Medikament nicht lieferbar? Was dann passiert

Nicht nur Schilddrüsen-Patienten erleben das gelegentlich: Ihr Medikament ist nicht verfügbar. Die Ursachen der Lieferengpässe und welche Auswege Apotheken bieten

von Christian Krumm, aktualisiert am 21.09.2015

Schilddrüsenmedikament mit L-Thyroxin: Immer häufiger nicht lieferbar

W&B/Wladimir Szczesny

Mit Schilddrüsenhormonen ist das so eine Sache: Wer es geschafft hat, das richtige Präparat in der richtigen Dosierung für sich zu finden, weiß, welche enor­men Auswirkungen die winzigen Hormonmengen auf den Körper haben. Für den Patienten kann es unan­genehme Folgen haben, wenn er das gewohnte Medikament plötzlich nicht mehr erhält. "Das kommt aber immer häufiger vor", klagt Dr. Matthias Coen, Apotheker in Unna.

Als Grund für Lieferengpässe nennen Pharmafirmen vor allem eine sprunghaft ansteigende Nach­­frage als Folge von Rabattverträgen mit den Krankenkassen. "Die Hersteller erhalten den Zuschlag für einen solchen Vertrag und müssen ihn sofort umsetzen", erklärt Coen. Das gelingt nicht immer problemlos.


Lieferschwierigkeiten oft Folge des Preiskampfs

Denn vor allem Schilddrüsenpräparate gelten als kompliziert in der Herstellung, weil die exakte Dosierung im Mikrogrammbereich einen hohen Aufwand erfordert. In der Vergangenheit waren meistens Infusionen für die Krebstherapie, Antibiotika oder Anästhetika von Lieferschwierigkeiten betroffen. Darum hatten zunächst vor allem Krankenhausapotheken mit den Folgen zu kämpfen. Zunehmend ist aber auch die Vor-Ort-Apotheke damit konfrontiert.

Manchmal sind es Qualitätsprobleme in der Produktion, die zu Engpässen führen. Der Verband Progenerika hat jedoch in erster Linie den massiven Preiskampf als Ursache ausgemacht. Pharmafirmen versuchen niedrigere Gewinnmargen wettzumachen, indem sie Lagerkapazitäten verringern, Produktionsstätten umstrukturieren oder auf Lohnhersteller im Ausland zurückgreifen. So geschieht es, dass manche Arzneimittel in Deutschland ausverkauft, in anderen Ländern aber zu haben sind.

Apotheker muss nach Ersatz suchen

Selten trifft es Medikamente, für die es keine Alternativen gibt. Meist gelingt es dem Apotheker, in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt eine Lösung zu finden: "Wir können auf ein vergleichbares Produkt eines anderen Herstellers zurückgreifen, eine andere Dosierung anbieten, die der Patient dann teilen kann, oder wir importieren ein Arzneimittel aus dem Ausland", erklärt Coen.

Findet sich keine Alternative, muss der Arzt eine andere Therapie in Betracht ziehen – den Patienten verunsichert das in jedem Fall. "Uns Apothekern ist das auch unangenehm", sagt Coen. "Mancher Patient gibt uns die Schuld und versucht, das Medikament in der nächsten Apotheke zu bekommen – vergeblich."

Meldeliste warnt vor drohenden Engpässen

In der Politik ist das Problem angekommen. Seit 2013 existiert beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ein Online-Melderegister, das es Apothekern und Ärzten ermöglichen soll, sich auf eventuelle Engpässe rechtzeitig einzustellen. Derzeit besteht die Liste aber nur aus rund 20 Arzneimitteln.

Was können Apotheker sonst noch tun? Zum einen viel mit Ärzten und Patienten telefonieren, zum anderen weitere Vorsichtsmaßnahmen treffen: "Sobald ein Medikament wieder lieferbar ist, legen wir einen größeren Vorrat an", sagt Matthias Coen. "Das bedeutet zwar auch höhere Lager­kosten, aber Lieferfähigkeit ist für uns einfach wichtig."



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