Wie Profis von Hobby-Forschern profitieren

Sterne zählen oder Feinstaub messen: Laien unterstützen die Forschung. Eine Auswahl an Projekten und was Hobby-Wissenschaftler antreibt

von Dr. Christian Heinrich, aktualisiert am 22.01.2016

Ein Plus für die Forschung: Laien können Profis bei der Arbeit unterstützen

Stockbyte, PhotoDisc/ RYF

Manchmal, spätabends, auf dem Weg von einer Feier nach Hause, verwandelt sich Tamás C. in einen Wissenschaftler. Für ein paar Minuten. Ganz spontan. Dann startet der 37-Jährige die App „Verlust der Nacht“, hält sein Smartphone in den Himmel und gibt an, welche der auf dem Display angezeigten Sterne er auch wirklich sieht.

Sein Engagement erlaubt dem Forscherteam, das die App betreibt, Rückschlüsse auf die Lichtverschmutzung. Messung für Messung wird erfasst, wie viel künstliche Beleuchtung nachts in den Himmel strahlt und so eine Art Lichtverschmutzung schafft. Weltweit nutzen Tausende Menschen die App und zeichnen damit eine zunehmend detailliertere Weltkarte dieses Problems. Sie wirken mit an der Erforschung eines Phänomens, das sich negativ auf die innere, biologische Uhr von uns allen auswirken kann.

Tamás C. arbeitet in der Maschinenbaubranche. In seiner Freizeit aber hat er sich schon immer mit Astronomie beschäftigt, er besitzt mehrere Teleskope, beobachtet regelmäßig die Sterne. Als er vor anderthalb Jahren im Internet auf das App-Projekt „Verlust der Nacht“ stößt, ist Tamás C. fasziniert – und macht mit. Er wird damit weder zum Astronomen noch zum Wissenschaftler. Aber er ist an der Forschung beteiligt.


60 Bürgerforschungsprojekte in Deutschland

Bürgerforscher wie Tamás C. gibt es mittlerweile viele. Sie fangen Mücken und senden sie an die Macher eines Mückenatlas. Sie dokumentieren an Nord- und Ostsee angeschwemmten Plastikmüll. Sie suchen auf den Fotos automatischer Kameras nach Wildtieren. Sie blättern in alten Schiffslogbüchern, um handschriftliche Wetteraufzeichnungen zu finden. Mehr als 60 Bürgerforschungsprojekte haben Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen in Deutschland inzwischen ins Leben gerufen. Mitmachen kann dabei jeder.

Besonders in den letzten Jahren ist die „Citizen Science“, wie der Forschungszweig im englischsprachigen Raum genannt wird, enorm gewachsen. Kein Wunder: Dank der digitalen Vernetzung und vor allem der Ausbreitung der Smartphones hat jeder eine kleine Forschungsstation dabei, immer und überall, Kamera zur Dokumentation gleich inklusive.

Längst profitiert die seriöse Forschung davon. Auch Publikationen in renommierten Fachjournalen, die auf von Laien erhobenen Daten basieren, sind keine Seltenheit mehr. So veröffentlichten im Jahr 2012 Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig und Halle im Magazin Nature Climate Change eine Analyse zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Vögel und Schmetterlinge. Dank Hunderttausender Meldungen von vielen Laien kam heraus, dass sich die Lebensräume der Schmetterlinge wegen der Temperaturveränderungen ein Stück weit verschoben haben.

Das gute Gefühl, an etwas mitzuarbeiten

Die Bürgerforschung eröffnet den Zugang zu Daten, die sonst niemals erhoben werden könnten. Die Berufswissenschaft hätte dazu weder das Personal noch das Geld. Sie ist nämlich sehr teuer geworden und befasst sich oft mit hochgradig abstrakten und speziellen Fachproblemen. „Da sind Bürgerwissenschaftler in vielen Feldern die ideale Ergänzung“, sagt Peter Finke, ehemaliger Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld und Verfasser des Buches „Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien“.

