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Gähnen wirkt ansteckend

Jeder tut es: Gähnen. Wissenschaftler rätseln nach wie vor über die Gründe


Wenn einer gähnt, dann macht der andere schnell mit

Also, dieser Text beschäftigt sich mit dem Gähnen. Oh – das finden Sie zum Gähnen? Das kann durchaus an diesem zugegebenermaßen wenig spannenden Einleitungssatz liegen. Aber wenn bereits die Erwähnung des Wortes Gähnen bei Ihnen ebensolches auslöst, verrät dies auch etwas über Sie: Sie sind ein einfühlsamer Mensch.

Gähnen ist ansteckend. Oft müssen wir dazu gar nicht auf den weit aufgerissenen Mund unseres Gegenübers blicken. Schon das typische Geräusch, das Lesen darüber oder der Gedanke daran lösen bei gut jedem zweiten Erwachsenen innerhalb von kurzer Zeit den unwiderstehlichen Drang aus, es ebenfalls zu tun.


Dass dieser Drang Einfühlungsvermögen voraussetzt, bestätigt eine aktuelle Studie aus den USA. Die Wissenschaftler testeten, wie Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren reagieren, wenn ihnen Erwachsene etwas vorgähnen. Sie fanden heraus, dass sich die meisten erst im Alter von vier Jahren dazu anregen ließen, dem Beispiel zu folgen. Erst dann entwickeln sie auch langsam Selbstwahrnehmung und Einfühlungsvermögen.

Ein weiteres Experiment er gab, dass autistische Kinder und Jugendliche je nach Schwere ihrer Erkrankung deutlich seltener auf das Gähnen anderer ansprechen. Als besonders empathisch erwiesen sich in einer weiteren Untersuchung Hunde: 70 Prozent der tierischen Hausgenossen lassen sich von einem herzhaften Gähnen ihres Besitzers mitreißen – auf ihre Artgenossen reagieren sie nicht.

Forscher haben viel Interessantes über das Phänomen zusammengetragen: Rund 240.000 Mal gähnt ein Mensch im Lauf des Lebens, jeweils fünf bis zehn Sekunden lang. Schon Ungeborene tun es im Mutterleib. 14 Wochen alte Babys gähnen und strecken sich etwa dreimal so häufig wie Erwachsene.

Wir gähnen abends, wenn wir müde, und morgens, wenn wir ausgeschlafen sind, wenn wir Hunger haben oder unter Anspannung stehen. Bleibt die Frage: Warum tun wir das? Die Antworten darauf sind bislang kaum zufriedenstellend. Daran änderte auch die „Erste Internationale Konferenz zum Gähnen“ nicht viel, zu der sich Psychologen, Ärzte und Hirnforscher im vergangenen Sommer in Paris versammelt hatten.

„Nach meiner Theorie hat Gähnen einen ausgleichenden Effekt. Es entspannt, wenn man gestresst ist, und regt bei Müdigkeit an“, so die recht allgemeine Erkenntnis des französischen Arztes und Kongressorganisators Dr. Olivier Walusinski.

Verworfene Theorien

Einige frühere Erklärungsversuche sind längst widerlegt. Durch das Luftholen mit weit aufgesperrtem Mund soll ein Sauerstoffmangel ausgeglichen werden, lautete eine Theorie. Einer genauen Überprüfung hielt sie nicht stand. Wurde in Experimenten Luft oder reiner Sauerstoff eingeatmet, beeinflusste dies die Gähnhäufigkeit der Studienteilnehmer nicht.

Gähnen kühlt das Hirn und macht auf diese Weise munter, vermuteten die amerikanischen Psychologen Gordon und Andrew Gallup. Deshalb könnte eine Kühlpackung auf der Stirn das Bedürfnis zu gähnen unterdrücken. Doch auch dieser Erklärungsversuch gilt mittlerweile als unsicher. Erste Messungen zeigten keine Temperaturunterschiede im Gehirn, ganz gleich ob sich jemand der ungenierten Räkelei hingab oder nicht.

Der Neurowissenschaftler Dr. Adrian Guggisberg von der Universitätsklinik Genf findet nach intensiven Studien keine wissenschaftlichen Hinweise auf eine physiologische Bedeutung des Gähnens, sieht aber die zwischenmenschliche bestätigt: „Auch soziale Funktionen können so wichtig sein, dass sie im Lauf der Evolution Bestand haben.“

Manche Völkerkundler und Verhaltensforscher vermuten, dass Gähnen in frühen Gesellschaften eine ansteckende Müdigkeit erzeugte und so den gemeinsamen Schlaf einleitete. Seine Schlafenszeiten bestimmt heute jeder individuell, doch dem kollektiven Schlafsignal kann auch der Mensch der Neuzeit nur schwer widerstehen.



Maria Haas / Apotheken Umschau; 21.03.2011
Bildnachweis: Your Photo Today/Superbild Bildagentur GbR/PHANIE, Juniors Bildarchiv/Artlist

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