Bessere Heilungschancen bei Magersucht

Magersucht ist eine lebensbedrohliche Erkrankung. Neue Forschung über Ursachen und Therapien erneuert die Behandlung. Wie Betroffene ein neues Körperbild erlernen

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 17.03.2016

Verschobene Wahrnehmung: Viele Magersüchtige empfinden sich dicker, als sie sind

Fotolia / adrenalinapura

"Jetzt will ich erst einmal leben, sterben kann ich später", sagt Meike Ullrich (Name von der Redaktion geändert). Die heute 21-Jährige war etwa sieben Jahre lang magersüchtig: Phasen einer extrem langsamen Gewichtszunahme wechselten sich mit Hungerzeiten ab. Vergangenheit. Heute entdeckt die junge Frau ein positives Ich. Es ersetzt die negativen Gefühle, die sie lange gegenüber sich selbst hegte. Ullrich hat Ziele, macht eine Ausbildung als Gärtnerin, kocht gerne und ist froh, dass Nahrung ihr Kraft gibt. Kraft für ihre Arbeit und Kraft für lange Spaziergänge mit ihrem Hund.

Alltagsleben, wie es für viele Menschen normal ist, musste Meike Ullrich erst lernen. Und ebenso, ihre Gefühle auszusprechen. Vor allem ihre innere Not. Lange hatte es nicht danach ausgesehen, als würde sie es an diesen Punkt schaffen. Doch mit therapeutischer Hilfe konnte sie inzwischen ihr Gewicht normalisieren und langfristig wieder weitestgehend gesund werden. Damit gehört sie zur Gruppe jener mindestens 40 Prozent der Magersüchtigen, denen es inzwischen gelingt, diese Krankheit zu überwinden.


Therapiefortschritte in den vergangenen fünf Jahren

Schätzungen zufolge hungern sich in Deutschland etwa ein Prozent der Mädchen und Frauen und rund 0,5 Prozent der Jungen und Männer an den Rand des Todes. Magersucht hat die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischen Leiden. Eine lebensbedrohliche Unterernährung ist nur eines von mehreren schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen, die das unbändige Bedürfnis, dünner zu werden, zur Folge haben kann. Bis zu zehn Prozent – einigen Schätzungen zufolge sogar bis zu 20 Prozent – der Patienten sterben irgendwann an Auswirkungen ihrer Essstörung.

Lange Zeit trugen die Bemühungen um wirksamere Behandlungsmöglichkeiten kaum Früchte. Doch nun bessern sich die Heilungsaussichten für erkrankte Menschen deutlich. "Es gab in den letzten fünf Jahren wichtige neue Erkenntnisse zu den Ursachen und Therapieansätzen der Anorexie", berichtet Professor Stephan Zipfel, Leiter der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Es sei zudem gelungen, sich in Europa, Nordamerika und Australien auf Standards für die Diagnostik und Behandlung zu einigen.

Ein schneller Behandlungsbeginn hat Vorteile

Experten gehen daher nun von Heilungschancen von 40 Prozent aus. "Bei jungen Patienten liegen sie sogar höher – vorausgesetzt die Magersucht beginnt nicht vor Einsetzen oder nach dem Ende der Pubertät. Und rasches Handeln des Umfeldes ist nötig", berichtet Zipfel. Der Experte für Essstörungen ist Erstautor einer der zwei entscheidenden Studien, die diese Therapieforschritte belegen.

Sein Rat: Eine qualifizierte Behandlung muss innerhalb der ersten drei Jahre nach dem Beginn der Erkrankung starten. "Denn die größten Heilungschancen bestehen, wenn die Therapie anfängt, ehe die Magersucht chronisch wird", sagt der Tübinger Mediziner. Grundlage jeder Therapie ist es, das Essverhalten der Betroffenen wieder zu normalisieren. Zusätzlich müssen regelmäßig lebenswichtige Parameter wie das Gewicht oder Kalium im Blut kontrolliert und Begleiterkrankungen behandelt werden.

