Verschlucken: Wann es gefährlich wird

Sie haben sich beim Essen oder Trinken verschluckt? Das passiert schnell. Meist ist es nicht schlimm, manchmal kann es aber auch problematisch werden

von Dr. Martina Melzer, 06.01.2017

Leicht verschluckt? Normalerweise löst das Husten aus

Fotolia/Aleksandar Todorovic

Münzen, Nägel, Zahnprothesen, Fischgräten, Hühnchenknochen. All diese Dinge haben Menschen schon versehentlich verschluckt. Normalerweise wird beim Schluckvorgang reflektorisch der Kehlkopfdeckel verschlossen, damit Speisen und Getränke in die Speiseröhre und nicht in die Luftröhre gelangen. Anschließend öffnet sich der Deckel wieder und wir holen Luft.

Dabei kann unter ungünstigen Umständen ein Stück Essen oder Flüssigkeit in die Luftröhre schlittern – man hat sich verschluckt. Ärzte nennen das Aspiration. Es kann allerdings auch sein, dass sich zum Beispiel eine Fischgräte in der Speiseröhre verfängt. Auch dann spricht der Volksmund von Verschlucken. Fixiert ein Handwerker einen Nagel zwischen den Zähnen, kann ihm dasselbe passieren, wenn er nicht aufpasst.


Hustenreflex als Schutzmechanismus

Gerät ein Fremdkörper in die Luftröhre, reagieren wir normalerweise reflexartig mit einem heftigen Hustenreiz. "Dieser Schutzmechanismus des Körpers befördert den Gegenstand oder die Flüssigkeit normalerweise schnell wieder aus der Luftröhre heraus", erklärt Dr. Wilfried Schnieder, ärztlicher Leiter der zentralen Notaufnahme am Klinikum Herford. Begleitet wird der Hustenanfall häufig von einem Geräusch beim Luftholen. Ist die Speiseröhre betroffen, reagieren viele Menschen ebenfalls mit einem Hustenreflex. "Typisch sind aber auch ein Kloßgefühl im Hals sowie Schluckbeschwerden", sagt Schnieder.

Einmal leicht beim Essen verschluckt? Das ist normalerweise harmlos. Ist das Stückchen Brot aus der Luftröhre verschwunden oder die Fischgräte in Richtung Magen weitergewandert, lassen die Beschwerden nach wenigen Minuten wieder nach. Manchmal kann es allerdings auch gefährlich werden. "Wird ein Fremdkörper aus der Luftöhre nicht durch Husten oder andere Maßnahmen beseitigt, droht Erstickungsgefahr", warnt der Notfallmediziner. Auch ein großer Gegenstand, der sich im Kehlkopf verfängt, kann lebensbedrohlich werden. "Es kann zum Bolustod kommen, einem reflektorisch einsetzenden Herz-Kreislauf-Stillstand", so Schnieder.

Im Ernstfall Erste Hilfe leisten

In diesen Fällen muss schnell gehandelt werden. Ein paar kräftige Schläge auf den Rücken können helfen, den Fremdkörper zu entfernen. Bringt das keinen Erfolg und leidet der Betroffene an Atemnot, sofort den Notarzt rufen! Bis zu fünfmal hintereinander kann der sogenannte Heimlich-Handgriff angewendet werden. Dabei umfasst der Helfer den Betroffenen von hinten und übt mit beiden Händen ruckartig Druck auf die Magengrube aus (sogenannte Oberbauchkompression). Führt das zum Erfolg, sollte sich der Betroffene dennoch ärztlich untersuchen lassen, um innere Verletzungen auszuschließen. Hält die Atemnot weiter an, abwechselnd fünf Rückenschläge und fünfmal Heimlich-Handgriff versuchen; bei Kindern gilt die Empfehlung für den Handgriff erst ab einem Lebensalter von mindestens einem Jahr. Wie Sie Kindern bei Verschlucken helfen, lesen Sie im Beitrag "Was tun bei Atemnot und Erstickungsgefahr?" auf www.baby-und-familie.de. Wird die Person ohnmächtig und atmet nicht, muss mit Kompressionen des Brustkorbs und Atemspende als Basismaßnahmen der Wiederbelebung begonnen werden.

Wer sich öfters verschluckt, sollte einen Arzt aufsuchen. Denn Schluckbeschwerden können auf bestimmte Krankheiten hindeuten. Dazu gehören Verengungen in der Speiseröhre, aber auch die Parkinson-Krankheit oder Tumoren. Nach einem Schlaganfall haben Menschen ebenfalls häufig Schluckstörungen. Oft sind spezielle Maßnahmen nötig, etwa eine logopädische Behandlung. Denn wiederholtes Verschlucken begünstigt unter anderem teils ernste Lungenentzündungen – insbesondere, wenn dabei saurer Mageninhalt in die Lunge gelangt.

Geschwächten pflegebedürftigen Menschen fehlt manchmal die Kraft zum Husten. Dann wird Verschlucken leicht übersehen. Manche Medikamente können zudem das Aspirationsriskio beeinflussen. Pflegende sollten auf mögliche Anzeichen achten und sich im Zweifel Rat vom Arzt oder Pflegedienst holen. Aber auch Gesunde, die nach "normalem" Verschlucken anhaltende Beschwerden spüren, wenden sich am besten an einen Arzt. Es könnte zum Beispiel sein, dass Speisereste zurückgeblieben sind, welche die Bronchien reizen. Oder es steckt womöglich etwas in der Speiseröhre fest. Medizinischer Rat ist auch dann gefragt, wenn Sie versehentlich etwas Scharfkantiges verschluckt haben sollten, etwa einen Nagel.

Um dem Verschlucken vorzubeugen, sollten Sie langsam essen und die Speise gründlich kauen. "Je größer der geschluckte Bissen ist, desto höher ist das Risiko, dass er sich verfängt", meint der Notfallmediziner.


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