Wie Ärzte ihre Patienten aufklären müssen

Wie läuft die Operation ab? Welche Risiken bestehen? Bevor ein Arzt einen medizinischen Eingriff vornimmt, muss ein ausführliches Gespräch stattfinden. Was Patienten wissen sollten

von Dr. Ralph Müller-Gesser, aktualisiert am 23.07.2014

Sein rechtes Knie schmerzt schon seit Jahren, allmählich wird es unerträglich. Der Patient wendet sich an seinen Orthopäden Dr. Matthias Hoppert. "Ihr Gelenkverschleiß schreitet voran", erklärt der Schulter- und Kniespezialist aus München. "Wenn die Beschwerden Ihren Alltag einschränken, kann für Sie ein künstliches Kniegelenk eine sinnvolle Alternative sein."

Der Patient bittet den Arzt, ihm den Eingriff zu erläutern. Ablauf, Gefahren, Chancen und Nachbehandlung interessieren ihn besonders. Hoppert nimmt sich Zeit: "Es ist mir wichtig, dass meine Patienten genau wissen, was sie erwartet." Deshalb gibt er ihnen auch Informationsmaterial mit nach Hause. Sie sollen darüber nachdenken können, bevor sie sich entscheiden.

Patienten haben Recht auf Aufklärung

Information und Aufklärung sind für Hoppert Grundlage einer erfolgreichen Behandlung. Sie gehören aber auch zu den Pflichten jedes Arztes – egal ob Allgemeinmediziner oder Spezialist, Zahnarzt oder Psychotherapeut. Dabei spielt es keine Rolle, welche Maßnahme ansteht: Bei jeder Untersuchung, jeder Behandlung und jedem Eingriff haben Patienten ein Recht auf Erklärungen.

"Ohne eine vernünftige Aufklärung geht in der Medizin nichts", stellt der Münchner Anwalt Wolfgang Putz klar, der sich seit fast 40 Jahren mit Medizinrecht beschäftigt. Der Hintergrund: Ärztliche Eingriffe werden als Körperverletzung geahndet, sofern die Patienten ihnen nicht ausdrücklich zugestimmt haben. Das betrifft sowohl eine einfache Blutabnahme als auch eine Grippeimpfung oder komplexe Operation. "Die Einwilligung ist zwingend notwendig", sagt Putz. "Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Patient versteht, was passiert, der Arzt ihn also in Bezug auf die Maßnahme aufgeklärt hat."

Neues Gesetz bündelt Grundpfeiler der Aufklärung

Die Pflicht des Therapeuten ist keineswegs neu. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigt sie deutsche Gerichte. Während sie sich früher aus einer Vielzahl von Gesetzen ableitete, gilt seit Februar 2013 das "Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patien­ten" (PatRechteG). Dessen Paragrafen 630 c und e geben den Informations- und Aufklärungspflichten von Therapeuten einen neuen rechtlichen Rahmen.

"Inhaltlich hat sich zwar nichts verändert", erklärt Putz, "aber das Gesetz bündelt die wichtigsten Grundpfeiler der Aufklärung." Dort finden sich nun allgemeine Vorgaben bezüglich Inhalt und Ablauf, während sich an der konkreten Gestaltung einer rechtlich einwandfreien Aufklärung nichts ändert. Sie wurde über Jahrzehnte hinweg durch viele Musterprozesse geprägt.

Dennoch misst der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann dem Gesetz große Bedeutung zu: "Es macht den Patienten unmissverständlich klar, welche Rechte sie haben – gerade in Bezug auf das Thema Aufklärung. Da steht schwarz auf weiß, dass die Ärzte auf sie eingehen, sich verständlich ausdrücken und sich Zeit für sie nehmen müssen." Schließlich solle die Medizin eine "sprechende" sein, fügt Laumann hinzu. "Es gehört eben auch zum Beruf des Arztes, zu erläutern, was er tut."


