Schmerzmittel ASS zur Vorsorge für alle?

Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure schützt einigen Studien zufolge vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebserkrankungen. Sollten deshalb auch gesunde Menschen täglich eine Schmerztablette mit ASS schlucken?

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 04.06.2016

Wann sollen Gesunde ASS-Tabletten schlucken? Das ist unter Experten umstritten

F1online

Bei Bedarf lindert es Kopfschmerzen, senkt Fieber und bremst zum Beispiel bei einer Erkältung entzündliche Reaktionen. Nicht umsonst gehört Acetylsaliclysäure (ASS) seit seiner Erfindung vor über 100 Jahren zu den am häufigsten eingenommenen Arzneimitteln überhaupt. In jüngster Zeit sorgt der Medikamenten-Klassiker unter Ärzten für neuen Gesprächsstoff.

So empfahl die US Preventive Services Task Force, ein Zusammenschluss unabhängiger Vorsorge-Experten kürzlich, dass gesunde 50 bis 59-Jährige mit einem bestimmten Risikoprofil täglich niedrig dosiertes ASS schlucken sollten. Das Gremium berät die US-Regierung. Mit seinem Votum hob es darauf ab, die Bevölkerung vor Herz-Kreislauferkrankungen und Darmkrebs zu schützen.


Anlass dafür sind Untersuchungsergebnisse wie die unlängst im Fachblatt JAMA Oncology veröffentlichten eines Teams um Yin Cao und Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital. Um zu prüfen, ob zwischen der regelmäßigen Einnahme von Acetysalicylsäure und der Häufigkeit verschiedener Krebsleiden ein Zusammenhang besteht, analysierten die Forscher Daten aus der Nurses‘ Health Study und der Health Professionals Follow-up Study. In diesen beiden amerikanischen Langzeituntersuchungen wurden rund 136.000 Krankenschwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte über Jahrzehnte hinweg medizinisch begleitet, untersucht und zu ihren Lebensgewohnheiten befragt. Und tatsächlich: Wie die Auswertung ergab, erkrankten die Studienteilnehmer, die mindestens zweimal wöchentlich ASS schluckten, seltener an Krebs. Im Mittel für alle Krebsarten sank bei Ihnen die Erkrankungsrate um drei Prozent.

Schutz vor Krebs erst nach mehreren Jahren ASS-Einnahme

Der Effekt ging vor allem auf weniger bösartige Tumoren des Magen-Darm-Traktes zurück. Die ASS-Anwender erkrankten 15 Prozent seltener an Krebs der Verdauungsorgane allgemein. Ihr Risiko für Dickdarm- und Enddarmkrebs reduzierte sich sogar um 19 Prozent. Die vorbeugende Wirkung war allerdings erst nach einer Einnahmedauer von zumindest sechs Jahren zu beobachten.

Nicht nur deshalb bleibt Bernd Mühlbauer, Mitglied im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, vorsichtig. Er bezeichnet die Ergebnisse als "starkes Signal", betont aber gleich, dass sie aus der nachträglichen Auswertung von Beobachtungsstudien stammen, in denen es eigentlich um Herz-Kreislauf-Erkrankungen ging. "Ein Problem bei solchen epidemiologischen Untersuchungen ist immer, dass sich nicht kontrollieren lässt, ob vielleicht andere Faktoren für die Effekte verantwortlich sind", sagt der Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte. Denkbar wäre beispielsweise, dass die vielen Studienteilnehmer, denen nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall dauerhaft ASS verschrieben wurde, sich dann auch gesünder ernähren, nicht mehr so viel rotes Fleisch essen und weniger Alkohol trinken. Alles Umstände, die sich auf das Darmkrebsrisiko auswirken.

Inzwischen haben Forscher herausgefunden, dass ASS einen für die Tumorentstehung relevanten Stoffwechselweg bremst. Bekannt ist auch, dass das Medikament entzündungsfördernde Botenstoffe, die sogenannten Prostaglandine, hemmt und so chronische Entzündungen im Gewebe, die als Nährboden für die Entwicklung von Krebs gelten, unterbindet. "Das klingt zwar plausibel, beweist aber nicht, dass Acetylsalicylsäure tatsächlich vor Krebserkrankungen schützt", sagt Mühlbauer.