Den Hobby-Forschern bringt ihr Engagement vor allem eines: das gute Gefühl, an etwas mitzuarbeiten, das irgendwann einmal sehr vielen Menschen nützen wird. Corinna B. will aktiv die Luftqualität in ihrem Wohnort Berlin verbessern und beteiligt sich deshalb an dem europäischen Projekt ispex. Für die Aktion „Wie sauber ist der Himmel über Berlin?“ hat sie von Anfang September bis Mitte Oktober mehrmals täglich die Feinstaubbelastung gemessen. Dafür nutzte sie eine kleine schwarze Box, die sich auf das Smartphone stecken lässt und die jedem zugeschickt wurde, der sich online für das Projekt anmeldete. 30 Sekunden dauert es nur, dann hat das Gerät alle notwendigen Werte erfasst. Ein geringer zeitlicher Aufwand, den die Veranstaltungsorganisatorin Corinna B. gerne in Kauf nimmt: „Ich halte Luftverschmutzung für ein unterschätztes Problem und leide auch selbst manchmal darunter.“


Projekte von Hobby-Forschern

  • Tamas Csaba
    W&B/Claus Morgenstern

    Sterne gucken

    Schon als Kind blickte Hobbyastronom Tamás C. gerne durch sein Teleskop in den Himmel. Heute überprüft der 37-Jährige nachts die Helligkeit in seinem Wohnort Trier. Mithilfe einer speziellen App auf seinem Handy misst er für ein weltweites Forschungsprojekt den Grad der Lichtverschmutzung.

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  • Corinna Bobzien
    W&B/Sven Döring

    Feinstaub messen

    Corinna B. ärgert es, dass die Luftqualität in ihrer Heimatstadt stetig abnimmt. Als sie von dem Projekt „Wie sauber ist der Himmel über Berlin?“ hört, wollte sie sofort dabei sein. Mit ihrem Smartphone und einem speziellen Mini-Gerät hat die 43-Jährige mehrmals täglich Werte wie die Feinstaubbelastung dokumentiert.

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  • Ralph Ohlhoff
    W&B/Sven Döring

    Bachläufe überwachen

    Pflanzen, die nach Deutschland einwandern, bedrohen die heimische Flora und manchmal auch unsere Gesundheit. Der 49-jährige Tischler Ralph-Thomas O. aus Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) kontrolliert regelmäßig Bachläufe im Harz und meldet Pflanzen, die nicht dorthin gehören.

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  • Stefanie Tölpel
    W&B/Claus Morgenstern

    Babys beobachten

    Stefanie T. aus Leutkirch im Allgäu hat die Fortschritte ihrer Tochter genau dokumentiert: vom ersten Drehen bis zum selbstständigen Gehen. Das soll dazu beitragen, die veralteten Normtabellen für die frühkindliche Entwicklung zu aktualisieren.

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Einen eigenen Beitrag zur Forschung leisten

„Mein Engagement gibt mir das Gefühl, zumindest einen kleinen Beitrag zum Schutz der heimischen Natur, der Gesundheit und zur Forschung geleistet zu haben“, sagt auch Ralph-Thomas O. Frühmorgens, im noch dichten Nebel, stapft der Tischler an Bachläufen des Harzes entlang und sucht nach Pflanzen, die dort eigentlich nicht hingehören. Nach Riesenbärenklau, Stinktierkohl, Staudenknöterich.

Die eingewanderten Pflanzen verdrängen die heimische Vegetation. Einige sind giftig, andere führen zu Hautreizungen und allergischen Reaktionen. Ralph-Thomas O. meldet seine Funde der Koordinierungsstelle in Sachsen-Anhalt, die daraufhin aktiv wird: „Wir haben schon mehrere Male Pflanzen entfernen lassen – der Riesenbärenklau zum Beispiel erhöht nach Berührung bei Menschen die Sonnenempfindlichkeit der Haut, was nach Sonneneinstrahlung zu Verbrennungen mit Narbenbildung führen kann“, sagt Katrin Schneider, eine der Koordinatorinnen dieses Projekts.