Ablauf des Gesprächs: Kein Standard möglich

Auch Dr. Maria Ines Cartes, Leiterin der Abteilung Strategisches Risikomanagement und Patientensicherheit an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), hält die gesetzlichen Vorgaben für ausreichend: "Es genügt in der Tat, wenn der Gesetzgeber die Rahmenbedingun­gen festlegt. Denn jeder einzelne Fall, jede Behandlungssituation sieht wieder anders aus." Es könne keinen Standard geben, der immer und überall gültig und anwendbar sei, sagt Cartes.

Als Beispiel führt sie die Notwendigkeit eines Eingriffs an: "Je dringlicher eine Maßnahme ist, desto geringer sind die Anforderungen an die Aufklärung. Und je planbarer eine Operation ist, desto umfangreicher muss der Operateur seinen Patienten aufklären." Während ein Schönheitschirurg einer Patientin die anstehende Nasen-OP in aller Ausführlichkeit erklärt, verkürzt sich das Vorgehen, wenn ein Unfallchirurg einen Verletzten versorgt. "Ist der Patient bewusstlos und schwebt in Lebensgefahr, fällt die Aufklärungspflicht mitunter sogar weg", erklärt Cartes. Die Ärztin, die sich auch im Aktionsbündnis Patientensicherheit engagiert, kümmert sich um die Aufklärung an der MHH in Hannover. Dort finden die Ärzte in einer Dienst­­anweisung alle Regeln eines rechtswirksamen Ablaufs.

Wann sollte die Aufklärung stattfinden? Wer nimmt sie vor?

Unter anderem geht es um den passenden Zeitpunkt. Das Gesetz schreibt eine "rechtzeitige" Information vor, damit der Patient Zeit zum Nachdenken hat. So erfordert das Einsetzen einer Knieprothese ein frühzeitiges Gespräch, Tage oder Wochen zuvor, während bei einem Blinddarmdurchbruch mitunter nur Stunden zwischen Aufklärung und Operation liegen. Bei kleineren ärztlichen Maßnahmen, wie Impfungen oder Blutuntersuchungen, genügt es sogar, unmittelbar davor zu informieren.

Grundsätzlich muss die Aufklärung in einem persönlichen Gespräch mit einem Arzt erfolgen, der den Eingriff beherrscht. "Deshalb machen das an der MHH eigentlich immer Fachärzte", stellt Cartes klar. Wird ein anderer Arzt mit der Aufgabe betraut, erkundigt sich der Operateur danach beim Patienten, ob er alles verstanden hat, und bespricht noch offene Fragen. "Das Gesetz schreibt eine verständliche Aufklärung vor und legt die Verantwortung dafür in die Hände des Arztes, der den Eingriff vornimmt", sagt Cartes.
Auch wenn ein Patient kein oder nur schlecht Deutsch spricht, steht der Operateur in der Verantwortung. "Er muss immer sicherstellen, dass der Patient alles verstanden hat", so Car­tes weiter. "Notfalls muss an dem Gespräch ein Dolmetscher teilnehmen oder eine Person, die übersetzen kann."

Wichtiger Teil des Gesprächs: Risiken ansprechen

Fast alle Eingriffe gehen mit Risiken einher. Manche Gefahren sind häufiger, andere sehr selten, viele sind nachvollziehbar, einige kommen überraschend. Allen gemeinsam ist: Sie machen Angst, und diese lässt sich mit den nüchter­­nen Informationen der Aufklärungsbögen nicht immer dämpfen. Deshalb sind die Risiken ­ein wesentlicher Inhalt jedes Gesprächs. "Dieser Punkt wird inzwischen fast immer umfassend besprochen", sagt Rechtsanwalt Putz, "sodass vor Gericht eine ungenügende Risikoaufklärung heute kaum noch eine Rolle spielt." Grundsätzlich muss ein Arzt den Patienten selbst auf sehr seltene Gefahren hinweisen, wenn diese dessen Leben grundlegend verändern könnten.

