Ein plötzlicher stechender Schmerz im Bein, die Muskeln bretthart: Nicht nur Sportler, die an ihre körperlichen Grenzen gegangen sind, kennen die qualvollen Krämpfe, die meistens die Waden treffen. Viele Menschen erleben das unangenehme Phänomen, wenn sie am wenigsten damit rechnen: mitten in der Nacht, wenn sie sich im Bett umdrehen oder sich strecken, selbst wenn sie tief schlummern.
Den Malträtierten wird es wenig trösten, dass er mit den nächtlichen Attacken nicht allein ist. Im höheren zweistelligen Prozentbereich liegt nach Schätzungen von Experten die Zahl jener, die regelmäßig von Krämpfen aus ihren Träumen gerissen werden. Das Risiko steigt mit dem Alter. Einige Ursachen sind bekannt, doch vollständig verstanden sind die spontanen Muskelspiele noch nicht: „Gemessen daran, dass dies ein Allerweltsleiden ist, ist unser Wissen über die Ursachen von Krämpfen noch erstaunlich wenig gesichert“, findet der niedergelassene Neurologe Dr. Rainer Lindemuth aus Siegen.
Doch der Pein lässt sich oft auf einfache Weise begegnen. Muskeln bestehen aus unzähligen Molekülsträngen, die sich auf Nervenreize hin zusammenziehen. Nervenzellen wie Muskeln arbeiten dabei mit Schwachstrom: Geladene Mineralstoffe (Ionen) fließen in einer geordneten Kaskade in die Zellen hinein und aus ihnen heraus. Diese leiten die Signale der Nervenzellen weiter und lösen in den Muskeln eine Reaktion aus.
Ein Mangel an diesen Mineralstoffen ist die naheliegendste Ursache, wenn Muskeln sich chaotisch zusammenziehen. Eine besondere Rolle unter den Salzen spielt das Magnesium: Es wirkt allgemein dämpfend und hemmt Nervenimpulse, die sogenannten Aktionspotenziale. Enthält der Körper zu wenig Magnesium, „feuern“ die Nerven folglich ungehemmter – und lösen auf diese Art Muskelkrämpfe aus.
Ein Magnesiummangel kann viele Gründe haben: Bei Sport und Hitze wird das Mineral ausgeschwitzt, eine Schwangerschaft erhöht den Bedarf, eine Nierenschwäche und bestimmte Medikamente bedingen stärkere Verluste. Dem Mangel lässt sich oft auf einfache Art abhelfen: durch eine angepasste Ernährung mit Vollkornprodukten, viel Obst und Gemüse sowie magnesiumreiches Mineralwasser.
Dies genügt jedoch nicht immer, zum Beispiel bei vielen Sportlern, sagt Professor Herbert Löllgen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie Betreuer von Marathonläufern. „Wer zu Krämpfen neigt, dem empfehlen wir zumindest vorübergehend die Einnahme von Magnesium-Präparaten.“ Wer diese nutzt, sollte sich an die Dosierungsempfehlungen halten oder sich vom Arzt oder Apotheker beraten lassen. Überdosiert kann auch das vermeintlich harmlose Salz schwere Nebenwirkungen haben.
Doch ein Mineralstoffmangel erklärt nicht jeden Muskelkrampf. Das zeigen Studien, in denen Forscher den Blutgehalt dieser Stoffe bei Ausdauersportlern maßen. Die Ergebnisse waren widersprüchlich, der Zusammenhang zwischen Mangel und Krampfneigung war nicht eindeutig. Fazit des südafrikanischen Sportmediziners Martin Schwellnus: Vieles spricht dafür, dass weitere Faktoren eine Rolle spielten – eine durch Anstrengung bedingte „veränderte neuromuskuläre Kontrolle“ nennt er das.
Eine weitere Erklärung weiß Rainer Lindemuth, Hauptautor einer Muskelkrampf-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Bei vielen seiner meist älteren, von nächtlichen Krämpfen geplagten Patienten diagnostiziert er eine beginnende „Polyneuropathie“. Das sind Schäden unterschiedlicher Art in Nervenfasern, die auch die Muskelsteuerung beeinträchtigen können.
Die Nervenschäden müssen nicht unbedingt auf einer Grunderkrankung wie Diabetes oder auf dem Einfluss von Zellgiften beruhen. „Das ist wohl eine normale Alterserscheinung, die zuerst die Nervenenden betrifft“, vermutet Lindemuth. „Und wenn das im Muskel passiert, entsteht an diesen Stellen eine Art Kurzschluss, der Krämpfe auslösen kann.“
Muskelkrämpfen liegen viele unterschiedliche Ursachen und Mechanismen zugrunde, betont der Neurologe – auch sehr ernste. Neben Neuropathien können Zellschäden im zentralen Nervensystem, eine Leberzirrhose, eine schlecht arbeitende Niere oder eine funktionsgestörte Schilddrüse die Ursache bilden.
Hinzu kommt, dass die Eigendiagnose des Patienten bisweilen in die Irre führt. So kann etwa eine arterielle Verschlusskrankheit ähnliche Wadenschmerzen auslösen. Eine Reihe von Erkrankungen des zentralen Nervensystems äußert sich ebenfalls durch krampfartige Symptome. „Bei wiederkehrenden Muskelkrämpfen ohne klare Ursache ist deshalb eine gründliche neurologische und internistische Untersuchung nötig“, betont Professor Alfred Lindner, Leiter des Neuromuskulären Zentrums im Marienhospital Stuttgart.
Ist eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen, empfehlen die Experten einen Behandlungsversuch mit Magnesium-Präparaten. Sehr zurückhaltend sind sie inzwischen mit der Substanz Chinin, die lange als erste Wahl galt. Sie ist zwar gut wirksam, kann jedoch relativ seltene, bisweilen lebensbedrohliche Nebenwirkungen an Herz, Niere und im Blutgerinnungssystem auslösen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft urteilt, der Stellenwert von Chinin bei der Therapie von Muskelkrämpfen werde „überwiegend negativ eingeschätzt“; es solle „nur in Ausnahmefällen und unter strenger Indikation“ eingesetzt werden. Andere Medikamente wirken Erfahrungsberichten zufolge zwar manchmal, ihre tatsächliche Effektivität ist der Arzneimittelkommission zufolge aber nicht gesichert.
Ohnehin empfehlen Experten statt Medikamenten primär eine andere Therapie: die Muskeln zu dehnen – um akute Krämpfe zu lösen, aber auch mehrmals täglich als vorbeugende Behandlung. Ein Beispiel: Man stützt sich in etwa einem Meter Abstand mit den Händen an einer Wand ab und drückt dabei die Füße samt Ferse abwechselnd fest auf den Boden. Oder man zieht den vorderen Teil der Füße abwechselnd im Liegen in Richtung Knie. Fehlt dazu die Beweglichkeit, lässt sich ein Band zur Hilfe nehmen. Wie gut solche Selbsthilfe nützt, ist zwar kaum durch wissenschaftliche Studien belegt. Aber auch viele Ausdauersportler schwören darauf als Vorbeugung von Krämpfen und Muskelkater. Und eines steht sowieso fest: Bewegung schadet nie.
Dr. Reinhard Door / Apotheken Umschau;
07.02.2011
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