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Wie sinnvoll ist komplementäre Medizin bei Krebs?

Viele Tumorpatienten setzen auch auf ergänzende Therapien. Über den Sinn und Unsinn dieser Methoden


Pflanzliche Kost: Auch für Krebskranke meist eine gute Wahl

"Drei bis vier von fünf krebskranken Menschen in Deutschland nutzen komplementäre, also ergänzende und alternative Medizin“, sagt Professor Ulrich Kleeberg aus Hamburg. Eine schier unüberschaubare Zahl an Mitteln und Verfahren wirbt damit, schulmedizinische Therapien zu unterstützen, wirkungsvoller oder besser verträglich zu machen. Und manch verzweifelter Patient greift nach jedem Strohhalm.

Ein Problem bei ergänzenden Arzneien und Methoden in der Krebstherapie: Zwei Drittel der behandelnden Ärzte wissen nichts von der Zusatztherapie ihrer Patienten. Was noch schwerer wiegt: Viele Kranke kommen gar nicht auf die Idee, dass solche Präparate in ihrem Fall eher schaden oder mit den verordneten Medikamenten ungünstige Wechselwirkungen eingehen könnten.


Vitamine können schaden

Bis vor Kurzem stuften Wissenschaftler etwa Vitamine als mögliche Hoffnungsträger in der Tumortherapie ein. Manche Krebspatienten, die ihr Immunsystem stärken oder einen Rückfall verhindern wollen, nehmen entsprechende Mittel. Doch nun ergab eine Auswertung zahlreicher Studien über Antioxidanzien durch die angesehene Cochrane Collaboration, dass Präparate mit den Vitaminen A, C und E nicht schützen. Vielmehr deuten die Daten darauf hin, dass Vitamin A und E sowie Betacarotin die Sterblichkeit von Krebspatienten sogar erhöhen könnten.

„Vitamine und Spurenelemente sind lebenswichtig, jedoch nicht als Extrakte, sondern meist als feine Bestandteile unserer Nahrung“, stellt Dr. Markus Horneber klar, der die Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie am Klinikum Nürnberg leitet.

Dennoch lohnt es sich, in diesem Bereich differenziert zu urteilen. So greifen etwa Medikamente während einer Chemotherapie die Schleimhäute an – auch die im Mund. Dann kann Essen zusätzlich quälen. Damit sich Patienten trotzdem optimal mit Vitaminen versorgen können, stehen diese in Form von Tabletten oder Tropfen zur Verfügung. Ob sie ein solches Präparat benötigen, sollten die Betroffenen mit ihrem Arzt besprechen. Menschen, die eine Krebserkrankung seit Jahren hinter sich haben, empfiehlt Horneber jedoch, sich bei zusätzlichen Vitaminen zurückzuhalten: „Wer über einen längeren Zeitraum hoch dosierte Vitaminpräparate einnimmt, dem müssen wir sagen, dass er sich damit schaden könnte.“

Gutes tut sich hingegen jeder, der mehr pflanzliche Kost auf seinen Speiseplan setzt und damit zahlreiche hilfreiche Pflanzensubstanzen zu sich nimmt. Von einer häufig einseitigen „Krebsdiät“ raten Wissenschaftler allerdings dringend ab. „Das schwächt“, betont Professor Clemens Unger, Direktor der Klinik für Internistische Onkologie an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

Wer sich nicht auskennt, kann einen Kochkurs belegen. Auch eine auf Krebs spezialisierte Ernährungsberatung hilft weiter. Die Kosten dafür übernehmen die Krankenkassen. Fragen Sie dort nach, bevor Sie einen Termin vereinbaren.

Je intensiver sich Betroffene über eine spezielle Behandlung informieren, desto vielfältiger stellt sie sich ihnen meist dar. Das gilt auch für die Misteltherapie, die überwiegend im deutschsprachigen Raum angewendet wird. Dazu gibt es ebenfalls eine Cochrane-Übersicht. „Doch Mistelextrakte sind stets ein Gemisch aus vielen Pflanzensubstanzen“, sagt Horneber. „Viele Faktoren bestimmen ihre Zusammensetzung, beispielsweise auf welchem Baum die Pflanzen gewachsen sind und wie sie aufbereitet wurden.“


Manchen hilft Mistelextrakt

Entsprechend wenige konkrete Hinweise geben die Studien darauf, welche der verschiedenen Extrakte der Arzt einsetzen soll. Allerdings verbessern manche Patienten ihr Befinden damit nachweislich: Sie haben wieder mehr Appetit, fühlen sich körperlich kräftiger, seltener müde und matt – kurz: Ihre Lebensqualität steigt. Brustkrebspatientinnen berichteten, dass sie mit Mistel die Chemotherapie besser vertrugen.

Weil Mistelextrakte Wechselwirkungen mit Immunzellen eingehen, sollte der Arzt Vorsicht walten lassen bei Erkrankungen, bei denen das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt – also auch bestimmten Krebsarten. „Ich bin gefordert, den Patienten zu schützen. Leidet er an einer Leukämie, einem Melanom oder einem Hirntumor, kommt Mistelextrakt nicht infrage. Er kann diese – und möglicherweise auch andere – Krankheitsverläufe verschlechtern“, sagt Kleeberg. Was für die Mistel zutrifft, gilt für eine Reihe anderer Pflanzen ebenfalls: Es können unerwünschte Wirkungen auftreten, die der Arzt bedenken muss.

Die Extrakte des Johanniskrauts zum Beispiel regen den Leberstoffwechsel enorm an. Dadurch werden vielleicht andere Medikamente, die ein Patient gleichzeitig nimmt, schneller verstoffwechselt, sie verweilen kürzer im Körper und verlieren etwas von ihrer Kraft. Dann wird beispielsweise eine Chemotherapie zwar besser vertragen, weil deutlich weniger Arznei im Blut bleibt – aber das Mittel wirkt auch schwächer. Dieser Effekt kann ebenso auf weitere Arzneien zutreffen, etwa Blutverdünnungsmittel.

Viele Krebspatienten möchten ihre Heilung aktiv unterstützen. Sie wollen insbesondere ihr Immunsystem stärken, die Therapie leichter verkraften und wieder voll im Leben stehen.



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Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 28.10.2009, aktualisiert am 13.03.2012
Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF

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