Lichttherapie bei Depressionen

Winterdepression: Die dunklen Herbst- und Wintermonate machen manche Menschen depressiv. Ihnen kann oft der Einsatz von sehr hellem Kunstlicht helfen

von Martina Janning, aktualisiert am 10.12.2014

Heilen mit Licht: Bei einer saisonal abhängigen Depression – im Volksmund Winterdepression – kann eine Lichttherapie helfen

Mauritius/Photononstop

Die dunkle Jahreszeit schlägt vielen Menschen aufs Gemüt – sie werden melancholisch, manche sogar regelrecht traurig. Sie fühlen sich schlapp und ohne Antrieb, gehen anderen Menschen aus dem Weg und ziehen sich in ihre vier Wände zurück. Anzeichen für eine Depression? Bei manchen Betroffenen offenbar ja. Sie reagieren auf die Herbst- und Wintermonate so stark, dass eine Diagnose wie die saisonal abhängige Depression (SAD), auch Winterdepression genannt, nahe liegt. "Die saisonal abhängige Depression ist eigentlich nichts anderes als ein 'Überbleibsel' des Winterschlafs beim Menschen – der Körper geht in einen Energiesparmodus. Bloß brauchen Menschen dies heute nicht mehr", sagt Dr. Dieter Kunz, der Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus ist.

Symptome einer Winterdepression

Die Winterdepression gilt als eine eher seltene Ausprägung der Depression. Typisch ist nicht nur, dass sie im Frühjahr verschwindet. Sie unterscheidet sich von anderen Depressionsformen zusätzlich durch drei Symptome. "Die Betroffenen schlafen mehr, sind aber trotzdem müde. Sie entwickeln einen Heißhunger auf Süßigkeiten, insbesondere auf Schokolade, und auf andere kohlenhydratreiche Lebensmittel. Und sie nehmen an Gewicht zu", erklärt Psychiater Kunz. Andere Depressionen gingen meistens mit Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Gewichtsverlust einher. Es ist aber auch möglich, dass die Beschwerden nicht eindeutig in eine Richtung weisen, weil eine Winterdepression und eine andere depressive Störung aufeinandertreffen.


Experte Dr. Dieter Kunz

W&B/Privat

Depression vom Arzt untersuchen lassen

Deshalb sollten Betroffene die Ursachen von einem Arzt abklären lassen, wenn sie Anzeichen für eine Depression bemerken. Nur so lässt sich entscheiden, welche Behandlung die richtige ist. Eine Option kann eine Lichttherapie sein. "Sie wird vor allem bei leichter bis mittelschwerer Winterdepression empfohlen. Dafür ist ihre Wirksamkeit belegt. Bei anderen Depressionsformen oder einer schweren Winterdepression kommt sie zusätzlich zu einer Psychotherapie oder zu Antidepressiva zum Einsatz", sagt Professor Helge Frieling, geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Untersuchungen zur Winterdepression haben ergeben: Von zehn mit einer Lichttherapie behandelten Patienten erleben sechs bis neun innerhalb von zwei bis drei Wochen eine Verbesserung ihrer Beschwerden. Die Behandlung kann, muss aber nicht helfen. Sie sollte nur nach ärztlicher Beratung gestartet und gestaltet werden. Ändert sich das Befinden nicht, sollten die Betroffenen sich erneut an ihren Psychiater wenden.