Bürgerforschung hat ihre Grenzen

Doch wie verlässlich sind die Daten von Bürgern? Kein professioneller Forscher kontrolliert am Ende, ob beispielsweise der Hobbyastronom Tamás C. es wirklich schafft, alle Sterne korrekt zuzuordnen. „Bürgerforschung kann wunderbar funktionieren, hat aber ihre Grenzen“, sagt Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, der auch das Schmetterlings-Projekt mitbetreute. „Die Aufgaben dürfen nicht zu komplex sein, sonst kann es zu fehlerhaften Messwerten kommen.“

Zudem müsse das Projekt eine gewisse Attraktivität haben: „Beim Beobachten von Schmetterlingen machen mehr Menschen mit als beim Zählen von Würmern.“ Auch Finke schreibt in seinem Buch: „Ist der Gegenstand der Forschung sehr abstrakt oder in besonders hohem Maße von teuren Geräten oder gar Laboren abhängig, kann Bürgerforschung mit der professionellen Wissenschaft nicht mithalten.“

Andererseits gibt es Vorhaben, die ohne Laienbeteiligung gar nicht zu realisieren wären. Um die globale Lichtverschmutzung oder die Abgase in Berlin ähnlich gut messen zu können wie mithilfe von Bürgern, müsste man eine große Menge an Sensoren zur Verfügung haben, die man regelmäßig ab- und an anderer Stelle wieder aufbaut – logistisch und finanziell kaum möglich. Freiwillige, die quasi wie umherlaufende Sensoren agieren, sind hier von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft.

Das zeigt aber auch, was alle Bürgerforscher letztlich überwiegend sind: nämlich Datensammler und -sortierer. Wissenschaftler konzipieren die Projekte und werten die Daten aus. Das ist gar nichts Verwerfliches, sondern eine naheliegende Rollenteilung. Degradiert dadurch fühlen sich die wenigsten Bürgerforscher. Schließlich erledigt sich auch eine vernünftige Datenerfassung meist nicht mit einem Knopfdruck, sondern erfordert durchaus Verständnis für die Materie – oder professionelles Know how, Einblicke und Erfahrungen.

Buch über das eigene Leben führen

Beim Projekt Migräne-Radar etwa führen Patienten Buch über jede ihrer Kopfschmerzattacken. Wann und wo genau treten sie auf? Wie heftig sind die Beschwerden auf einer Skala von eins bis zehn? Welche Begleiterscheinungen gibt es? Solche Angaben lassen sich nicht mit Geräten gewinnen. Mit dem Projekt wollen Mediziner mehr über die genauen Auslöser von Migräneattacken erfahren.

Auch Stefanie T. hat Buch geführt über ihr eigenes Leben, ihren persönlichen Alltag. Für das Projekt „Meilensteine der motorischen Entwicklung im Kleinkindalter“ dokumentierte sie die Fortschritte ihrer kleinen Tochter: das erste Drehen, das erste Krabbeln, der erste Schritt. „Als Mutter fühlt man sich ohnehin mit allen anderen Eltern irgendwie verbunden. Man geht den gleichen Weg, man zieht seine Kinder groß – ein Mammutprojekt.“ Die Beobachtungen vieler Mütter und Väter sollen dazu beitragen, die Normtabellen für die frühkindliche Entwicklung zu aktualisieren. Zudem soll geklärt werden, welchen Einfluss etwa die außerfamiliäre Betreuung, Babyschwimmstunden, die Anzahl der Geschwister und das Stillen haben.

Und für manche Projekte geben Bürger sogar den entscheidenden Anstoß. „Die besten Ideen zu neuen Modellen für den Umgang mit der wachsenden Zahl alter Leute kommen nicht etwa von Gerontologen oder Soziologen“, meint Experte Finke. „Sehr oft sind es Menschen, die sich in diesem Bereich auskennen und persönliche Erfahrungen einbringen können.“ So hat zum Beispiel die Bürgergemeinschaft Eichstetten in Baden-Württemberg mehrere wissenschaftlich begleitete Projekte aufgebaut, in denen Alt und Jung zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen. Es waren vor allem Laien, die nützliche und praxisnahe Ideen bei der Planung einbrachten.



Bildnachweis: Stockbyte, PhotoDisc/ RYF, W&B/Claus Morgenstern, W&B/Sven Döring

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