Neuropathie: Wenn die Nerven leiden

Unangenehmes Kribbeln in Händen oder Füßen, schmerzhafte Missempfindungen oder Taubheitsgefühle: Das können Anzeichen einer Neuropathie sein

von Simone Herzner, aktualisiert am 31.01.2013

Erste Anzeichen einer Neuropathie machen sich oft in den Füßen bemerkbar

W&B/Markus Dlouhy

Neuropathie – auch Polyneuropathie genannt (griechisch für "Viel-Nerv-Krankheit") – ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Zum peripheren System gehören alle Nerven im Körper, ausgenommen die Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark. Rund drei Prozent der Bevölkerung sind von einer Neuropathie betroffen.

Bei einer Neuropathie sind die Nerven geschädigt. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Die weitaus häufigste Ursache ist eine Diabetes-Erkrankung – rund 30 Prozent aller Diabetiker leiden an einer Neuropathie. Aber auch Nierenschäden und Nervenschädigungen durch toxische Substanzen wie Alkohol können eine Neuropathie auslösen, manchmal auch Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Borreliose oder HIV.


Das Nervensystem

Vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen ist jeder Quadratmillimeter unseres Körpers von Nervenfasern durchzogen. Die Nervenzellen, die sogenannten Neuronen, leiten Informationen aus dem zentralen Nervensystem in den Körper weiter und sie leiten die Empfindungen der Sinnesorgane an das Gehirn. Nerven lassen uns nicht nur Reize wie Berührungen, Hitze, Kälte oder Schmerz spüren, sie steuern auch sämtliche inneren Aktivitäten des Körpers vom Herzschlag bis zur Verdauung.


Wie macht sich eine Neuropathie bemerkbar?

"Am häufigsten sind distal-symmetrische Polyneuropathien, die sich in Regionen weit weg vom Rückenmark bemerkbar machen – anfangs vor allem symmetrisch in beiden Füßen oder Beinen", sagt Karl Mayer, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie aus Heidelberg. Je länger ein Nerv ist und je weiter seine Verzweigungen vom Rückenmark entfernt liegen, desto schlechter wird er im Falle einer Erkrankung meist versorgt. Die Patienten leiden oft unter Brennen oder schmerzhaften Missempfindungen in den Füßen. Die Nervenschmerzen zeigen sich vor allem in Ruhe, zum Beispiel nachts im Bett. Bei Bewegung und anderer Aktivität lassen die Schmerzen oft nach. Doch die Krankheit kann auch andere Körperregionen betreffen – zum Beispiel Arme oder Hände. Das Lageempfinden und die Sensibilität lassen mitunter nach, so dass sich die betroffenen Körperstellen pelzig oder gar taub anfühlen. "Letzteres ist besonders problematisch, da Patienten mit tauben Füßen nicht spüren, wenn der Schuh drückt oder sie sich wund laufen", warnt Neurologe Mayer. Hinzu kommt, dass bei Neuropathie-Patienten Wunden oft schlechter heilen und Entzündungen sich tief ins Gewebe ausbreiten, manchmal sogar bis zum Knochen.


Mögliche Symptome bei einer Neuropathie

Sensibilitätsstörungen, Ameisenlaufen oder brennende Schmerzen

Pelzigkeit oder Taubheit in der betroffenen Region

Gleichgewichtsstörungen, Unsicherheit beim Gehen

Gestörtes Temperatur- und Schmerzempfinden

fehlende Muskelreflexe, Muskelschwäche bis hin zum Muskelschwund


Auch Organe können betroffen sein

Bei einer Sonderform der Neuropathie, der sogenannten autonomen Neuropathie, ist auch das vegetative Nervensystem betroffen. Das vegetative Nervensystem ist der Teil des peripheren Nervensystems, das der Mensch – anders als zum Beispiel Muskelbewegungen – nicht willentlich steuern kann. Das vegetative Nervensystem regelt die Funktionen des Herz-Kreislaufsystems und der inneren Organe. So kann eine autonome Neuropathie beispielsweise zu Herzrhythmusveränderungen führen, die Funktion von Magen und Darm beeinträchtigen, aber auch eine Blasenschwäche oder Erektionsprobleme hervorrufen.

