitis-Patienten wirksam.

Insbesondere Steinkohleteerhaltige Produkte sind heute aufgrund ihrer krebsfördernden Eigenschaften nicht mehr zu empfehlen. Auf Bereiche mit sehr empfindlicher Haut (Gesicht, Genitale) und bei Kindern sollten sie gar nicht aufgetragen werden.


Manchmal hilfreich: UV-Bestrahlung

Thinkstock/Stockbyte

Antientzündliche Maßnahmen:

  • Glukokortikosteroide ("Kortisonpräparate"): Glukokortikosteroide sind die wichtigste entzündungshemmende Wirkstoffgruppe, die bei Neurodermitis eingesetzt wird. Sie werden üblicherweise als Creme oder Salbe und nur bei schweren Schüben eventuell kurzfristig auch als Tablette verabreicht. Obwohl sie gut wirken, stehen viele Patienten ihnen kritisch gegenüber. Grund sind Nebenwirkungen, die unter früher gebräuchlichen Substanzen beobachtet wurden. Die heute üblichen Wirkstoffe haben demgegenüber ein deutlich besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis. Dennoch kann es auch unter diesen Präparaten bei sehr langer Anwendung dazu kommen, dass die Haut dünner wird oder sich bestimmte, durch diese Wirkstoffe hervorgerufene Hautveränderungen bilden. Glukokortikosteroide sind Mittel der Wahl bei der Behandlung von Schüben und im Rahmen der so genannten Intervalltherapie, bei der Produkte vorbeugend in Abständen (z.B. zweimal pro Woche) aufgetragen werden. Die Präparate dürfen nicht regelmäig täglich angewandt werden, zudem sollten Bereiche mit besonders dünner Haut nur kurzfristig behandelt werden.
  • Calcineurin-Inhibitoren: Seit einigen Jahren sind als Alternative die Calcineurin-Inhibitoren Pimecrolimus und Tacrolimus verfügbar. Ihr Vorteil ist, dass sie nach derzeitigem Wissensstand die Haut auch bei dauerhafter Anwendung nicht ausdünnen. Allerdings haben auch diese Medikamente Nebenwirkungen (z.B. kurzfristige Verstärkung des Juckreizes). Sie werden daher vorwiegend dann eingesetzt, wenn Glukokortikosteroide nicht verwendet werden können oder nicht ausreichend wirken. Zudem ist die Zulassung der Calcineurin-Inhibitoren auf Patienten ab zwei Jahren beschränkt.
  • UV-Licht: Eine weitere antientzündliche Maßnahme stellt die Bestrahlung mit UV-Licht bestimmter Wellenlängen (UVA und UVB) nach Vorgabe des Arztes dar. Die Behandlung sollte nicht gleichzeitig mit der Anwendung von Medikamenten erfolgen, die das Immunsystem unterdrücken. Kinder unter 12 Jahren sollten gar nicht oder nur ausnahmsweise mit UV-Licht behandelt werden. Der Grund für diese Vorsichtsmaßnahmen ist, dass das therapeutisch eingesetzte UV-Licht  genau wie das Sonnenlicht das Risiko für eine Entartung der Hautzellen erhöhen kann. Ist das Immunsystem zusätzlich durch eine Therapie gehemmt, kann es die veränderten Zellen unter Umständen nicht rechtzeitig erkennen und beseitigen. Kinder haben noch eine so lange Lebensspanne vor sich, dass auch bei ihnen – wenn möglich – auf die Therapie mit UV-Strahlen verzichtet werden sollte.

Vorbeugung und Behandlung von Infektionen

Die Haut von Neurodermitis-Patienten und vor allem die entzündete Haut ist oft stark mit Bakterien der Art Staphylococcus aureus besiedelt. Die Keime und ihre Stoffwechselprodukte tragen dazu bei, dass sich die Haut der Patienten immer wieder entzündet.

Es gibt Hinweise, dass lokal aufgetragene, antibakterielle Substanzen (Antiseptika) vor allem bei entzündeter Haut einen verbessernden Einfluss haben können. Sie sollten jedoch nur vorübergehend, nicht dauerhaft eingesetzt werden.

