Dysbalancen: Schmerzhaftes Ungleichgewicht

Sportmediziner machen häufig muskuläre Dysbalancen als Ursache für Überlastungsschäden, hartnäckige Schmerzen und Verletzungen aus

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 03.03.2015

Einseitiges Training bringt das Gleichgewicht zwischen den Muskeln durcheinander

Fotolia/Patrick Hermanns

Noch in den 1980er-Jahren schien so mancher Profisportler einem Superhelden-Comic entsprungen zu sein, so unförmig muteten manche einseitig trainierten Körper an: Tennisspieler, deren Schlagarm doppelt so dick wie die andere Seite war. Fußballer oder Radfahrer mit gewaltigen Muskelbergen am Oberschenkel und vergleichsweise untrainiertem Oberkörper. Solche Auffälligkeiten sind inzwischen selten geworden.

"Es hat sich längst herumgesprochen, dass sportliche Höchstleistungen ein muskuläres Gleichgewicht voraussetzen", sagt der Sportmediziner Dr. Leonard Fraunberger, der die sportmedizinische Untersuchungsstelle am Institut für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen leitet. "Zudem macht ein ausgewogenes Training, das alle Muskeln berücksichtigt, weniger anfällig für Verletzungen und Überlastungsschäden." Letztlich geht es um ein harmonisches Miteinander, bei dem weder die rechte noch die linke, weder die obere noch die untere Körperhälfte dominiert.


Harmonisches Miteinander

Der menschliche Körper besteht zu bis zu 40 Prozent aus Muskeln. Viele von ihnen hat die Evolution für den aufrechten Gang vorgesehen. Ihr ausgewogenes Kräfteverhältnis sorgt dafür, dass uns Stehen nicht sonderlich anstrengt und Bänder, Kapseln sowie Gelenken möglichst wenig abverlangt. "Im Idealfall herrscht zwischen jedem Muskel und seinen Gegenspielern eine Art Kräftegleichgewicht", erklärt Dr. Werner Krutsch, Kniechirurg von der Universität Regensburg und Verbandsarzt des Bayerischen Fußballverbands. Beim Bestimmen einer muskulären Dysbalance, wie Ärzte ein solches Ungleichgewicht nennen, spielt nicht nur der Muskelumfang eine Rolle – ebenso von Bedeutung sind Dehnbarkeit und Funktionalität eines Muskels.

Verkürzte Muskeln stören Gleichgewicht

Am häufigsten bringt einseitiges Training das Muskelgleichgewicht durcheinander. "Werden bestimmte Muskeln stärker beansprucht als andere, gewinnen sie an Kraft, bis sie ihre Gegenspieler dominieren", sagt Krutsch. Als problematisch hat sich darüber hinaus erwiesen, wenn Sportler zu wenig dehnen: Denn auch verkürzte Muskeln stören das Gleichgewicht, führen zu Fehlhaltungen und letztlich zu Beschwerden. "Ein klassisches Beispiel sind jene Muskeln, die die Hüfte beugen", stellt Krutsch fest.

Sind die Hüftbeuger verkürzt, mindert dies die Beweglichkeit von Hüfte und Knie. Haltungsänderungen der Wirbelsäule, Schmerzen und  Muskelverspannungen treten auf. Bänder, Kapseln und Gelenkknorpel werden intensiver belastet und verschleißen stärker. Ähnliche Folgen können unkorrigierte Fehlstellungen des Fußes sowie eine falsche Technik oder Position beim Training haben.

Beispiel: ein zu tiefer Lenker beim Rennradfahren. "Sollte die Rumpfmuskulatur nicht ausreichend stark sein, kippt das Becken nach vorne und die Hüftbeuger verkürzen sich", erklärt Fraunberger, selbst begeisterter Triathlet. Dies behindert nicht nur die Kraftübertragung auf die Pedale, sodass die sportliche Leistung zurückgeht, sondern führt mitunter auch zu Rückenschmerzen.

Schwere Verletzungen möglich

"Bei Fußballern herrscht oft zwischen vorderen und hinteren Oberschenkelmuskeln ein Ungleichgewicht", macht Krutsch auf eine typische Problemzone aufmerksam. "Die hinteren sind stark verkürzt und deutlich zu schwach." Mit teilweise dramatischen Folgen: Normalerweise stabilisieren die hinteren Muskeln bei der Landung nach einem Sprung das Knie. "Sie bewahren den Oberschenkel davor, zu weit nach vorne zu rutschen", erklärt Krutsch. "Sind die Muskeln zu schwach, können sie das nicht leisten. Mitunter nimmt die Spannung auf das vordere Kreuzband so zu, dass es reißt."

Darüber hinaus resultieren so manche Überlastungsbeschwerden aus einem muskulären Ungleichgewicht. "Am Schambein setzen die inneren Oberschenkelmuskeln, die Adduktoren, sowie die Bauchmuskeln an", erklärt Krutsch. Viele Sportler trainieren diese Muskeln intensiver als die Gegenspieler am Rücken. Das Missverhältnis kann hartnäckige Entzündungen nach sich ziehen.

Muskuläre Dysbalancen erkennen

Nicht immer stechen muskuläre Dysbalancen ins Auge. Daher sucht ein Arzt im Rahmen einer gründlichen körperlichen Untersuchung auch nach weniger offensichtlichen Hinweisen, unter anderem mit Tests, die Aufschluss über die Beweglichkeit von Gelenken, über die Länge von Muskeln und ihre Dehnbarkeit geben. Auch Haltung und Gangbild beurteilt der Arzt.

Ergänzend lohnt sich die Suche nach Blockaden von Wirbelgelenken, des Iliosakralgelenks zwischen Rücken und Becken sowie nach Fußfehlstellungen. Sogenannte funktionelle Tests wie Sprungtests klären über die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf – genau wie biomechanische Messungen. "So lässt sich mit entsprechenden Geräten zum Beispiel untersuchen, ob ein Fahrradfahrer beim Treten mit beiden Beinen die gleiche Kraft entwickelt", erklärt Fraunberger. Oder ein Schwimmer mit beiden Armen ähnlich stark krault.

Vorbeugen: Vielseitig und ausgewogen trainieren

Unterschiedlich dicke Tennisarme sind aus dem Leistungssport so gut wie verschwunden. Und auch in anderen Sportarten sind längst neue Zeiten angebrochen. "Im professionellen Fußball hat sich das Training grundsätzlich verändert", berichtet Krutsch, der aus eigener Erfahrung den professionellen Fußballbetrieb kennt. Sogar die Internationale Fußballvereinigung FIFA hat sich des Problems angenommen und ein spezielles Präventionsprogramm entwickelt.

Krutsch: "Es ist dafür konzipiert, muskuläre Dysbalancen zu vermeiden und die Verletzungsanfälligkeit zu senken." Davon profitieren nicht nur Profis, sondern auch Amateure. Grundsätzlich sollte ein Trainingsprogramm, das muskulären Dysbalancen vorbeugt, abwechslungsreich sein und neben Kräftigungs-, auch Gleichgewichts-, Koordinations- und Laufübungen enthalten.

Zudem gilt es, typischen Problemzonen wie Hüftbeugern und Rückenmuskeln besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Interessierte Sportler können sich von Sportmedizinern auf Dysbalancen untersuchen lassen. Entsprechende Übungsprogramme stellen Physiotherapeuten, Krankengymnasten oder Sportlehrer zusammen.



Bildnachweis: Fotolia/Patrick Hermanns

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