Risiko Diabetes mellitus

Bei Diabetikern treten Nervenschädigungen infolge dauerhaft erhöhter Blutzuckerwerte auf. Etwa jeder dritte Diabetes-Patient entwickelt im Laufe der Zeit eine Neuropathie. Mediziner nehmen an, dass die erhöhten Blutzuckerwerte mittel- und langfristig die Durchblutung der Nerven und ihre Funktion beeinträchtigen.

Richtig gefährlich wird eine Neuropathie für Diabetiker, wenn das Schmerzempfinden gestört ist. Dann kann bereits ein kleines Steinchen im Schuh zu großen Problemen führen: Da Diabetiker oft auch unter Durchblutungsstörungen und einer schlechteren Immunabwehr leiden, entwickelt sich aus einer kleinen Wunde schnell ein tiefe Verletzung. Die gefährlichen Geschwüre werden auch als "diabetisches Fußsyndrom" bezeichnet, das im schlimmsten Fall mit einer Amputation des betroffenen Körperglieds enden kann. Allein in Deutschland müssen Chirurgen pro Jahr Tausenden Diabetikern ein Fuß oder Bein abnehmen. "Die diabetische Neuropathie ist leider nicht heilbar. Eine gute Blutzuckereinstellung, ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung und eine regelmäßige Fußpflege können jedoch den Ernstfall einer Amputation verhindern", sagt Neurologe Mayer.

Mehr Informationen zur Diabetischen Neuropathie erhalten Sie im entsprechenden Ratgeber auf www.diabetes-ratgeber.net.

Risiko Alkohol

Auch Alkoholiker leiden häufig an Neuropathien – etwa ein Fünftel aller Suchtkranken ist betroffen. Im Übermaß konsumiert führt das Nervengift Alkohol zu ähnlichen Symptomen wie die diabetische Neuropathie. "Die beste Therapie ist, mit dem Trinken aufzuhören", rät Karl Mayer. Oft bilden sich die Nervenschädigungen soweit zurück, dass Betroffene wieder symptom- und schmerzfrei leben – ganz abgesehen von den vielen anderen positiven Veränderungen, mit denen das Überwinden der Sucht einhergeht.

Diagnose und Behandlung

Wer die erste Anzeichen einer Neuropathie spürt, sollte sofort zum Arzt gehen. Der wird nach Risikofaktoren fragen, wie eben Diabetes und Alkoholsucht – oder aber erbliche Veranlagung für neurologische Erkrankungen. Ebenso können manche Infektionen oder die Einnahme bestimmter Medikamente Neuropathien hervorrufen. "Mit einfachen Tests untersuchen Ärzte, wie temperatur- und berührungsempfindlich die betroffenen Stellen sind", erklärt Neurologe Mayer. Auch Reflexetests an Knie und Ferse gehören üblicherweise zur Untersuchung, ebenso ein Sensibilitäts-Test: Der Arzt tippt mit der Spitze eines Kunststoff-Fadens oder Zahnstochers auf die Haut, um zu prüfen, wie viel der Patient noch spürt. Bei Auffälligkeiten folgen weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel eine Blutabnahme oder Messungen der Nervenleitgeschwindigkeiten.

Die Behandlung richtet sich unter anderem nach der Ursache der Beschwerden, Auslöser sollten natürlich so weit wie möglich beseitigt werden. "Fortgeschrittene Neuropathien lassen sich meistens nicht rückgängig machen, können aber mit Schmerzmitteln oder Medikamenten gegen Epilepsie oder Depressionen gut behandelt werden", sagt Mayer. Andere Medikamente und Behandlungsmethoden kommen ebenfalls infrage, um die Beschwerden zu lindern. Bei der Auswahl lassen sich Patienten am besten von einem Spezialisten beraten. Doch auch sie selbst können mit einer gesunden Lebensweise viel dazu beitragen, dass sich ihre Nerven erholen beziehungsweise die Krankheit nicht weiter fortschreitet. Sie sollten sich gesund ernähren, nach Möglichkeit viel bewegen und alles vermeiden, was "auf die Nerven geht" – besonders Rauchen und Alkohol.



Bildnachweis: W&B/Markus Dlouhy

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