Anosmie: Nicht mehr riechen können

Der Duft von frischem Brot oder Blumen – wer nicht mehr riechen kann, verliert an Lebensqualität. Welche Ursachen der Verlust des Geruchsinns haben kann und wie man ihn behandelt

von Bettina Dobe, aktualisiert am 25.02.2016

Die Nase isst mit: Ohne Geruchssinn schmecken Kräuter fade

W&B/Stephan Höck

Blütenduft kündigt den Frühling an und den Geruch frisch gemähter Wiesen verbinden wir mit dem Sommer. Gerüche begleiten uns täglich, auch wenn wir oft nicht bewusst auf sie achten. Doch was, wenn wir nicht mehr riechen können? Anosmie, wie Ärzte den Verlust des Geruchssinns nennen, tritt häufig auf: In Deutschland leiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung daran. Einen schwächeren Geruchssinn (Hyposmie) haben rund 20 Prozent der Bevölkerung, bei den über 50-Jährigen sogar jeder vierte.

"Im Laufe des Lebens verliert man mehr Riechzellen, als neue nachwachsen", erklärt Professor Dr. Thomas Hummel, Leiter des interdisziplinären Zentrums "Riechen und Schmecken" der Uniklinik Dresden. Daher leiden vor allem ältere Menschen an Hyposmie und Anosmie. Experten schätzen gar, dass etwa jeder Dritte der über 70-Jährigen nichts mehr riecht. Aber auch jüngere Menschen kann es treffen.


Wie riecht man eigentlich?

Dieser Sinn funktioniert über Riechzellen, die im Dach der Nase liegen. 30 Millionen von ihnen bilden das Riechepithel. Die Riechzellen sind mit feinsten Härchen (Zilien) ausgestattet. Erreichen Duftstoffe die Zilien, leiten letztere die Information über die Fasern des Riechnervs an das Gehirn weiter. Sie werden vom Riechkolben (Bulbus Olfactorius) verarbeitet. So kann der Mensch mehr als zehntausend verschiedene Gerüche unterscheiden. Ürbigens: Frauen haben einen ausgeprägteren Geruchssinn als Männer, was laut Wissenschaftlern wohl daran liegt, dass ihnen Düfte wichtiger sind.

Leidet ein Mensch an Anosmie, kann er entweder gar keine Gerüche mehr wahrnehmen oder nur noch sehr schwach. Oft fällt dem Betroffenen aber zuerst auf, dass er kaum noch etwas schmeckt. Er nimmt nur noch die grundsätzlichen Geschmacksrichtungen – süß, sauer, salzig, fettig, umami, bitter und säurehaltig – wahr. Diese werden über die Sinneszellen auf der Zunge registriert.

Nicht mehr riechen können: Die Folgen

"Die Vielfalt der Aromen ist aber verloren und das Essen schmeckt wie Pappe", sagt Hummel. Denn die Nase ist direkt am Sinneserlebnis "Schmecken" beteiligt: Während des Essens steigen die Düfte durch den Rachenraum von hinten in die Nase auf. Bei Anosmie bewirken sie dort aber nichts mehr oder dringen gar nicht zum Riechepithel vor. Ein weiteres Symptom für Anosmie ist daher manchmal Gewichtsverlust. Wer nichts mehr schmeckt, isst weniger.

Der verlorene Geruchs- und Geschmackssinn geht nicht selten mit einem reduzierten Sozialleben einher – viele Unternehmungen mit Freunden sind schließlich mit Essen verbunden, und das macht ohne Geruchssinn einfach weniger Spaß. Zudem ist Riechen eine Form der sozialen Verständigung – man sagt nicht umsonst "sich riechen können". Sogar die Partnerwahl wird zum Teil über die Nase gesteuert.

"Oft haben Patienten mit Anosmie eine leichte Depression", sagt Hummel. Andere leiden ständig unter der Angst, nach Schweiß zu stinken oder Mundgeruch zu haben.

Letztlich kann Anosmie sogar gefährlich sein. Brand- und Gasgeruch, Faulgase und Schimmelgeruch warnen nicht mehr: Ob die Milch schon vergoren ist, kann der Anosmatiker nicht mehr riechen. "Bei diesen Patienten kommt es häufiger zu Lebensmittelvergiftungen", sagt Hummel.


Wie entsteht Anosmie?

Der Verlust des Geruchsinns kann mehrere Ursachen haben. Nur in den seltensten Fällen ist er angeboren. Ganz mechanisch kann die Nase wegen schiefer Nasenscheidewände, Polypen oder durch von einer Allergie geschwollene Schleimhäute blockiert sein. Gasteilchen dringen dann nicht zum Riechepithel vor.

In anderen Fällen legt sich eine heftige Entzündung, etwa eine starke Erkältung, auf die Schleimhäute. Das schädigt und zerstört Riechzellen. Vor allem Frauen verlieren so häufig den Geruchssinn teilweise oder ganz. "Diese Form der Hyposmie bessert sich bei zwei von drei Betroffenen von alleine", sagt Pharmakologe Hummel. Ist die Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) chronisch, verlieren etwa zwei Drittel der Patienten nach einigen Jahren der dauernden Entzündung an Riechvermögen.

