Von wegen Nachtruhe: Von Schmerzen geplagt schrecken Menschen, deren Schulter gereizt ist, aus dem Schlaf auf, wenn sie sich auf die lädierte Seite drehen. Das bloße Gewicht ihres Körpers reicht aus, schon ist die Ruhe dahin. Erst wenn sie an diesen Punkt gelangen, entscheiden sich viele Betroffene dafür, zum Arzt zu gehen. „Vorher wird nichts unternommen. Die meisten Menschen ertragen die Schulterbeschwerden und hoffen, die Schmerzen verschwinden von selbst“, sagt Professor Axel Hillmann, Direktor der Orthopädischen Klinik im Klinikum Ingolstadt.
Das Fatale: Diese falsche Taktik ist anfangs sogar erfolgreich: Die Schmerzen ebben tatsächlich ab. Die Wirkung hält allerdings nur vorübergehend an. Schon bei der nächsten Überlastung bereitet die Schulter wieder Probleme. Werden die Ursachen nicht behoben, droht ein Teufelskreis: „Die Schmerzen werden immer stärker, und die Beweglichkeit nimmt immer weiter ab“, sagt Hillmann.
Das hat erhebliche Folgen für die Betroffenen, denn der große Aktionsradius der Schulter ist im Alltag häufig gefordert: beim Anziehen, bei der Körperpflege, beim Putzen, Kochen oder beim Sport. „Die Beweglichkeit des Gelenks ist seine Stärke, gleichzeitig aber auch seine Schwäche“, meint Axel Hillmann. Diese Fähigkeit der Schulter beruht auf deren kleiner Gelenkpfanne. Diese bietet dafür aber nur wenig Halt.
Neigung zur Bequemlichkeit
Stabilität verleiht neben der Bindegewebskapsel vor allem ein Bündel kräftiger Muskeln: die sogenannte Rotatorenmanschette. Doch diese Muskeln neigen zur Bequemlichkeit: Schenkt man ihnen zu wenig Aufmerksamkeit, werden sie recht schnell schlaff. Weil viele Menschen ihre Schultermuskeln im Alltag kaum nutzen, passiert das relativ häufig. „Büßt diese Muskelpartie an Kraft ein, sind Beschwerden gewissermaßen programmiert“, erklärt Professor Joachim Grifka, der Direktor der Orthopädischen Klinik für die Universität Regensburg. Und wenn die Muskeln schwächeln, erhöht sich die Belastung auf anderes Gewebe, insbesondere auf die Sehnenplatte der Rotatorenmanschette und auf die Schleimbeutel, die sie umgeben.
Schleimbeutel in der Klemme
Der Grund: Weil den Muskeln die Kraft fehlt, den Oberarmkopf bei Bewegungen im Schultergelenk ausreichend zu zentrieren, rutscht er bei jeder Bewegung nach oben. Dabei werden Sehnenplatte und Schleimbeutel unter dem knöchernen Schulterdach – einem Teil des Schulterblatts – eingeklemmt. Schon eine einmalige Überlastung kann ausreichen, um eine Entzündung mit Schmerzen auszulösen. Ärzte sprechen dann von einem Impingement-Syndrom. „Das ist mit Abstand das häufigste Schulterproblem bei Menschen über 50 Jahren“, bestätigt Grifka. Ohne Behandlung kann die Sehnenplatte dauerhaften Schaden nehmen. Reißt sie ein oder durch, wird unter Umständen eine Operation nötig.
„So weit sollte es auf keinen Fall kommen. Schließlich lassen sich Schulterprobleme mit wenig Aufwand verhindern“, sagt Joachim Grifka. „Dass man Beschwerden gut mit den richtigen Gymnastikübun gen vorbeugen kann, ist zu wenig bekannt.“ Um das zu ändern, hat der Orthopäde in einem Patientenratgeber Übungen zusammengefasst, welche die vielen verschiedenen Schultermuskeln kräftigen. Beispiele daraus zeigen wir im nächsten Kapitel. „Die Übungen lassen sich zu Hause machen“, sagt Grifka. Bei Beschwerden empfiehlt er, zweimal täglich zu trainieren. Sind die Schmerzen abgeklungen, genügt einmal. Verschlimmern sie sich bei einer Übung, lassen Sie diese weg und sprechen mit Ihrem Arzt.
Dr. Ralph Müller-Gesser / Apotheken Umschau;
22.11.2010
Bildnachweis: Panthermedia/Werner Heiber
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