Hat Großmama wirklich immer recht? Volksweisheiten werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Und so mancher Irrtum hat sich eingeschlichen
1. „Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1000 Schritte tun.“
Ja was denn nun? Das hängt davon ab, wie viel Sie gegessen haben. „Nach einer üppigen Mahlzeit empfiehlt sich eher eine kleine Ruhepause“, sagt Dr. Lothar Schmittdiel, Allgemeinarzt aus München. Denn im Magen-Darm-Trakt werden die Nahrungsbestandteile zerlegt, Nährstoffe daraus gewonnen und vom Körper weiterverarbeitet. Diese Aufgaben lasten den Organismus ziemlich aus, zugleich wird der Blutfluss größtenteils in den Verdauungstrakt umgeleitet. Beides bewirkt, dass wir uns nach dem Essen müde fühlen und uns schlechter konzentrieren können. Zeit für ein Nickerchen! Haben Sie dagegen nur eine leichte Mahlzeit zu sich genommen, können Sie getrost einen Spaziergang machen.
2. „Schlechte Zähne werden vererbt.“
Diese Weisheit ist, was Karies betrifft, falsch. „Kariöse Zähne werden nicht vererbt, treten allerdings in Familien gehäuft auf“, erklärt Dr. Joachim Hüttmann, Zahnarzt aus Bad Segeberg. Schuld sind nicht die Gene, sondern schlechte Angewohnheiten. Hat die Mutter Karies, leckt den Breilöffel ab und füttert damit anschließend das Kind, dann überträgt sie die Kariesbakterien auf das Kleine. Dies passiert ebenfalls, wenn mehrere Familienmitglieder die gleiche Zahnbürste benutzen. Etwas anders sieht es bei Parodontitis aus. „Es gibt erblich bedingte Immundefekte, die als Teilursache dieser Erkrankung gelten“, weiß Hüttmann. Besteht eine entsprechende genetische Veranlagung, bekommt das Immunsystem die Entzündung in der Mundhöhle weniger gut in den Griff.
3. „Zecken betäubt man mit Alkohol oder Öl, dann dreht man sie nach links heraus.“
Diese Methode probieren Sie besser nicht aus. „Versuchen Sie, die Zecke in Alkohol oder Öl zu ertränken, übergibt sich das Tier häufig“, warnt Allgemeinarzt Schmittdiel. Dabei kann es mit seinem Speichel Borreliose- oder FSME-Erreger auf den Mensch übertragen. Beim Versuch, den kleinen Blutsauger herauszudrehen, bleibt der Kopf der Zecke oft in der Einstichstelle. Ziehen Sie das Spinnentier mit einer feinen Pinzette, einer Zeckenzange oder –karte vorsichtig aber beständig heraus. Desinfizieren Sie die Stelle anschließend und beobachten Sie diese einige Tage. Denn Borreliose kann sich durch eine ringförmige Rötung äußern, die um den Zeckenstich auftritt.
4. „Wer rastet, der rostet.“
„Dieses Sprichwort ist absolut richtig“, sagt Experte Schmittdiel. Bewegungsmangel gilt als Mitverursacher zahlreicher Krankheiten – von Arteriosklerose bis Diabetes. Zudem verschlimmern sich Gelenkbeschwerden wie Arthrose. „Wenn Sie das Gelenk schonen, setzen knorpelabbauende Prozesse ein“, gibt der Münchner Allgemeinarzt zu bedenken. In Folge versteifen die Gelenke zunehmend. Deshalb: Bewegen, bewegen, bewegen! Sie müssen keine sportliche Höchstleistung vollbringen. Passen Sie das Training an Ihre individuellen Bedürfnisse an. Wenn Sie bereits an Krankheiten leiden oder lange inaktiv waren, sprechen Sie vor dem Start besser mit Ihrem Arzt. Ihre Gesundheit profitiert bereits, wenn Sie dreimal die Woche eine halbe Stunde flott gehen. Das bringt den Stoffwechsel auf Trab, trainiert das Herz-Kreislauf-System und "schmiert" die Gelenke.