Ähnliches gilt auch für mit Silberverbindungen beschichtete Wäsche. Silber wirkt bakterizid und kann so möglicherweise die Belastung der Haut mit bestimmten Keimen, wie Staphylococcus aureus reduzieren.

Antibiotische Salben oder Cremes sollten aufgrund des Risikos von Resistenzentwicklungen nicht oder nur sehr gezielt unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden. Neben der Gefahr der Resistenzentwicklung bei den Bakterien gegen den verwendeten Wirkstoff können auch Kontaktallergien beim Patienten entstehen. Bei großflächigen Ekzemen, die deutliche Anzeichen einer Infektion aufweisen, verordnen Ärzte wenn nötig einzunehmende Antibiotika.

Die Infektion der Ekzeme mit Herpes-Viren stellt einen Notfall dar, der schwerwiegende Folgen haben kann. Seitdem antivirale Substanzen zur Verfügung stehen, ist diese Komplikation jedoch behandelbar und bei Verdacht auf eine Herpes simplex – Infektion sollte immer zeitnah eine ärztliche Vorstellung erfolgen, da sich Herpesviren auf entzündeter Haut sehr rasch ausbreiten können (Ekzema herpeticatum).

Hyposensibilisierung

Die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung – auch spezifische Immuntherapie genannt – besteht bei einer gleichzeitigen Allergie mit Symptomen der Augen und Nase gegen Hausstaubmilben und gegen Pollen. Können die Allergene nachweislich neurodermitische Schübe auslösen, kann gegebenenfalls unter Umständen eine Hyposensibilisierung sinnvoll sein.

Dabei wird das Immunsystem schrittweise wieder an das Allergen gewöhnt, in dem zunächst sehr kleine und dann stufenweise zunehmende Mengen des fraglichen Stoffes als Spritze verabreicht werden. Die Hyposensibilisierung erfolgt beim Arzt, damit im Falle einer allergischen Reaktion medizinische Hilfe sofort zur Hand ist. Ob die neuerdings auch verfügbaren Immuntherapien in Tablettenform bei Neurodermitis positiv wirksam sind, ist bisher nicht untersucht.


Manche Neurodermitiker probieren es mit Homöopathie

W&B/Winfried Fischer

Komplementär- und alternativmedizinische Verfahren

Viele Betroffene - bei Kindern auch die Eltern – empfinden es als äußerst mühsam, wirkstoffhaltige Salben und Cremes manchmal über Jahre hinweg immer wieder aufzutragen. Daher besteht oft ein großes Interesse an komplementär- und alternativmedizinischen Methoden. Angeboten werden beispielsweise Homöopathie oder Maßnahmen im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Medizin (zum Beispiel Akupunktur).

Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit dieser Verfahren gibt es nicht, vereinzelt jedoch Hinweise. Da die Krankenkassen derartige Behandlungen üblicherweise nicht erstatten, sollten sich Betroffene vorab gut über den finanziellen Aufwand informieren und Behandlungsziel und –dauer festlegen.

Die Behandlung mit Fisch-, Borretsch- und Nachtkerzenöl, welche essenzielle Fettsäuren beziehungsweise Gammalinolensäure enthalten, wird in der aktuellen Leitlinie der Dermatologischen Fachgesellschaften nicht empfohlen.


Liebevoll mit sich und der eigenen Haut umgehen - das fällt nicht jedem leicht

W&B/Winfried Fischer

Patienten-Selbstmanagement

Eine Neurodermitis verläuft oft chronisch oder neigt zu erneutem Auftreten. Zudem gibt es keine Standardtherapie, die allen Betroffenen hilft. Jeder Patient muss individuell behandelt werden und es gilt, unter den vielen denkbaren Therapiekonzepten das geeignete zu finden.

Ausführliche Informationen zu Auslösefaktoren der Krankheit, Ernährung, Basispflege und weiteren Therapiemöglichkeiten sind nötig. Zudem gilt es die psychologischen und psychosozialen Aspekte der Erkrankung zu berücksichtigen. Die Betroffenen benötigen Tipps für den alltäglichen Umgang mit ihrer Krankheit.