Um zu wirklich aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, müsste man zehntausende Studienteilnehmer zufällig in zwei Gruppen aufteilen, von denen eine regelmäßig ASS nimmt, während die andere ein wirkstofffreies Placebo schluckt, und dann über viele Jahre hinweg die Krebsraten anschauen. Solche randomisierten Doppelblindstudien fehlen aber bislang. Deshalb findet Mühlbauer die Vorgabe der US-Präventionsexperten, sehr vielen Menschen in Alter von 50 bis 59 Jahren regelmäßig ASS zu verordnen, gewagt. "Für solch eine generelle Empfehlung sind meiner Ansicht nach noch zu viele Fragen offen."

Nutzt ASS auch Gesunden gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Auch gesunden Personen aus dieser Altersgruppe mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen raten die Amerikaner inzwischen zur vorsorglichen Einnahme von niedrig dosiertem ASS. Da das Medikament die Blutgerinnung hemmt und so die Bildung gefährlicher Blutgerinnsel verhindern kann, erscheint das vom Wirkmechanismus her betrachtet, schlüssig. Schon seit längerem ist wissenschaftlich gesichert, dass täglich 75 bis 100 Milligramm Acetylsalicylsäure nach einem Herzinfarkt und Schlaganfall die Gefahr verringert, dass Betroffene ein zweites solches Ereignis erleiden. Doch bewahrt diese Therapie deshalb auch Gesunde vor diesen schwerwiegenden Erkrankungen?

Einzelne Studien liefern dafür Anhaltspunkte, andere widersprechen dem. Die US- amerikanische Food and Drug Administration (FDA) lehnte jedenfalls Mitte 2014 den Antrag des Medikamentenherstellers Bayer ab, die Primärprävention – also die Vorbeugung bei Gesunden – von Herz-Kreislauf-Leiden in den Beipackzettel von niedrig dosiertem ASS aufzunehmen. Die vorliegenden Daten reichten nicht aus, um gesunden Menschen das Medikament zum Schutz vor Schlaganfall und Herzinfarkt zu geben, befand die US-Behörde, die für die Sicherheit und Wirksamkeit von Arzneimitteln verantwortlich ist.

Experte Mühlbauer kann sich durchaus vorstellen, dass die vorbeugende Einnahme von ASS in der Zukunft einem wesentlich größeren Personenkreis empfohlen wird. "Dafür müssen aber erst große Studien stattfinden, die den Nutzen tatsächlich belegen und gegenüber den Risiken abwägen", sagt der Pharmakologe und ergänzt, dass man die Nebenwirkungen keinesfalls unterschätzen dürfte. Neben Schädigungen der Schleimhaut bis hin zu Geschwüren in Magen und Zwölffingerdarm ist das vor allem die erhöhte Gefahr von Blutungen, die bereits bei einer Tagesdosis von 50 Milligramm besteht. Blutungen in Magen und Darm können schwerwiegend sein. Eventuell ist außerdem das Risiko für Hirnblutungen bei regelmäßiger Einnahme geringer ASS-Dosen erhöht.

Nebenwirkungen nicht unterschätzen

Was aber, wenn Menschen auf eigene Faust jeden Tag Acetylsalicylsäure schlucken? Verhindern lässt sich das nicht, denn das Medikament ist in jeder Apotheke rezeptfrei erhältlich. Mühlbauer hat eine Empfehlung, die für jeden gilt: "Wer länger als ein paar Tage ASS nehmen will, sollte das mit seinem Arzt besprechen." Denn ASS hat eine Reihe weiterer Nebenwirkungen, darunter zum Beispiel Sodbrennen oder Übelkeit. Außerdem bestehen Gegenanzeigen: Situationen, in denen Acetylsalicylsäure auf keinen Fall genommen werden darf. Schließlich ist der Wirkstoff problematisch bei Asthma, weil er womöglich Anfälle auslöst oder auch vor operativen Eingriffen. Wegen seiner sogenannten blutverdünnenden Wirkung muss er rechtzeitig abgesetzt werden, um Blutungsrisiken zu vermeiden.


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