Wie sicher sind Operationsverfahren?

Im Operationssaal gelten viele Methoden als Standard, obwohl sie nie wissenschaftlich untersucht wurden. Das birgt Risiken. Was sich ändern sollte

von Sonja Gibis, aktualisiert am 19.01.2016

Den Arzt unter die Lupe nehmen: Sollten OP-Methoden öfter hinterfragt werden?

W&B/Nina Schneider

Ende der 90er-Jahre in vielen deutschen OP-­Sälen: Robodoc fräst sich in arthrotische Hüften. Stabil und passgenau, so das Versprechen der Kliniken, soll das künstliche Gelenk danach sitzen. Doch dem Chirurgen aus Stahl fehlte das Fingerspitzengefühl. Manche Patienten, die mit dem computergestützten System operiert wurden, konnten danach vor Schmerzen kaum gehen. Es regnete Klagen. Robo­doc wurde schließlich aus dem Operationssaal verbannt – nach mehr als 10.000 eingesetzten Gelenken.

Auch rund zehn Jahre nach dem Skandal preisen Kliniken neue Verfahren teils im Boulevardstil an: hightech und hochmodern. Viele Patienten fliegen darauf. Schließlich will jeder von den Fortschritten der Medizin profitieren. Was kaum jemand sagt: Neu, das kann im OP auch experimentell bedeuten, ungeprüft und technisch nicht ausgereift. Ein Arzneimittel muss in aufwendigen Studien beweisen, dass es wirksam und unbedenklich ist. Erst dann wird es zugelassen. Anders, wenn ein Skalpell, Katheter oder Endoskop zum Einsatz kommt. Kann ein Mediziner zeigen, dass eine Methode "medizinisches Potenzial" hat und praktisch machbar ist, darf er sie anwenden.


In den USA hinterfragt man Innovationen eher

"Im OP herrscht quasi künstlerische Freiheit", sagt Stefan Sauerland vom IQWiG, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Als Leiter des Ressorts nichtmedikamentöse Verfahren stellt er Methoden auf den Prüfstand. Dabei zeigt sich immer wieder: Sie halten nicht, was Ärzte versprechen. Etwa die Arthroskopie. Knirscht es im Knie, spülen und glätten Orthopäden oft den Knorpel. Im Test fiel die Methode bei isoliertem Gelenkverschleiß durch. Nicht selten zeigt erst eine Studie aus dem Ausland, ob die Mediziner richtig liegen.

Viele Untersuchungen kommen aus England oder Skandinavien. Auch in den USA hinterfragt man Innova­tio­nen eher, vor allem wenn ein Medizin­produkt eingesetzt wird. Dann sind dort strengere Studien nötig. "Bis das Ergebnis vorliegt, herrscht in Deutschland Wildwuchs", sagt Sauerland. Nicht selten sind die Patienten die Leidtragenden. Wie beim kabellosen Herzschrittmacher, der per Katheter eingesetzt werden kann. In den USA noch nicht zugelassen, wurde er hierzulande bereits implantiert. Viele Kardiologen waren euphorisch. Doch dann der Dämpfer: Es kam zu schweren Komplikationen und sogar Todesfällen.

Methoden schneller überprüfen lassen

Könnte ein Fall Robodoc also heute wieder passieren? "Unmöglich ist es nicht", sagt Sauerland vorsichtig, "Denn das hängt allein vom Verantwortungsbewusstsein der Chirurgen ab." Professor Edmund Neugebauer, Direktor des Instituts für Forschung in der Operativen Medizin und Lehrstuhlinhaber für chirurgische Forschung, ist optimistischer.

"In der Chirurgie bewegt sich was", sagt er. Robodoc operierte zehn Jahre lang ungeprüft. "So etwas würde heute von der Fachwelt geächtet." Viel eher als früher seien Chirurgen bereit, ihr Vorgehen überprüfen zu lassen. "Vorbildlich" nennt Neugebauer etwa das Studiennetz CHIR-Net. Es unterstützt Kliniken darin, Studien zu planen, und schafft die Infrastruktur, um sie vernetzt durchzuführen. ­Etwa 250 Krankenhäuser nehmen bereits teil.

Dass sich im OP etwas ändert, bemerkt auch Professor Karsten Ridwelski, Geschäftsführer des AN-Instituts für Qualitätssicherung in der Chirurgie an der Universität Magdeburg. Zwar bestätigt der Chirurg, dass "viele operative Verfahren als Methode der Wahl gelten, ohne je hinterfragt worden zu sein". Neue Verfahren kämen heute aber schneller auf den Prüfstand. Auch das AN-Institut hat einige Projekte angestoßen, um chirurgische Methoden zu untersuchen – neue und ältere. "Als wir das Institut 1998 gründeten, waren wir Außenseiter", sagt Ridwelski. Heute liege das ­Bemühen um gesicherte Qualität im Trend. Dennoch: Von der Strenge der Arzneimittelstudien sind die Tests von nichtmedikamentösen Verfahren weit entfernt. Eine Verpflichtung dazu gibt es nicht.

Kann man OP-Methoden wie Arzneien testen?

Manche Experten bestreiten, dass sich invasive Methoden überhaupt ähnlich testen lassen wie Arzneien. So muss jedes Medikament beweisen, dass es besser wirkt als ein Placebo, also ein Scheinmedikament. Doch soll man Patienten zum Schein operieren? Neugebauer lässt das Argument nicht gelten: "Fast immer existieren etablierte Methoden, mit denen man ein neues Verfahren vergleichen kann."

Manchmal wird ein neues Verfahren auch deshalb nicht getes­tet, weil alle es für klar überlegen halten. Doch der Schein kann trügen. Ein Beispiel ist die Entfernung der Gallenblase. Statt einen großen Schnitt zu setzen, begannen Chirurgen Ende der 80er-Jahre durch mehrere kleine Löcher zu operieren. Die Schlüssellochtechnik war schnell ein Renner.

Schlüsselloch-OPs sind heute Standard

Neugebauer wollte eine Studie durchführen. "Keiner hatte Interesse", erinnert er sich. Nicht die Ärzte, nicht die Patienten. Auch sie waren zu begeistert von der neuen Methode. Dann nahm eine englische Studie das Verfahren unter die Lupe – und fand keine Vorteile. Bald zeigte sich, dass es sogar öfter zu gefährlichen Verletzungen kam. Denn leider führten auch ungeübte Operateure die kleinen Schnitte durch.

Seither wurde die Technik extrem verfeinert. Heute ist die Schlüsselloch-OP eine sichere Methode und bei der Entfernung der Gallenblase Standard. Für Neugebauer gibt es dennoch nur einen Weg zu einer sicheren Medizin: "Studien, Studien, Studien!" Doch dazu braucht es die Bereitschaft, daran teilzunehmen. Manche Patienten haben noch immer Bedenken. Völlig zu Unrecht, wie Neugebauer findet. Wer an einer Studie teilnimmt, wird statistisch gesehen sogar besser versorgt. Auch das haben Studien gezeigt.


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Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

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