Oft sind es nicht die Betroffenen selbst, die als erstes professionelle Hilfe suchen, sondern Angehörige und Freunde, die sich Sorgen machen. Typisches Merkmal der Magersucht ist, dass sich die Patienten nicht als krank empfinden. Im Gegenteil. Viele fühlen sich stark und leistungsfähig, sind stolz auf ihre – in ihren Augen – gesunde Lebensweise. Jede noch so leise Kritik an ihrem Verhalten empfinden sie als ungebetene Einflussnahme. Eben dieser Beeinflussung durch andere versuchen sie oft zu entkommen (siehe Kapitel "Symptome").
Wer den Verdacht hat, dass eine Angehörige oder Bekannte an einer Essstörung leidet, sollte trotzdem versuchen, das Thema vorsichtig anzusprechen – am besten nicht vor der versammelten Familie, sondern bei einer passenden Gelegenheit unter vier Augen. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Denn Vorwürfe, Ratschläge oder Drohungen bewirken meist das Gegenteil des Gewünschten. Wer unsicher ist, sollte sich zum Beispiel beim Hausarzt, bei Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen Unterstützung holen.
Der Arzt wird sich zunächst in Gesprächen ein möglichst genaues Bild machen. Er unterhält sich in der Regel mit der Betroffenen und – wenn möglich – auch mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Er fragt vor allem nach dem Essverhalten, der eigenen Sicht des Körpers, dem Gewichtsverlauf und dem angestrebten Gewicht. Daneben sind weitere Aspekte von Interesse: Wie gestaltet sich das Familienleben, wie sehen die gemeinsamen Mahlzeiten aus? Gibt es Hinweise auf Spannungen? Wie steht es um den Freundeskreis? Bei weiblichen Betroffenen erkundigt sich der Experte auch nach dem Menstruationszyklus: Ist schon öfter die Regelblutung ausgeblieben?
Um typische Symptome (siehe auch Kapitel "Symptome") präziser zu erfassen, kommen Fragebögen und strukturierte Interviews zum Einsatz. Der Arzt versucht zu erkennen, ob die Betroffenen zwanghafte Tendenzen zeigen oder an begleitenden psychischen Erkrankungen leiden, beispielsweise einer Depression.
Die ungewöhnlich schlanke Figur fällt meistens deutlich ins Auge. Trotzdem wird der Arzt das exakte Gewicht und die Körpergröße des Patienten messen, um das Ausmaß der Krankheit festzustellen. Maßstab sind bei einem Alter unter 18 Jahren BMI-Perzentilenkurven, bei Erwachsenen ist es der Body Mass Index (siehe Kapitel "Symptome").
Wichtig ist eine gründliche körperliche Untersuchung, eventuell ergänzt um weitere Checks wie Ultraschall- oder Blutuntersuchungen. Denn einerseits muss der Arzt sicher ausschließen können, dass das Untergewicht durch ein körperliches Leiden verursacht ist, beispielsweise eine Schilddrüsenstörung. Andererseits muss der Experte herausfinden, ob sich bereits Mangelerscheinungen eingestellt haben (siehe Kapitel "Körperliche Folgen"). Im Blutbild kann sich zeigen, dass die Zahl der weißen und roten Blutzellen und der Blutplättchen vermindert ist. Der Cholesterinwert ist eventuell erhöht, der Eiweißgehalt im Blut erniedrigt. Die Messung von Blutdruck und Puls ergibt oft sehr niedrige Werte.
In vielen Fällen haben Betroffene einen verzerrten Blick, wenn es um ihren täglichen Speiseplan geht. Objektivere Informationen liefert dem Arzt ein genaues Ernährungs-Tagebuch, in dem exakt festgehalten wird, was und wie viel gegessen wurde.
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13.09.2005, aktualisiert am 17.04.2012
Bildnachweis: Stockbyte/RYF
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