Chemische Stoffe, etwa in einigen Medikamenten wie Antibiotika, können die Nase ebenfalls lähmen. Besonders Rauchen führt dazu, dass das Riechvermögen leicht abnimmt: Gase, Toxine und Stäube belasten die Riechzellen. "Wer mit dem Rauchen aufhört, stellt schnell fest, dass der Geruchssinn sich bessert", sagt Hummel.

Die Ursache kann auch im Gehirn liegen

Nicht nur in der Nase, sondern auch im Gehirn kann eine Anosmie entstehen, etwa durch ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem schweren Unfall. Bei einem harten Aufprall auf den Hinterkopf kann das Riechzentrum Schaden nehmen. "Durch einen Unfall können auch die Riechfasern abreißen", sagt Hummel. "Dann werden die Signale von der Nase zum Gehirn nicht mehr weitergeleitet." Nur bei jedem fünften Betroffenen kommt der Geruchssinn nach einem Unfall zumindest teilweise wieder.

Anosmie kann manchmal auch ein Symptom für schwerere Erkrankungen sein. Selten beeinträchtigt ein Hirntumor das Riechzentrum. Auch für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson kann der Verlust des Geruchsinns ein Vorbote sein. Patienten mit Parkinson können teils sogar Jahre vor dem Auftreten von Bewegungsstörungen nichts mehr riechen. Untersuchungen haben ergeben, dass 95 Prozent der Parkinsonpatienten auch Anosmatiker sind. Der Umkehrschluss gilt freilich nicht: "Wer schlecht riechen kann, leidet keineswegs automatisch an Parkinson", entwarnt Hummel. "Anosmie ist eine häufige Erkrankung, Parkinson dagegen sehr selten."


Diagnose: So stellt ein Arzt die Anosmie fest

Wer auf einmal Essen nicht mehr schmeckt oder nichts mehr riecht, sollte einen HNO-Arzt aufsuchen. Er führt zur Diagnose eine Nasenspiegelung (Rhinoskopie) durch. Zudem erkennt er mit dem Nasenendoskop, ob die Schleimhaut verändert ist. "Wir führen dann einen Riechtest durch und halten dem Patienten Stifte unter die Nase, die mit einem Duftstoff befüllt sind", erläutert Hummel die Untersuchung.

Der Patient muss Gerüche wie Ananas, Teer oder Fisch erkennen. Ebenso wichtig ist es zu wissen, ob der Patient zum Beispiel Zwiebeln und Kaffee am Geruch unterscheiden kann. In einem dritten Test wird geprüft, welche Konzentration an Duftstoffen der Patient noch wahrnimmt. Bringen diese Untersuchungen kein Ergebnis, kann der Arzt mit bildgebenden Verfahren arbeiten, etwa der Computertomografie oder der Magnetresonanztomografie. So kann man unter Umständen feststellen, ob die Ursache nicht in der Nase, sondern im Gehirn liegt.


Therapie: Ist Anosmie heilbar?

In einigen Fällen stellt sich der Geruchssinn von allein wieder ein. Einigen Anosmatikern hilft auch eine Operation. Ärzte entfernen die Polypen oder rücken die Nasenscheidewände wieder gerade. Ist eine chronische Entzündung die Ursache, setzen Mediziner oft Kortikosteroide oder Antibiotika ein. Dies sollte nur eine kurzfristige Behandlung sein, da diese Medikamente langfristig Nebenwirkungen verursachen können.

Wer schwach oder nichts mehr riecht, kann mit einem gezielten Riechtraining nachhelfen. Während mehrerer Monate schnuppert der Betroffene morgens und abends an vier verschiedenen Riechstiften. Studien haben ergeben, dass das langfristig den Geruchssinn verbessert und bei einigen Patienten das Riechvermögen teilweise wiederherstellen kann. Warum das sechsmonatige Training hilft, ist noch unklar. "Wir vermuten, dass Riechzellen verstärkt nachwachsen und das Gehirn wieder in der Lage ist, die eingehenden Signale richtig zu verarbeiten", sagt Hummel.

Egal, was die Ursache der Anosmie oder Hyposmie ist: Wer nicht mehr richtig riecht, sollte einen Arzt aufsuchen. Möglicherweise kann er helfen, die Lebensqualität wieder zu verbessern und die Blumen wieder duften zu lassen.



Bildnachweis: W&B/Stephan Höck

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Gesicht

Wenn die Nase nicht riecht, sondern stinkt

Bei der Ozäna oder Stinknase verströmt die Nase einen üblen Geruch, den die Betroffenen selbst nicht wahrnehmen. Mittel der Wahl sind eine sorgfältige Nasenpflege und Antibiotika »

Spezials zum Thema

Frau riecht an Blume

Die Nase: Ein echtes Multitalent

Das Riechorgan reinigt die eingeatmete Luft. Zudem erschließt uns die Nase das Aroma einer Speise ebenso wie den Duft einer Rose »

Sind Sie wetterfühlig?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages