Wolfgang Amadeus Mozart war ein Genie. Der österreichische Komponist schuf einige der bekanntesten Musikstücke überhaupt. Doch er hatte auch seine dunklen Seiten. Seine Briefe sind voller Schimpfwörter und Kraftausdrücke. Zudem neigte er dazu, in Sätzen Wörter ohne ersichtlichen Sinnzusammenhang aneinanderzureihen. Auch wenn sich die Ursache für diese Ausbrüche heute natürlich nicht mehr eindeutig bestimmen lässt, besteht der Verdacht, dass der Ausnahmekünstler unter der Nervenkrankheit Gilles-de-la-Tourette-Syndrom litt. Sie ist nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette benannt, der sie 1885 als erster beschrieb.
Charakteristisch: Tics
Das Tourette-Syndrom ist durch das Auftreten sogenannter Tics definiert. „Dabei handelt es sich um schnelle, unwillkürliche Bewegungen von Muskeln, über die eine Person nur teilweise Kontrolle besitzt“, erklärt die Neurologin und Psychiaterin Dr. Irene Neuner. Sie ist Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Aachen. Vom Tourette-Syndrom spricht man, wenn beim Patienten mehrere motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr vorliegen.
Tics lassen sich in einfache und komplexe aufteilen. Einfache motorische sind Augenrollen, Stirnrunzeln, Kopfschütteln, Grimassieren oder Schulterzucken. Zu komplexen Tics gehört unkontrolliertes Hüpfen, Treten, mit dem Fuß stampfen oder Kratzen. Einfache vokale Tics sind Räuspern, Husten, Spucken oder laute Atemgeräusche. Zu den komplexen gehören hier unter anderem das Wiederholen und scheinbar sinnlose Aneinanderreihen von Wörtern. Die häufigsten Tics in Verbindung mit dem Tourette-Syndrom sind Blinzeln, Räuspern und Schnaufen. Das unwillkürliche Fluchen (Koprolalie), das gemeinhin mit der Krankheit in Verbindun gebracht wird, ist dagegen eher selten. Bei gerade einmal zehn Prozent der Patienten liegt dieser Tic schätzungsweise vor.
Verschieden starke Ausprägungen
Lange Zeit galt das Syndrom als eher exotische Erkrankung. Inzwischen ist klar, dass es weitaus häufiger ist. „Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung liegt das Tourette-Syndrom vor“, schätzt Neuner. Tic-Störungen sind noch bedeutend häufiger. Allerdings sind diese oft so schwach ausgeprägt, dass sie nicht als krankhaft gelten. Das Tourette-Syndrom entsteht meist im Kinder- und Jugendalter. Bei etwa 30 bis 60 Prozent verschwinden die Symptome im frühen Erwachsenenalter. Männer sind deutlich häufiger als Frauen betroffen.
Die Intensität und Häufigkeit der Tics variiert im Alltag. „Unter Stress treten sie oft häufiger auf, bei Momenten mit einem hohen Maß an Konzentration dagegen seltener“, erklärt Neuner. Viele Tourette-Patienten können ihre Tics bis zu einem gewissen Grad unterdrücken oder hinauszögern. Allerdings oft mit der Folge, dass sie im Anschluss verstärkt hervorbrechen. Zudem können Tics sich im Lauf des Lebens abschwächen oder intensiver werden. Auch das ist bei jedem Patienten unterschiedlich.
Bei Tourette-Patienten treten häufig nicht nur Tics, sondern noch weitere Störungen auf: Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizite und Phobien, seltener selbstverletzendes Verhalten und andere autoaggressive Tendenzen. Erwachsene entwickeln häufig depressive Stimmungen. Zudem sollen Betroffene oft über hohe Kreativität, schnelle Reaktionen und großen Bewegungsdrang verfügen.
Genetische Ursachen
Die Ursachen für die Entstehung eines Tourette-Syndroms sind nicht geklärt. Genetische Faktoren spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Dieser Zusammenhang ist mit Studien gut belegt. Viele Patienten haben einen engen Verwandten, bei dem das Syndrom ebenfalls vorliegt. Einen Risikofaktor stellt vermutlich Rauchen in der Schwangerschaft dar. Zudem gibt es Hinweise, dass Tourette eine mögliche Folge bestimmter bakterieller oder viraler Infekte ist. So scheinen Streptokokken das Auftreten von Tics zu begünstigen.
Patienten zeigen Auffälligkeiten in den Basalganglien im frontalen Kortex (Hirnrinde des sogenannten Stirnlappens). Diese Bereiche des menschlichen Gehirns sind für die Koordination der Motorik mitverantwortlich. Vermutlich ist die Entwicklung dieser neuronalen Netzwerke bei Patienten mit einem Tourette-Syndrom gestört.
Behandlungsmöglichkeiten
Das Tourette-Syndrom ist nach wie vor nicht heilbar. Dennoch können Medikamente und verhaltenstherapeutische Maßnahmen den Patienten das Leben oft deutlich erleichtern. „Der erste wichtige Behandlungsschritt besteht bereits in der Diagnose, wenn die Betroffenen endlich einen Namen für ihr Leiden erhalten“, weiß Neuner aus eigener Erfahrung. Sie berät in einer Sprechstunde am Universitätsklinikum Aachen Tourette-Patienten. Oft haben diese einen langen Leidensweg aus falschen Diagnosen hinter sich.
Bestimmte psychopharmakologische Medikamente, die zur Gruppe der atypischen Neuroleptika gehören, verringern die Intensität und Häufigkeit von Tics. Allerdings haben sie oft unerwünschte Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Daher erhalten sie in der Regel nur Patienten, deren Alltag durch die Erkrankung deutlich eingeschränkt ist.
Übungen zur gezielten Unterdrückung haben in der Regel nur bei schwach ausgeprägten Tics Aussicht auf Erfolg. Verhaltenstherapien konzentrieren sich deshalb mehr auf eine bessere Bewältigung des Alltag. Eine wichtige therapeutische Maßnahme ist zudem die Sensibilisierung des Umfelds. Laien wissen mit der Krankheit oft nicht richtig umzugehen, reagieren mit Unverständnis, „Reiß dich zusammen“-Aufforderungen und Spott. Das führt bei Tourette-Patienten zu einem enormen Leidensdruck und begünstigt das Entstehen sozialer Phobien und Depressionen.
Hilfe finden Betroffenen in speziellen Tourette-Sprechstunden. Entsprechende Angebote gibt es in vielen deutschen Städten. Eine Liste mit Anlaufstellen bietet die „Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V.“ auf ihrer Homepage: www.tourette-gesellschaft.de
Stephan Soutschek / www.apotheken-umschau.de;
06.10.2011
Bildnachweis: Shotshop/Ambrose
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