Genauso verpflichtend sind Hinweise auf Behandlungsalternativen. Orthopäde Hoppert stellt deshalb seinem Patienten neben der Knie-Operation auch die Möglichkeit einer konservativen Behandlung mit Physiotherapie und Schmerzmitteln vor. Was wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, kann manche Therapeuten vor Schwierigkeiten stellen – etwa dann, so Psychotherapeut Professor Michael Märtens von der Frankfurt University of Applied Scien­ces, "wenn der Behandler das ­alternative Verfahren nicht anbietet". Führt also statt einer Psychoanalyse auch eine Verhaltenstherapie zum Ziel, muss der Patient das wissen, bevor er sich für eine Methode entscheidet – auch auf die Gefahr hin, dass er dafür den Therapeuten wechseln muss.

Gespräch ist Voraussetzung für gutes Patient-Arzt-Verhältnis

Vor allem in der Zahnmedizin spielt die ­Kos­­tenfrage eine große Rolle. Der Zahnarzt Dr. Christoph Meißner hält an der Fortbildungsakademie der Landeszahnärztekammer Sachsen Vorträge. "Das Patientenrechtegesetz schreibt ausdrücklich vor, dass der ­Patient über das finanzielle Risiko aufzuklären ist – vor allem, wenn er die Kos­ten teilweise oder sogar ganz tragen muss." Diesen Punkt sprechen viele Patienten sofort an, sagt Meißner. "Es ist ihr gutes Recht, genau zu wissen, was es kostet."

Jenseits aller rechtlichen Regelungen legt ein gutes Aufklärungsgespräch das Fundament für eine gute Patient-Arzt-Beziehung und damit für den erhofften Behandlungserfolg. Das gelte auch für die Transplantationsmedizin, bestätigt Dr. Markus Mieth, Leiter der viszeralchirurgischen Transplantationsstation am Uniklinikum Heidelberg. "Eine erfolgreiche Behandlung baut auf das Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Wer seinen Ärzten vertraut, beteiligt sich erfahrungsgemäß intensiver an der Therapie. Damit steigen die Chancen auf ein gutes Ergebnis erheblich."

Aufgeklärte Patienten haben realistische Erwartungshaltung

Für Mieth sind viel Zeit und eine ruhige Atmosphäre unverzichtbar für das Aufklärungsgespräch. Damit wird Vertrauen aufgebaut und das Gefühl vermittelt, dass die Behandlung eine gemeinschaftliche Aufgabe ist. An einem Strang ziehen, nennt es Orthopäde Hoppert. "Ein gut aufgeklärter Patient hat eine realistische Erwartungshaltung und weiß, dass er sich an der Behandlung beteiligen muss, damit sich der bestmögliche Erfolg einstellt."

Sein Kniepatient hat sich inzwischen entschieden: Er möchte sich operieren lassen und unterschreibt den Aufklä­rungs­bogen, anhand dessen Hoppert ihm den Eingriff erklärt hat. Mit der Hand hat der Orthopäde zusätzliche Skizzen und Erklärungen hinzugefügt. Neben der Unterschrift des Patienten dürfen Datum und Name des aufklärenden Arztes nicht fehlen, wie auch – handschriftlich vermerkt – die wesentlichen Inhalte des Gesprächs.

Patienten steht Kopie des Aufklärungsbogens zu

Der Patient erhält, so schreibt es das Gesetz vor, eine vollständige Kopie des Informations- und Aufklärungsmaterials. Im nächsten Schritt wird ein Termin für den Eingriff vereinbart. Zuvor muss der Hausarzt gegebenenfalls Herz und Lunge des Patienten untersuchen sowie Gerinnungs-, Nieren- und Leber­funktionswerte im Blut bestimmen.

Mit den Ergebnissen geht der Patient zum Anästhesisten, der ihn über die Narkose aufklärt. Nicht immer gelingt es hochspezialisierten Medizinern einen komple­xen Sachverhalt laien­verständlich darzustellen. "Man kann Patienten nur raten, immer nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben", sagt Cartes. Putz stimmt ihr zu: "Fragen sind dafür da, gestellt zu werden – bevor man den Aufklärungsbogen unterschreibt."



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