Sehr helle Leuchte zwischen 2.500 und 10.000 Lux

Bei einer Lichttherapie im Rahmen einer Winterdepression sitzt der Patient im Abstand von zirka 80 Zentimetern vor einer Leuchte, die möglichst 10.000 Lux stark sein sollte – zumindest nicht weniger als 2.500 Lux haben darf. Beides ist deutlich heller als eine normale Zimmerbeleuchtung, die nur 300 bis 500 Lux beträgt. "Sie müssen nicht die ganze Zeit direkt in die Lampe sehen. Es reicht, wenn Sie regelmäßig in Richtung Lichtquelle schauen", erklärt Kunz. "Während der Lichttherapie können Sie ruhig frühstücken, Zeitung lesen oder etwas anderes machen." Das Licht erreicht die Netzhaut auch durch geschlossene Augenlider hindurch und entfaltet seine Wirkung gegen Winterdepression. Wie dies genau geschieht, liegt allerdings noch im Dunkeln. Bekannt ist, dass das Kunstlicht als Zeitgeber wirkt, der die "innere Uhr" des Körpers mit der realen Uhrzeit synchronisiert.

Hintergrund: Licht steuert das Zusammenspiel der körpereigenen Hormone Melatonin und Serotonin. Durch Sonnenlicht steigt der Spiegel des "Glückshormons" Serotonin, das unter anderem positiv auf unsere Stimmung wirkt. Das "Schlafhormon" Melatonin wird vermehrt ausgeschüttet, wenn es dunkel wird. Darum kann Sonnenlicht – und dem Sonnenlicht ähnliches, sehr helles Kunstlicht – die Stimmung im wahrsten Wortsinne aufhellen, während Lichtmangel im Herbst und Winter auf das Gemüt schlagen kann.


Lichttherapie am besten morgens

Bei einer Dosis von 10.000 Lux reicht meist eine halbe Stunde Lichttherapie am Tag. Ist die Leuchte nicht so hell, muss die Behandlungszeit entsprechend länger sein. Besonders wirksam sei die Portion Kunstlicht in den Morgenstunden, sagt Kunz. Er rät, in der Zeit zwischen sieben und zehn Uhr morgens eine Lichtdusche zu nehmen. "Um vier Uhr früh zum Beispiel ist für die meisten Menschen keine gute Zeit für eine Lichttherapie, weil sie den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers in die falsche Richtung verschieben und es zu einer Art Jetlag kommen kann."

Klassischerweise wird bei einer Lichttherapie weißes Licht verwendet. "Es gibt zwar Hinweise darauf, dass auch blauweißes Licht die Stimmung positiv beeinflusst und sogar besser wirkt als weißes Licht, aber dies ist noch nicht ausreichend untersucht", sagt Kunz.

Unerwünschte Nebenwirkungen sind selten

"Eine Lichttherapie ist recht gut verträglich", urteilt Frieling. Seltene Nebenwirkungen seien Kopfschmerzen, brennende oder trockene Augen sowie trockene Schleimhäute und Hautrötungen. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen bescheinigt der Lichttherapie gegen Winterdepressionen "keine Hinweise auf Schäden". "Doch Menschen, deren Netzhaut sich schon einmal abgelöst hat, oder die an grünem Star leiden, sollten sich vor der Behandlung mit ihrem Augenarzt besprechen", rät Frieling. Außerdem sei zu bedenken, dass manche Medikamente wie Johanniskraut, ferner bestimmte Antibiotika oder Psychopharmaka die Lichtempfindlichkeit der Haut verstärkten. Auch bei bestimmten inneren Erkrankungen wie zum Beispiel Lupus erythematodes (SLE) oder Hautkrankheiten muss der Einsatz dieser Lichttherapieform vorher unbedingt mit dem Arzt abgesprochen werden.

Wenn die Diagnose Winterdepression eindeutig ist, spricht aus Sicht von Experten nichts dagegen, eine Lichttherapie zu Hause durchzuführen. Die Kosten für die Leuchte übernehmen gesetzliche Krankenversicherungen jedoch ebenso wenig wie für lichttherapeutische Sitzungen in einer Arztpraxis. Für andere Formen von Lichttherapie, wie zum Beispiel für eine UV-Bestrahlung bei Neurodermitis und Schuppenflechte (Phototherapie), tragen Krankenkassen die Kosten.


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



Bildnachweis: W&B/Privat, Mauritius/Photononstop

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