Welche Medikamente sind halal?

Gläubige Muslime dürfen zum Beispiel keine Arzneien einnehmen, die Alkohol oder Schweinegelatine enthalten. Oft gibt es unproblematische Alternativen

von Sebastian Brodkorb, aktualisiert am 26.01.2016

Zubereiten einer Arznei: Muslime sollten nach den Inhaltsstoffen fragen

Laif/Holland Hoogte

Halal oder haram: erlaubt oder verboten. Für viele Muslime gilt das Speisegebot nicht nur beim Essen und Trinken, sondern auch für Medikamente. Wenn diese beispielsweise Alkohol oder Bestandteile vom Schwein enthalten, sind sie für gläubige Muslime tabu. Das führt zu einem Konflikt, der für den Moslem und Apotheker Dr. Metin Bagli wie für seine muslimischen Kunden zum Alltag gehört. "Viele meinen, sich zwischen Religion und Gesundheit entscheiden zu müssen."

Laut dem Bundesamt für Migra­tion und Flüchtlinge leben in Deutschland rund vier Millionen Muslime. Professor Ilhan Ilkilic, der Medizin­geschichte und Ethik lehrt und im deutschen Ethikrat sitzt, schätzt, dass etwa die Hälfte von ihnen praktizierende Muslime sind. Also zwei Millionen Mitbürger, die nicht jedes Medikament nehmen können, wenn sie nicht gegen ihren Glauben verstoßen wollen.


Kapseln und Hustensäfte problematisch

Die meisten Konfliktpunkte treten bei Kapseln aus Schweinegelatine und alkoholhaltigen Produkten wie Hustensaft oder Pflanzenextrakten auf. Aber auch manche Impfstoffe, Hormonpräparate oder Herzklappen können Bestandteile von Schweinen enthalten.

Vor allem jedoch der Verzicht auf Schweineprodukte markiert für viele Mus­­lime eine Glaubensgrenze. Während die Vorschriften bei Speisen eindeutig sind, ist die Interpretation sehr unterschiedlich, wenn es um Arzneimittel und die Behandlung von Krankheiten geht.

Islamexperte Ilkilic sieht in der muslimischen Gesellschaft drei Positionen. Für die erste hat die Gesundheit vor den Geboten Vorrang. Anhänger halten die Einnahme aller Medikamente für vertretbar, da diese nicht dem Genuss, sondern der Gesundheit dienen.

Thymiantee statt alkoholhaltiger Saft

Die zweite und wohl am häufigsten vertretene Position empfiehlt die ­Suche nach Alternativen. Bei leichten Krankheiten soll ganz auf verbotene Medikamente verzichtet werden. "Nicht bei jedem Husten muss man einen alkoholhaltigen Saft nehmen", sagt Ilkilic. Oft reiche eine Tasse Thymiantee. Ist in schwereren Fällen jedoch keine Alternative zu finden, so sehen die Anhänger dieser Position kein Problem darin, auf Arzneien mit "haramem" Inhalt zurückzugreifen.

Zuletzt gibt es noch eine kleine Gruppe, die kompromisslos nur nach dem Speisegebot erlaubte Medikamente einnimmt.

Verpackungen kennzeichnen

Dabei gibt es Möglichkeiten, dass Muslime ihren Glauben ohne Risiken für die Gesundheit ausleben können. In anderen Ländern – Vorreiter ist Malaysia – existiert bereits eine "halal"-Zertifizierung. Auf den ersten Blick erkennen die Patienten an einem Symbol auf der Schachtel, ob sie ein Medikament ohne Bedenken einnehmen können. Ein völlig "halaler" Produktions­­prozess muss aber viele Vorschriften einhalten, die in Deutschland kaum umzusetzen wären. So dürfte beispielsweise Alkohol, das wichtige Desinfektionsmittel, überhaupt nicht mehr verwendet werden.

Als Kompromiss schlägt Bagli vor, dass Firmen Schweinebestandteile schon auf der Verpackung erkennbar deklarieren. Davon profitieren letztendlich nicht nur Muslime, sondern beispielsweise auch Veganer.

Gelatinefreie Produkte finden

Der richtige Weg, da sind sich Bagli und Ilkilic einig, sei es, Ärzte und Apotheker für die Problematik zu sensibilisieren, damit sie ihren Pa­tienten helfen können. Für Apotheker, so erklärt Bagli, sei es vergleichsweise einfach, mithilfe der Arzneimitteldatenbank Alternativen zu finden. Ein Knopfdruck genügt, und es werden gelatinefreie Präparate angezeigt.

Wichtig sei natürlich auch, dass Patienten Apotheker und Ärzte direkt auf ihren Wunsch ansprechen, sich glaubenskonform behandeln zu lassen. "Wir können nur jenen Patien­ten Ausweichmöglichkeiten bieten, von denen wir auch wissen, dass sie solche suchen", sagt Bagli und macht den Muslimen Mut: "Bislang haben wir noch immer eine Alternative gefunden."   



Bildnachweis: Laif/Holland Hoogte

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Sind Sie wetterfühlig?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages