Arzneischmuggel: Vorsicht vor Fälschungen

Der Handel mit gefälschten Medikamenten boomt. Jetzt wurde der bisher größte Fall aufgedeckt

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 29.03.2016

Alles illegal: Essener Zollermittler mit geschmuggelten Arzneimitteln

Zollfahndung Essen

Eineinhalb Jahre ermittelten sie verdeckt, verfolgten verdächtige Spuren nach England und im Internet. In einer Septembernacht des vergangenen Jahres dann schlugen die Essener Zollfahnder zu, nahmen fünf Männer fest. Den Inhaftierten drohen bis zu zehn Jahre Haft. Sie sollen gefälschte Medikamente online vertrieben – und damit die Gesundheit aller gutgläubigen Käufer in Gefahr gebracht haben. Es ist der bisher größte Fall von Arzneimittelkriminalität in Deutschland.

In den Häusern, Wohnungen und Garagen der Verdächtigen fanden die Fahnder 3,5 Millionen gefälschte Tabletten: Potenzmittel, Schlankheitspillen, Antibiotika, Schmerzmittel und Antidepressiva. Schwarzmarktwert: rund 14 Millionen Euro. In manchen Presseberichten war danach von der "Medikamenten-Mafia" zu lesen.


Straff organisierte Kriminelle

Tatsächlich zeigen die Strukturen, die die Essener Beamten nach und nach aufdecken: Beim illegalen Arzneihan­del sind Profis am Werk. "Es handelt sich um organisierte Kriminalität mit straffer Arbeitsteilung", sagt Ruth Haliti, Pressesprecherin im Zollfahndungsamt Essen. "Es gibt Einkäufer, Versender, Zwischenhändler, Kuriere und IT-Experten, die für professionelle Internetauftritte sorgen."

Die Webseiten sollen Vertrauen wecken, sollen viele Personen dazu bringen, dort Arzneien zu ordern. Ganz bewusst riskieren die Täter die Gesundheit ihrer Kunden. Analysen der Tabletten, die die Fahnder beschlagnahmten, zeigten: Der Wirkstoffgehalt der aus Asien eingeschleusten Produkte weicht deutlich von den an­gegebenen Mengen ab. In anderen Fällen enthielt gefälschte Medizin giftige Hilfsstoffe. Und auch die hy­gienischen Bedingungen bei der Produktion sind oft zweifelhaft.

Vor allem gefälschte Dopingmittel finden reißenden Absatz. Der bundesweite Zoll hat darauf mittlerweile den Fokus seiner Arbeit gelegt. Internatio­nale Verflechtungen aber erschweren die Fahndung. Wie viele Fälle unentdeckt bleiben, lässt sich kaum seriös schätzen. Eine stetig steigende Zahl von Ermittlungsverfahren belegt, dass der Internetschmuggel generell eine Bedrohung darstellt – und es wohl auch bleibt: "Wir gehen davon aus, dass die leichte Verfügbarkeit über das Internet, verbunden mit niedrigen Preisen, die Nachfrage nach illegalen Doping- und Arzneimitteln weiter begünstigen wird", sagt etwa Dietmar Zwengel, Pressesprecher des Finanzministeriums.

Dabei bestellen die meisten Kunden bei dubiosen Händlern gar nicht, um Geld zu sparen. So kosten zum Beispiel Potenzmittel auch im legalen Markt deutlich weniger, seit das Patent des Erstherstellers abgelaufen ist. Eher schreckt viele Menschen der Gang zum Arzt ab. Die Scham. Oder die Befürchtung, das Medikament nicht verschrieben zu bekommen.

Seriöse, zugelassene Internet-Apotheken sind in einem Register des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information gelistet. Mithilfe eines EU-Sicherheitslogos lässt sich direkt überprüfen, ob ein Händler die behördliche Erlaubnis besitzt.

Sicherheit bei Apotheken

"Einer der sichersten Vertriebswege der Welt" ist für Zollsprecherin Haliti der vom Hersteller oder Großhandel an die Apotheke vor Ort. Dafür sorgen Kontrollen, bei denen etwa im Jahr 2013 gefälschte Chargen des Säurehemmers Omeprazol aufflogen. Künftig gibt es noch mehr Sicherheit: Ab 2017 muss europaweit jede Arznei­packung einen Code tragen, über den der Apotheker die Echtheit des Inhalts prüfen kann.


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Bildnachweis: Zollfahndung Essen

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