5. „Wer Zugluft abbekommt, wird leichter krank.“
Bezogen auf einen steifen Hals trifft dieser Spruch eindeutig zu. „Zugluft kann zu verspannten Muskeln und damit zu Nackenschmerzen führen“, bestätigt Schmittdiel. Ob Sie allerdings eher eine Erkältung bekommen, wenn Sie eine kühle Brise umgibt, ist unter Wissenschaftlern umstritten. „Es gibt durchaus Menschen, die empfindlich auf Zugluft reagieren, aber das lässt sich nicht verallgemeinern“, sagt der Allgemeinarzt. Experten begründen einen möglichen Zusammenhang so: Ist der Körper plötzlich zugiger, kalter Luft ausgesetzt, kann er sich manchmal nicht schnell genug an den Temperaturunterschied anpassen. Wird er leicht unterkühlt, kann dies das Immunsystem schwächen und damit Schnupfen und Husten begünstigen. Außerdem wird bei Kälte die Nasenschleimhaut schlechter durchblutet, was die lokale Immunabwehr beeinträchtigt. Erkältungsviren können dann leichter in die Schleimhaut eindringen.
6. „Wunden heilen an der Luft am besten. Bloß kein Pflaster darauf kleben!“
Stimmt nur zum Teil. „Handelt es sich um eine kleine Schürf- oder Schnittwunde, die nicht verdreckt ist, darf sie an der Luft heilen“, erklärt Dr. Heiko Grimme, Hautarzt aus Stuttgart. Befinden sich Steinchen oder Dreck darin, sollten Sie die Wunde unter fließendem Leitungswasser reinigen, anschließend desinfizieren und ein Pflaster darauf kleben. Bei größeren Verletzungen, Platz- und Bisswunden unbedingt einen Arzt aufsuchen. Dies gilt auch, wenn die Wunde nicht von selbst verheilt oder Ihre letzte Tetanusimpfung mehr als zehn Jahre zurückliegt. Komplizierte Wunden, zu denen beispielsweise ein offenes Bein zählt, verheilen laut Grimme in einem feuchten Milieu am besten. Spezielle Wundauflagen halten die verletzte Stelle feucht und regen die Wundheilung an.
7. „Wer sich häufig rasiert, dessen Haare wachsen schneller nach.“
Trifft nicht zu. „Die Tätigkeit der Haarwurzel wird durch Rasieren nicht beeinflusst“, sagt Dermatologe Grimme. Jedoch spüren Sie die nachwachsenden Haare mehr, wenn Sie sich rasiert haben. Der Grund: Die Klinge schneidet die Härchen oben glatt ab, deshalb sind sie an der Spitze dicker und fühlen sich borstig an. Normal sprießende Haare sind oben dünner und feiner.
8. „Schlechtes Licht verdirbt die Augen.“
Falsch! „Wenn Sie unter der Bettdecke bei Schlummerlicht lesen, schadet das den Augen nicht“, beruhigt Dr. Georg Eckert, Augenarzt aus Senden. Allerdings: Haben Sie einen kleinen Sehfehler, sind Sie also zum Beispiel etwas weitsichtig, dann macht sich dieser bei schlechtem Licht sofort bemerkbar. Gehen Sie deshalb zum Augenarzt, wenn die Buchstaben bei Kerzenschein verschwimmen.
9. „Wer die Beine übereinander schlägt, riskiert Krampfadern.“
Hierfür gibt es keine Belege. Es stimmt zwar, dass die Venen ein wenig abgequetscht werden, wenn Sie das Bein über das andere schlagen. „Ob Sie dadurch aber Krampfadern bekommen können, wurde schlichtweg noch nicht wissenschaftlich untersucht“, so Dr. Andrea Dietrich, Dermatologin und Venenspezialistin aus Stuttgart. Ihre Vermutung: Schlagen Sie andauernd die Beine übereinander, kann dies langfristig eventuell zu einem Venenleiden beitragen. Haben Sie jedoch keine Veranlagung zu Krampfadern, dürfen Sie gerne mal wie die Fernsehmoderatoren dasitzen – ohne schlechtes Gewissen.
10. „Setz dich gerade hin, dann kriegst du keine Kreuzschmerzen.“
Von wegen! Hocken Sie den ganzen Tag wie ein Zinnsoldat da und starren auf den Computer, dann verspannt sich Ihre Nackenmuskulatur. Die Folge: Nackenschmerzen. Aber auch gebückt sollten Sie nicht am Tisch sitzen, sonst fängt der Rücken an zu zwacken. „Rückenschmerzen treten auf, wenn Sie lange Zeit die gleiche Sitzposition beibehalten und sich nicht bewegen“, fasst Allgemeinarzt Lothar Schmittdiel zusammen. Vermeiden Sie solche Beschwerden, indem Sie Ihre Haltung öfters ändern. Stehen Sie zwischendurch auf und vertreten Sie sich die Beine regelmäßig. Das lockert die Rückenmuskeln.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
19.08.2011, aktualisiert am 19.08.2011
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY
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