Bei der psychologischen Betreuung der Patienten setzen Experten heute auf zwei Verfahren: die kognitive Verhaltenstherapie und die von der Psychotherapie abgeleitete psychodynamische Therapie. "Für beide existieren inzwischen moderate wissenschaftliche Belege bei erwachsenen Magersüchtigen, dass sie erfolgreich sind", erklärt Zipfel.

Therapieziel: Patienten und die Eltern unterstützen

In einer kognitiven Verhaltenstherapie ist beispielsweise die Angst vor dem Zunehmen ein Thema und ebenso die richtige Körperwahrnehmung oder der Umgang mit Rückfällen. Die psychodynamische Therapie – im Rahmen einer ambulanten Behandlung – konzentriert sich mehr darauf, die Motivation für die Behandlung zu stärken und Selbstwertgefühl aufzubauen. Darüber hinaus bauen Experten auf Ansätze wie das "Specialist Supportive Clinical Management". Es begleitet den Patienten im Alltag mit wöchentlichen Therapiesitzungen und Ernährungsberatung.

Betrifft eine Magersucht Heranwachsende, haben sich familienorientierte Therapien als besonders wirksam erwiesen. Sie sollen unter anderem zu einem gesunden Verhältnis zwischen den Eltern und dem betroffenen Jugendlichen beitragen und die Eltern stärken: Die Therapie lässt Schuldfragen außen vor und konzentriert sich darauf, was Eltern für die Überwindung der Essstörung und für die Gewichtsnormalisierung tun können.

Schon leichtes Abmagern ist bedenklich

Strenger als bisher bewerten Wissenschaftler inzwischen auch das Erkrankungsrisiko: Der kritische Body-Mass-Index (BMI), bei dem alle Alarmglocken läuten sollten, hat sich von 17,5 auf einen BMI von 18,5 verschoben. Dagegen ist das Ausbleiben der Regelblutung kein Kriterium mehr. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass Jugendliche, auch wenn sie nur leicht abgemagert sind, bereits mit einem erhöhten Risiko für Magersucht und andere psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen, belastet sind.

Meist ließen sich Verhaltensmuster, die auf ein Magersuchtrisiko deuten, bereits vor Ausbruch der Erkrankung ausmachen, beispielsweise Ängstlichkeit und zwanghaftes Verhalten. Während der Pubertät oder durch Konflikte kann dann die Essstörung auftreten. "Es gibt nicht die eine, einzige Ursache für Magersucht", betont Zipfel. Wenn junge Menschen das Essen einstellen, spielen mehrere Dinge zusammen. Eine genetisch bedingte Anfälligkeit zum Beispiel – oder auch Top-Model-Sendungen, die extrem dünne Mädchen präsentieren. "Magersucht hat viel mit der Selbstwert- und Persönlichkeitsentwicklung sowie mit der Suche nach Kontrolle und eigener Identität zu tun", erläutert Zipfel.

Probleme, die Gefühle anderer Menschen zu deuten

Einige Studien deuten darauf hin, dass magersüchtige Patienten Schwierigkeiten haben, Empfindungen anderer zu erkennen und sehr am Detail haften. "Magersüchtige Mädchen verweigern sich lustvollen Aspekten des Lebens. Das gilt für das Essen wie auch für die sexuelle Entwicklung. Bei einer kleineren Gruppe können auch sexuelle Übergriffe ein Auslöser für eine Magersucht sein," berichtet der Experte.

Meike Ullrich sieht bei ihrer früheren Magersucht viele Bezüge zu den Themen "schwaches Selbstwertgefühl" und "Suche nach Kontrolle". Als zweitältestes von fünf Kindern empfand sie die Eltern als streng und der Tochter zu wenig zugewandt. Klavierspielen statt spielen gehen, den Babysitter für die kleinen Geschwister geben, während die Eltern mit dem Hausbau beschäftigt waren, putzen, aufräumen, früh Verantwortung tragen, kaum Lob: Sie hatte immer den Eindruck, gezwungen zu sein, nichts selbst entscheiden zu können. Zugleich war sie selbst eher angepasst und konfliktscheu.

