Kortison ist eigentlich nichts Schlimmes. Jeder Mensch bildet Kortison im Körper. Genauer gesagt die körpereigene Version, die Mediziner Kortisol nennen. Ein lebenswichtiges Hormon, das in der Nebennierenrinde aus Cholesterin produziert wird. Über Kortisol reagiert der Organismus auf Stress. Das „Stresshormon“ mobilisiert Energiereserven, heizt den Stoffwechsel an und setzt den Körper quasi „unter Strom“. In einer gefährlichen Situation, zum Beispiel bei einem Unfall, kann das dem Menschen das Leben retten. Denn er kann durch die bereitgestellte Energie blitzschnell reagieren.
Dafür greift Kortisol in zahlreiche endogene Prozesse ein. Die Substanz verstärkt den Abbau von Eiweißen und Fetten, erhöht den Blutzuckerspiegel und beeinflusst den Elektrolyt- und Wasserhaushalt des Körpers.
Darüber hinaus steigert Kortisol die Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten) im Blut und vermindert die Kollagenbildung in der Haut. Das Hormon wirkt Entzündungen entgegen, indem es die Bildung proentzündlicher Stoffe blockiert. Zudem schwächt Kortisol das Immunsystem und verhindert dadurch eine überschießende Immunreaktion des Organismus.
Aufgrund dieser Effekte lässt sich Kortisol – beziehungsweise chemisch modifizierte Glukokortikoide, zu denen der körpereigene Stoff zählt – bei diversen Krankheiten einsetzen. Meist verschreiben Mediziner Substanzen wie Prednisolon, Triamcinolon, Dexamethason oder Hydrokortison (ein Synonym für Kortisol). Für die zahlreichen Glukokortikoide hat sich der Oberbegriff „Kortison“ eingebürgert. Da Kortisonpräparate sehr gut antientzündlich wirken, können sie zum Beispiel bei Rheuma, Neurodermitis, Schuppenflechte und vielen anderen entzündlichen Hautkrankheiten helfen. „Auf der Haut angewendete Glukokortikoide sind für die Therapie entzündlicher Hauterkrankungen nahezu unverzichtbar“, sagt Professor Matthias Goebeler, Dermatologe am Universitätsklinikum Gießen. Auch allergische Reaktionen – etwa bei Heuschnupfen, Asthma oder Ekzemen – dämmen die Arzneistoffe ein.
Doch viele Menschen haben Angst, wenn sie das Wort „Kortison“ hören. Der Grund: die möglichen Nebenwirkungen. Je nachdem, wo das Mittel seine Effekte entfalten soll, müssen Patienten Tabletten einnehmen, die Haut mit einer Salbe eincremen, das Kortison inhalieren oder sich das Medikament spritzen lassen. Von der Anwendungsart hängt es unter anderem ab, ob und in welchem Ausmaß Nebenwirkungen auftreten. Zudem, wie stark das Kortison wirkt und wie lange Patienten es benutzen müssen. „Eine kurzfristige Anwendung über einige Tage ist weitestgehend unbedenklich“, sagt Professor Helmut Schatz, Internist und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.
Prinzipiell gilt: Kortison ist besser verträglich, wenn es nur lokal – also als Salbe, Spray oder Spritze – zum Einsatz kommt und niedrig dosiert ist. In Form von Tabletten gelangt der Wirkstoff überall in den Körper und kann dementsprechend auch unerwünschte Nebeneffekte verursachen. Je länger jemand ein Kortisonpräparat einnehmen muss, desto eher ergeben sich Nebenwirkungen. „Glukokortikoide können zu Übergewicht, Diabetes und Osteoporose führen sowie den Blutdruck steigern“, erklärt Schatz. Manchmal raubt Kortison Patienten auch den Schlaf, begünstigt Infekte und macht die Haut dünner. Diese gefürchteten Begleiterscheinungen treten meist – wenn überhaupt – erst nach mehrmonatiger Einnahme eines Kortisonpräparats auf. Bei Anwendung auf der Haut oder als Inhalation sind die oben genannten Nebenwirkungen sehr unwahrscheinlich. Selten kann eine Person auch schon nach einigen Tagen unerwünschte Effekte verspüren. Dermatologe Goebeler beruhigt: „Die Angst vor Glukokortikoiden stammt noch aus einer Zeit, als die Mittel oft unkritisch und übertrieben angewendet wurden.“ Moderne Präparate führten dagegen wesentlich seltener zu Nebenwirkungen.
Körpereigenes Kortisol schüttet der Organismus vor allem in den frühen Morgenstunden aus, zwischen sechs und acht Uhr. Wer daher morgens ein entsprechendes Präparat anwendet, stört den endogenen Rhythmus von Kortisol am wenigsten. Folglich sinkt auch das Risiko für Nebenwirkungen. Ärzte verschreiben die Mittel zumeist nach einem genauen Einnahmeschema. Wer die Tageszeiten und Dosierungen einhält, verringert die Risiken. Auf keinen Fall eigenmächtig das Medikament absetzen! Denn, bekommt der Körper „von außen“ Kortison, dann fährt er die körpereigene Produktion herunter. Bleibt das Kortison plötzlich weg, macht der Organismus eine Art Entzug mit zum Teil lebensbedrohlichen Folgen durch.
Asthmatiker, die Kortison als Spray langfristig inhalieren müssen, können die Gefahr von unerwünschten Nebeneffekten, wie einer Pilzinfektion im Mund, vermindern. Und zwar, indem sie nach jedem Gebrauch den Mund gründlich mit Wasser ausspülen.
Wer bestimmte Hautbereiche mit den Mitteln eincremen muss, sollte an manchen Stellen besonders sorgsam vorgehen. Das Gesicht sowie der Intimbereich reagieren auf ein „Zuviel“ an Kortison schnell empfindlich. Folglich kommt es da auch eher zu Nebenwirkungen. Dasselbe gilt für Babys, Kleinkinder und alte Menschen. Ihre Haut ist sensibler. Eltern sollten zum Beispiel nicht einfach eine Kortisonsalbe, die für einen Erwachsenen bestimmt ist, beim Nachwuchs anwenden.
Menschen, die an Bluthochdruck, grünem Star (Glaukom), Diabetes oder Osteoporose leiden, sollten die Einnahme von Kortison im Vorfeld gründlich mit dem Arzt durchsprechen.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
06.04.2010, aktualisiert am 08.08.2011
Bildnachweis: Fotolia/Robert Kneschke/2009, iStock/Plainview
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