Über 15.000 Arzneistoffpaare kennt Professor Walter Haefeli, die miteinander wechselwirken. Es handelt sich um Kombinationen aus zwei oder mehr der etwa 1300 verschiedenen Wirkstoffe, die auf dem deutschen Markt zugelassen sind. Doch Haefeli meint: „Nur bei etwa sieben Prozent der tatsächlich verordneten Arzneistoffpaare wissen wir, ob sie sich gegenseitig beeinflussen.“ Das heißt: Für den großen Rest liegen bislang keine Daten vor. Es könnte noch viele weitere Wechselwirkungen geben.
Der klinische Pharmakologe, der an der Uniklinik Heidelberg arbeitet, kennt sich auf dem Gebiet gut aus. Seit den 1980er Jahren beschäftigt er sich mit Arzneimittelinteraktionen, wie Mediziner Wechselwirkungen zwischen Medikamenten nennen. Er hat errechnet, wie viele Paare theoretisch vorkommen, die Wechselwirkungen hervorrufen können: Bei 1300 unterschiedlichen Arzneistoffen sind es rund 885.000 verschiedene Interaktionen. „Je mehr Medikamente ein Patient einnimmt, desto mehr Wechselwirkungen können sich zwischen den einzelnen Mitteln ergeben“, warnt Haefeli.
Interaktionen: Nur die Ausnahme?
Wechselwirken zwei Arzneistoffe miteinander, sind verschiedene Folgen möglich. So kann der eine Stoff die Wirkung des anderen aufheben beziehungsweise abschwächen oder eine Substanz verstärkt die Effekte der anderen. Dafür sind unterschiedliche Mechanismen verantwortlich. Interaktionen bedeuten nicht zwangsläufig etwas Negatives. Sie lassen sich sogar therapeutisch nutzen und ermöglichen manchmal erst eine effektive Therapie. Oft sind sie jedoch unerwünscht. Nicht immer interagieren nur Arzneimittel miteinander, auch Lebensmittel beeinflussen die Wirkung von Pharmaka.
Wechselwirkungen kommen ziemlich häufig vor. „Jeder sechste Apothekenkunde ist davon betroffen“, sagt Apothekerin Sonja Mayer, die auch Geschäftsführerin der Bayerischen Akademie für Klinische Pharmazie ist. Sie hat in einer Studie die Interaktionen erfasst, die knapp 100 teilnehmende Apotheken aus Bayern gemeldet hatten.
Aus solchen Untersuchungen kennt Mayer auch die Arzneimittelgruppen, die am häufigsten Probleme bereiten. „Es sind Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Mineralstoffpräparate und Antidepressiva“, erklärt sie. So kann das Schmerzmittel Ibuprofen – wenn Patienten es längerfristig einnehmen – die blutdrucksenkende Wirkung von Carvedilol abschwächen. Der Arzt muss also wissen, dass ein Patient beide Medikamente gleichzeitig einnimmt, damit er bei Bedarf die Behandlung anpassen beziehungsweise auf anderere Medikamentengruppen ausweichen kann. Acetylsalicylsäure (ASS) und Kortison beeinträchtigen beide die Schutzschicht der Magenschleimhaut, was ein Geschwür begünstigen kann. Das Kalzium aus Brausetabletten oder Milch bindet im Magen an das Osteoporosemittel Alendronsäure und kann somit bewirken, dass der Körper weniger von dem Medikament aufnimmt. Deshalb sollten Alendronsäure und Kalzium immer in einem gewissen zeitlichen Abstand voneinander eingenommen werden.
Sind Wechselwirkungen gefährlich?
Viele Wechselwirkungen lassen sich mit einfachen Maßnahmen gut in den Griff bekommen. Oft reicht es schon aus, wenn Sie die Mittel zeitversetzt einnehmen oder wenn Sie die Tablette nicht mit Milch, Tee oder Kaffee herunterschlucken. Lassen Sie sich dazu in der Apotheke beraten. Bei anderen Arzneimitteln muss der Arzt die Dosis anpassen, wenn Sie sie längerfristig anwenden. Oder er verschreibt Ihnen ein Präparat, das keine Interaktionen mit dem Zweitmedikament eingeht.
Es gibt jedoch auch Mittel, die – zusammen eingenommen – lebensgefährlich werden. Solche Fälle trifft Internist Haefeli im Krankenhaus. „Rund fünf Prozent der Patienten kommen aufgrund von Arzneimittel-Nebenwirkungen in die Notaufnahme“, erläutert er. Und diese ließen sich bei der Hälfte der Patienten auf meist vermeidbare Wechselwirkungen zurückführen. So kann die gleichzeitige Einnahme von mehreren Gerinnungshemmern gefährliche Blutungen hervorrufen. Die Kombination von mehreren blutzuckersenkenden Mitteln kann – bei falscher Anwendung – einen Unterzucker auslösen.
Damit es gar nicht erst zu Wechselwirkungen kommt, empfiehlt es sich beim Arzt und in der Apotheke eine Liste aller Mittel parat zu haben, die Sie einnehmen. Wichtig: Notieren Sie auch die Arzneimittel darauf, die Sie ohne Rezept gekauft haben und regelmäßig benutzen. Besonders wichtig ist diese Information, wenn Sie zum Beispiel Johanniskraut, Kopfschmerzpillen, Mittel gegen Sodbrennen (Antazida) oder Mineralstoff-Brausetabletten einnehmen. Hilfreich kann auch eine Kundenkarte bei Ihrer Stammapotheke sein. Oft führt die Apotheke dann für Sie eine Liste der Arzneimittel, die Sie einkaufen. So erkennt die Apothekerin, ob sich die Medikamente womöglich nicht vertragen und kann sich mit dem Arzt absprechen. Suchen Sie verschiedene Ärzte auf, die Ihnen Arzneien verschreiben, teilen Sie dies dem jeweiligen Mediziner mit. Arzt und Apotheker klären Sie über mögliche Wechselwirkungen auf und vermeiden durch entsprechende Maßnahmen Interaktionen. Sprechen Sie also mit Arzt und Apotheker, wenn Sie mehrere Präparate gleichzeitig einnehmen oder sich unsicher sind.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
13.12.2011, aktualisiert am 13.12.2011
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