Zurückhalten, was einen quält

In der 5. Klasse Gymnasium, erinnert sich Ullrich, zogen Depressionen und Selbsthass in ihr junges Leben. Sie nahm – zunächst unbewusst – langsam ab. Ihren immer weiblicher werdenden Körper lehnte sie ab und bemerkte gar nicht mehr, dass andere Menschen sie wirklich mochten. Stellten ihre Eltern ihr beim Essen Fragen zu ihrem Tag, glaubte sie nicht, dass sie das aus echtem Interesse an ihr taten. Sie zog Schlussfolgerungen wie "Ich bin es offensichtlich meinen Eltern nicht wert". Zum Beispiel als ihre Eltern wieder und wieder vertrösteten, obwohl sie sich sehnlichst einen Hund wünschte, wie ihn ihre Freundinnen auch tatsächlich bekamen. Diese Art, Situationen zu bewerten, begleitete sie. Doch sie zeigte nicht, was sie quälte, und die Eltern bemerkten es nicht. "Allein in meinem Zimmer, habe ich den Kopf gegen die Wand geschlagen und geweint. Bevor ich dann zum Essen runterging, habe ich vor dem Spiegel das Lachen geübt", berichtet sie. Mit 14 Jahren war Ullrich magersüchtig.

Sie hungerte nun bewusst. Essen oder Nichtessen: Das bot ihr eine Plattform, auf der sie selbst die Kontrolle hatte, nicht die Eltern. Diese dachten zuerst, das Problem der Tochter wäre gelöst, wenn sie einfach wieder normal essen würde. Der Hausarzt erkannte dann gleich beim ersten Besuch der mittlerweile 16-Jährigen die Magersucht. Er wies das Mädchen umgehend in eine Klinik ein. Mehrere stationäre Aufenthalte, Tageskliniken und ambulante Therapien folgten. Immer wieder wurde sie rückfällig, hungerte erneut. "Die Angst vor dem Zunehmen, vor völligen Kontrollverlust war lange Zeit riesig", erzählt Ullrich. Und das, obgleich sie viel Sport machte. "Ich war so hippelig, musste mich unbedingt bewegen. Das hatte schon zwanghafte Züge, aber die innere Unruhe war so groß", berichtet sie. Irgendwann war für die junge Frau die Ablehnung des eigenen Körpers fast schlimmer als die Angst vorm Zunehmen.

Therapieerfolge erfordern Geduld

Der Wunsch, gesund zu werden, entwickelte sich erst im Lauf mehrer Jahre. Es brauchte viele kleine Schritte: Gedichte schreiben; ein Freudetagebuch, das den Blick für Schönes öffnet und das Kalorienzählen vergessen lässt; die Ernährungstherapie, um das Gewicht zu normalisieren; Psychotherapie, um zu lernen wie man Gefühle benennt und diese zu hinterfragen; Therapie, um sich selbst zu analysieren und zu lernen, mit sich umzugehen; verständnisvolle Betreuungspersonen; einen besten Freund aus dem Jugendkreis – und noch vieles andere. Auch heute fällt es der angehenden Gärtnerin schwer, das "Frau sein" zu akzeptieren, doch die Magersucht ist ausgestanden und sie hat Freude am Leben.

Bei langjähriger Magersucht setzt Therapie im Alltag an

Was aber ist mit Patienten, deren Gewicht sich trotz Therapie nicht normalisiert? Nach Zipfels Aussage ist es dann das Hauptziel, dem Alltag Struktur zu geben. "Bei dieser Untergruppe geht es nicht mehr primär darum, die Magersucht zu überwinden, sondern besser damit umzugehen", sagt der Tübinger Essstörungsexperte. Manche üben einen Beruf aus oder haben Familie. Teilweise werden sie vom Hausarzt betreut, mitunter sind stationäre Aufenthalte von Zeit zu Zeit oder eine ambulante Betreuung in Tageskliniken nötig. "Die Anorexie bleibt lebenslang die Achillessehne dieser Patienten und immer in schwierigen Zeiten werden sie daran erinnert", sagt Zipfel. Aber dazwischen gibt es auch die besseren Phasen. 


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