Ärzte haben jedoch im Praxisalltag meist nur wenig Zeit, um all diesen Bedürfnissen ausreichend gerecht zu werden. Um dieses Defizit zu beheben, gibt es Schulungskurse für erkrankte Kinder und deren Eltern beziehungsweise für erkrankte Erwachsene. Die Teilnehmer erhalten Informationen zum Krankheitsbild und den Behandlungsoptionen sowie zur Rolle von Allergenen und dem Stellenwert von Diäten. Darüber hinaus erlernen sie Entspannungs- und Bewältigungstechniken, etwa um übermäßiges Kratzen in den Griff zu bekommen.

Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist mittlerweile auch in Studien belegt worden. Demnach haben geschulte Patienten weniger Hautsymptome, leiden weniger unter Juckreiz und haben eine bessere Lebensqualität – weil sie gelernt haben, selbstständig und situationsangepasst zu reagieren.

Selbsthilfegruppen, die Krankenkasse oder ihr behandelnder Arzt können Ihnen eventuell mit Kontaktadressen für solche Patienten-Schulungen weiterhelfen.

Neurodermitis ist eine Erkrankung mit vielen Facetten und hat Auswirkungen nicht nur auf die Patienten selbst. Außenstehende können mit Ablehnung reagieren und lassen dies die Patienten auch spüren.

Eltern sind nicht selten verzweifelt, wenn ihr Kind laufend an den ohnehin schon offenen Wunden kratzt, nachts nicht schlafen kann und tagsüber quengelig und unkonzentriert ist. Die regelmäßige Hautpflege ist zeitaufwändig, Ernährungsanpassungen stellen eine zusätzliche Belastung dar. Und über allem steht die bange Frage, wie es mit der Erkrankung weitergehen wird.

Wichtig ist es dann, Strategien zu erlernen, die den Umgang mit der Erkrankung im täglichen Leben ermöglichen. Hierzu kann der Arzt den Anstoß geben, jedoch ist es erforderlich, dass Betroffene auch selbst aktiv werden. Angebote gibt es zum Beispiel von den Krankenkassen, den Volkshochschulen und verschiedenen Organisationen, die spezielle Neurodermitis-Schulungen anbieten. Diese können Neurodermitis-Patienten und ihren Angehörigen helfen, trotz der Erkrankung eine hohe Lebensqualität aufrecht erhalten.

Für Jugendliche mit Neurodermitis ist es auch wichtig, sich bei der Berufswahl beraten zu lassen. Hautbelastende Berufe (z.B. in der Kranken- oder Raumpflege, Frisör, Maler...) sollten eher gemieden und es sollte von Anfang an auf gute Hautschutzmaßnahmen geachtet werden.


Unsere Expertin: Professor Dr. Margitta Worm

W&B/Privat

nach obenBeratende Expertin

Professor Dr. med. Margitta Worm ist Fachärztin für Dermatologie und Venerologie. Sie habilitierte im Jahr 2000 im Fach Dermatologie. Seit 2001 ist sie als Oberärztin in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charité Campus Mitte in Berlin tätig. Seit 2004 ist sie als Universitätsprofessorin mit dem Schwerpunkt Immunmodulation allergischer Erkrankungen berufen worden. Ihr wissenschaftliches Interesse gilt vor allem der klinisch-experimentellen Forschung in den Bereichen allergische Immuntherapie, atopische Dermatitis, Nahrungsmittelallergien und Berufsdermatologie.


Quellen:

Werfel T, Schwerk N, Hansen, G, Kapp A: Diagnostik und Stufentherapie der Neurodermitis. In Deutsches Ärzteblatt 2014, 111 (29-30): 509-20, Online: http://www.aerzteblatt.de/archiv/161077/Diagnostik-und-Stufentherapie-der-Neurodermitis (abgerufen am 09.12.2015)


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



Bildnachweis: Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY, Thinkstock/Stockbyte, W&B/Winfried Fischer, W&B/Privat, W&B/Silvia Lammertz, W&B/Ulrike Möhle, W&B/Andrea Leiber, Mauritius Images GmbH, ItStockFree/RYF
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