„Schon Embryonen können riechen“, sagt Hatt. Doch damit nicht genug: Ungeborene nehmen Aromen wahr, merken sie sich und erinnern sich später an sie. Das zeigten die Professoren Hans-Jürgen Distel und Rubyn Hudson an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zunächst im Tierversuch. Sie fütterten trächtige Kaninchen mit Wacholderbeeren. Nach der Geburt hielten sie die Jungen ein Jahr lang von diesen Früchten fern. Dann gaben sie ihnen und einer Kontrollgruppe anderer Tiere – deren Mütter hatten keine Beeren bekommen – mit Wacholder versetztes Futter.
Ergebnis: Die Kaninchen, die im Mutterleib mit dem Wacholderaroma in Kontakt gekommen waren, bevorzugten eindeutig diese Nahrung. Ähnliche Versuche wiederholten die Forscher mit schwangeren Frauen. Eine Gruppe erhielt Anis, eine andere Knoblauch. Auch bei deren Kindern stellte sich eine Vorliebe für das jeweilige Gewürz ein. Die Bewertung von Düften hängt also von unbewussten Erfahrungen ab.
Im Alltag fällt auf, dass sich Frauen meist mehr für Düfte interessieren als Männer. Gibt es einen genetischen Unterschied? An der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Dresden untersuchten Wissenschaftler kürzlich diese geschlechtsspezifische Differenz in der Geruchswahrnehmung näher. Dazu arbeiteten sie mit Heranwachsenden vor und nach der Pubertät – mit erstaunlichem Ergebnis. „Hinsichtlich der Wahrnehmung von Gerüchen und deren Intensität unterscheiden sich die neun- bis zehnjährigen Mädchen nicht von den gleichaltrigen Jungen“, berichtet Professor Thomas Hummel.
Bei 17- bis 20-Jährigen aber zeigte sich bei den Reaktionen auf verschiedene Düfte ein deutlicher Kontrast: Während die jungen Frauen bei Wohlgerüchen schier in Verzückung gerieten und bei üblen Ausdünstungen angewidert die Nase rümpften, ließ die jungen Männer dieses breite Spektrum eher kalt. „Nach der Pubertät interessieren sich die wenigsten männlichen Jugendlichen noch für Düfte. Bei den jungen Frauen fällt die Bewertung dagegen sehr akzentuiert aus“, berichtet Hummel. „Ob dieses Verhalten angeboren oder erlernt ist“, sagt der Pharmakologe, „wissen wir nicht.“